Foto-© Bernd Hofmann
Da sind sie wieder. Fünf Jahre nach Erscheinen des bisher letzten Albums Vertigo Days melden sich The Notwist im 37. Jahr des Bestehens der Band mit neuem Stoff zurück. Wieder einmal ist einiges anders, als es vorher war. Indietronica ist es nicht, falls jemand fragt. Dieses Thema hat sich seit Ausstieg von Martin Gretschmann im Jahr 2014 nach den Aufnahmen zu Close To The Glass erledigt. Ohne ihn spielen elektronische Elemente im Kosmos der Band keine tragende Rolle mehr.
Was es jetzt ist, muss man von Track zu Track beurteilen. Schon der Kontrast zwischen den ersten beiden Titeln auf News From Planet Zombie ist immens. Teeth ist ein ruhiger Einleiter. Man schwankt zwischen Post-Rock und Jazz und Markus Acher sagt, warum er das nach all den Jahren immer noch macht: „I won’t sing in vain like all the others, I won’t get insane like all the others.“ X-Ray ist das genaue Gegenteil, schneller, lauter, punkiger. Jetzt bewegen sie sich nahe an dem Motto, das einst auf dem Debütalbum zu lesen war: Lachen und singen, tanzen und springen und GROOOARRR! Instrumentals, Coverversionen und Folk-Balladen vervollständigen im weiteren Verlauf ein Füllhorn an Einflüssen.
Natürlich fragt man sich, wie so etwas zustande kommen kann. Vielfalt kann nicht jeder. Entscheidend dafür ist offenbar die Arbeitsweise, wenn man den Worten von Markus und Cico Beck trauen kann. Wir haben mit ihnen gesprochen.
An welcher Stelle und mit welchem Song wurde euch klar, dass für The Notwist ein neuer Wegabschnitt beginnt?
Cico: Wir hatten vorbereitend in Weilheim aufgenommen, zusammen mit Olaf Opal. Zu dritt in einer kleineren Situation, wie es sie früher auch gab. Erst nahmen wir auf, was an Grundlagen da war. Dann kamen die Overdubs, dann begann die Arbeit am Arrangement. Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass wir über dieses Vorgehen nicht zum Ergebnis kommen. So entstand die Idee einer anderen Herangehensweise. Wir wollten die gesamte Band und Gäste einladen und alles komplett live spielen. Wir wollten nicht bis zum Gehtnichtmehr schnippeln, wir wollten es direkter haben. So ging ein Wunsch in Erfüllung, der in dieser Band wichtig ist. Es soll immer eine Veränderung und immer einen Fortschritt geben. Wir wollen, dass sich die Musik in Klang und Spiel weiterentwickelt.
Auf dem Vorgänger Vertigo Days war mit internationalen Gästen alles globaler angelegt. Dieses Mal spürt man regionaleren Charakter. Man kann sich denken, dass diese Musik mehr aus der Gegend von München kommt. Auf einem Bandfoto sind eine Tuba und andere Blasinstrumente zu sehen.
Markus: Bei Vertigo Days ist das, was du meinst, Resultat der Situation, dass wir im Lockdown eingesperrt und extrem limitiert waren und gar nicht raus konnten. Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich sage, dass ich es in München und Deutschland gut finde, aber nur wenn ich rauskann. Die Vorstellung, nicht mehr woanders hin zu können, wenn man will, war irgendwie ganz schrecklich. In der Situation haben wir versucht, das Beste draus zu machen. Uns half dieses Netzwerk, das sehr international entstanden ist. Wir haben Leute in ganz anderen Teilen der Welt kontaktiert, die auch zu Hause saßen und in der gleichen Lage waren. Wir haben sie gefragt, ob sie etwas für uns aufnehmen könnten. Das war kein Prozess, bei dem alles im Handumdrehen passiert. Unter den Bedingungen damals war das eine spannende Möglichkeit. Nach Corona hatte ich das Gefühl, dass die Menschen nur noch über Laptops Verbindung haben und wenig direkt passiert. Für uns war es total wichtig zu gucken, was um uns herum geschieht. Nach der erzwungenen Trennung war es befreiend, wieder mit allen zusammen zu sein. Wir konnten gemeinsam kleine und große Dinge von Angesicht zu Angesicht entwickeln.
