EDDINGTON – Filmkritik


Foto-© LEONINE

We need to free each other´s hearts.


(Joe Cross – Eddington)

Es ist Mai 2020 und das Coronavirus ist pandemisch geworden. Emotionen kochen hoch und die Spannungen zwischen den Menschen und ihren verschiedenen Ansätzen mit der Situation umzugehen, zerren am fundamentalen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das alles geschieht im Großen der Weltpolitik als auch im Kleinen, wie in der titelgebenden Kleinstadt Eddington in New Mexico und im Mikrokosmos jeder Familie und jedes Einzelnen.

Schon während der Pandemie kam bei Filmfans die Frage auf, wann es die ersten Filme über diesen Wahnsinn geben würde? Die Antwort war, natürlich direkt, während und parallel zur Pandemie selbst. Die folgenden und wohl weit wichtigeren Fragen waren dann, wann werden wir reflektiert genug sein, um wirklich gute Filme über diesen Wahnsinn zu drehen und ab wann werden wir Bock haben, diese zu schauen. Die erste dieser Fragen hat Regisseur Ari Aster mit dem Jahr 2025 beantwortet, als er Eddington ins Kino brachte. Die zweite Frage muss jeder für sich selbst beantworten, mit dem Heimkino-Release von Eddington kann man sich dem, wie es sich zur Corona-Pandemie gehörte, zu Hause stellen. Stellen deshalb, weil der Film für jeden streckenweise unbequem sein wird, aber genau darin besteht auch seine Stärke. Aster, der auch das Drehbuch geschrieben hat, predigt keine Moral mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern legt eben diesen tief in die Wunden von Maskengegnern genauso wie von denen, die sich vorsorglich an alle Regeln gehalten und auch alle anderen zur Einhaltung aller Regeln bringen wollen. Somit sollte niemand sich komplett vor den Kopf gestoßen fühlen, aber jeder bekommt mindestens eine Ohrfeige ab.

Diesen Mangel an Rückgrat, sich klar für eine Seite zu bekennen, kann man Aster ankreiden oder ihn genau dafür loben, denn die Botschaft des Films, bei aller Grausamkeit und aller Gewalt, ist eben, dass man den Dialog offenhalten sollte. Darauf zielt auch das vorangestellte Zitat ab, auch wenn dies im Film, ausgesprochen von Joaquin Phoenix´ „Joe Cross“, sehr vergiftet und zweideutig daherkommt. Er stellt eine Seite des zentralen, personifizierten Konfliktes dar. Den maskenverweigernden und Corona skeptischen Sheriff. Ihm gegenüber steht Ted Garcia, der wirtschaftlich erfolgreiche, gesetzestreue, weltoffene Bürgermeister, gespielt, wie könnte es anders sein, von Pedro Pascal, dem wohl charmantesten Mann Hollywoods. Der Konflikt zwischen den beiden bekommt zwar durchaus mehr Facetten, dennoch sind es aber primär die Geschichten der Personen um sie herum, die dem Film Tiefe geben. Crosses Frau Louise (Emma Stone), die nicht nur eine gemeinsame Vergangenheit mit Garcia hat, sondern zusehends mit dem kultistisch schwurbligen Prediger Vernon verfällt (Austin Butler). Garcias Sohn Eric (Matt Gomez Hidaka) der, wie wohl die meisten Teenager während Corona, etwas weniger regelkonform als sein Vater mit der Pandemie umgeht und noch viele mehr. Das hat zum Vorteil, dass jeder Zuschauer zumindest Teile seiner Lebensrealität in dem Film wiederfinden wird, macht das Werk aber auch etwas überladen. Dies war dann auch der Hauptkritikpunkt zum Release. Neben der Pandemie bzw. vor diesem Hintergrund werden dann nämlich auch noch die Black Lives Matter-Bewegung, die Unterdrückung amerikanischer Ureinwohner, Rassismus im Allgemeinen, wie schon erwähnt religiöse Kulte, natürlich Verschwörungsmythen (das aber nur am Rande), AI (da war Aster seiner Zeit etwas voraus), Social Media und Polizeigewalt thematisiert. Sprich alles, was die USA und zunehmend auch uns in Europa so umtreibt. Dazu passt dann, dass Aster das grundlegende Gerüst des Westerns lange vor Corona, ja sogar vor Hereditary (2018) geschrieben hatte. Und wenn ein so belesener Mensch wie er, so lange auf einem Skript hockt, dann sammeln sich da eben viele Themen an.

Somit ist es am Ende ein sperriger und mit 2,5 Stunden auch ein sehr langer Film. Wäre er jedoch kürzer oder würde einzelne Themen ausgespart werden, würde man ihm sicher auch das vorwerfen. Denn die Themenlage ist nun einmal komplex und vielfältig. Aster selbst findet seine Filme ja immer witzig, aber wirklich lachen werden hier wenige. Spannend und mitreißend hingegen ist das Gezeigte über die komplette Spieldauer und die wenigsten werden die überraschenden und teilweise sehr brutalen Wendungen kommen sehen. Wer bereit ist sich der Thematik zu stellen, sollte dies hier auf jeden Fall tun, ein entspannter Filmabend wird es jedoch nicht, sollte bei der Thematik auch Niemand erwarten.

Eddington (US UK FI 2025)
Regie: Ari Aster
Darsteller: Joaquin Phoenix, Deirdre O’Connell, Emma Stone, Micheal Ward, Pedro Pascal, Cameron Mann, Matt Gomez Hidaka, Luke Grimes, Amélie Hoeferle, Austin Butler, William Belleau
Heimkino Release: 06. März 2026, LEONINE

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Malte Triesch

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.

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