Andere Musiker scheuen sich, stilistisch unterschiedliche Stücke auf einem Album aufeinanderprallen zu lassen. Bei euch hat man den Eindruck, dass kein Bruch entsteht, wenn auf ein introvertiertes Stück ein noisiges folgt. Alles ist Teil einer Einheit. Warum gelingt euch der Umgang mit Extremen?
Markus: Es freut mich, wenn das bei dir so ankommt. Ich denke, es hat damit zu tun, dass wir sehr viel verschiedene Musik hören und uns für sie begeistern. Nicht aus einer konzeptionellen oder analytischen Sicht heraus. Es gibt bestimmte Musik, die wir gerne hören und stilistisch aufgefächert ist. Wir verinnerlichen etwas davon, ganz ungezwungen. Auch das Mitwirken in anderen Bands spielt eine Rolle. Da nehmen wir uns Sachen vor, die uns in dem Kontext der jeweiligen Band gefallen und nahe sind und etwas ausdrücken, was wir sagen wollen oder was uns bewegt. Wir versuchen, es mit unseren Mitteln zu spielen, nicht auf perfekte Art und Weise, sondern mit unseren Mitteln, die oft limitiert sind. Wir empfinden bestimmte Sachen dann sehr intuitiv nach. Es kann aber auch ein äußerer Impuls sein, der den Ausschlag gibt. So ganz gehen die Zeiten, in denen wir leben, nicht an uns vorüber, wir separieren da nichts. So ein Stück wie X-Ray ist Resultat einer Wut, die in politisch desolaten Zeiten wie diesen sehr leicht aufkommen kann. Mit diesem Gefühl können wir genauso arbeiten wie mit Impulsen, die aus der Ruhe entstehen. Beides ist reizvoll, beides kann für uns Grundlage sein.

In Like A River heißt es: „Undead and vampires, zombies and reptiles, they grow underneath your feet, bad politics and leaders, they try to deceive us, idiots they steal and succeed.“ Gab es Bedenken, solche Gedanken so klar und deutlich zu Papier zu bringen? Viele Künstler schrecken vor solchen Ansagen zurück, bleiben lieber abstrakt.
Markus: Das ist halt so eine Wut und auch so eine Fassungslosigkeit, die sich da angestaut hat im Angesicht von politischem Chaos, der extremen Egomanie und Machtorientierung. Man hat manchmal das Gefühl, es könnte alles den Bach heruntergehen. Das betrifft die Welt da draußen. Andererseits hat jeder sein eigenes Leben und gibt es natürlich auch diese ganzen schönen persönlichen Sachen, wo Menschen zusammenkommen und sehr positive Dinge passieren. Die Platte ist trotz des Titels nicht als total desillusioniert und verzweifelt oder so sehen, weil wir spüren, wie viel Auftrieb es gibt, wenn man zusammenkommt und füreinander da ist. Wie gut und wichtig es ist, wenn man jemanden hat, Partner oder Familie, das war mir auch wichtig. So bewegt sich am Ende alles zwischen zwei Polen.
Mich erinnern die wütenden Momente auf der Platte an die frühe Phase von The Notwist, in der alles lauter, ungezähmter und weniger kontrolliert war. An Speed Metal, Noise Rock, Hardcore Punk, Dinosaur jr,, Hüsker Dü. Das bringt mich zu der Frage, wie ihr das resümiert, was in über 35 Jahren bei euch alles passiert ist. Es hat viele Veränderungen gegeben – musikalische und solche, die mit dem Geschäft zu tun haben.
Cico: Was die Jahrzehnte betrifft, hat Markus die bessere Perspektive. Ich bin eingestiegen, als alles schon auf dem absteigenden Ast war. Es ist natürlich auch für diese Band alles sehr viel teurer geworden. Diese ganze Corona-Sache hat ganz schön reingehauen, hatte Auswirkungen auf die Konzertgewohnheiten der Leute, wobei das jetzt, glaube ich, auch wieder besser geworden ist. Aber man ist grundsätzlich jetzt sehr konfrontiert mit der Situation, dass die Leute keine Platten mehr kaufen. Es ist weniger Geld da. The Notwist waren immer auch im Kontext der Kulturförderung unterwegs, mit Theatern und anderen Institutionen verbunden. Das ist auch alles ganz schön zusammengebrochen. Da darf man nicht besonders hoffnungsvoll sein, dass es wieder besser wird in nächster Zeit. Trotzdem haben wir als Band Glück gehabt. Wir haben in den letzten Jahren immer einen guten Weg gefunden, durch den alles stabil blieb.
Markus: Ich finde es ist schon sehr erschreckend oder ernüchternd, wie sehr sich durch das Internet alles verändert hat. Menschen finden Wege, sich dazwischen zu schalten und Geld abzuschöpfen. So wie bei Spotify und was weiß ich alles. Dann hört man, wie deren Chef über seine Investmentfirma Hunderte von Euro in eine Münchner KI-Rüstungsunternehmen investiert. Das ist kein schöner Rahmen. Mit Platten oder Streaming verdient man nicht mehr viel, mit Konzerten schon, weil die Leute dafür bezahlen müssen. Deshalb versuchen die Bands, alles aus Touren und Kulturförderung herauszuholen, wie Cico sagt. Dieser andauernde Kampf, der da jetzt vorhanden ist, dieses Gerangel mit Ellenbogenmentalität und was da sonst noch entsteht, all das ist mir extrem zuwider. Aber wenn man vor den Leuten steht und spielt, weiß man sofort, warum man das alles macht. Es gibt dann diese Kommunikation und die Reaktion. Wenn man hört, wie bestimmten Leuten ein bestimmtes Lied sehr viel bedeutet oder in im Leben hilft, erreicht das alles nochmal eine andere Ebene. Das ist total wichtig.
Es gibt in eurer Welt nicht nur eine, sondern mehrere Bands, die parallel zu The Notwist laufen. Da gibt es bei dir, Markus, die Hochzeitskapelle, und bei dir, Cico, Joasinho. Inwieweit haben Ideen aus diesen Bereichen das neue Album von The Notwist beeinflusst?
Markus: Ganz extrem und konkret würde ich sagen. Die Hochzeitskapelle nimmt ja immer quasi live auf, da ist das Zusammenspielen ein sehr wichtiger Aspekt. Spirit Fest ist zuallererst eine Pop-Band, bei der auch alles zügig ablief, weil die Tenniscoats oder Mat Fowler nur für einen ganz kurzen Zeitraum verfügbar waren. Da haben wir die Stücke schnell zusammen arrangiert und live in einem ganz kleinen Raum aufgenommen. Das hat uns extrem ermutigt, es weiterhin so zu machen. Es gibt weitere Projekte, die uns animiert haben, bestimmte Dinge in ihnen bei The Notwist mit einfließen zu lassen. Bisher war da immer eine Hemmschwelle. Aber The Notwist sind ganz klar Teil von einem Netzwerk. In der Band gibt es eine Antenne, die alles aufnimmt, was wir sonst noch machen. Das heißt aber nicht, dass alle Platten von The Notwist in dieselbe Richtung gehen müssen. Da werden auch wieder andere Sachen und ganz andere Ideen dazwischen kommen, die dann wieder zu einer neuen Platte führen.
Neu ist dieses Mal, dass ihr zwei Coverversionen eingespielt habt. Warum habt ihr euch für Red Sun von Neil Young entschieden?
Cico: Das hatte tatsächlich den Aufhänger, dass wir für ein Theaterstück von Jette Steckel in Zürich die Musik gemacht haben. Da war Red Sun von Neil Young im Stück festgeschrieben. Es war quasi unser Auftrag, eine Coverversion für dieses Theaterstück zu spielen. Das ist schon zwei, drei Jahre her, uns hat diese Version immer sehr gut gefallen. Dann kam die Idee auf, sie mit aufs Album nehmen. Es ist sehr romantisches Stück, mit dem Riesennamen Neil Young versehen. Da entwickelte sich die Idee, dem etwas Minimaleres entgegenzustellen. Wir fanden, dass ein wütenderes Lied von einer unbekannten Band aus der Indie-Szene passen würde. So kam es zu der Auswahl von diesen beiden Stücken. Eines wurde uns quasi in den Schoß gelegt, den Gegenpol dazu haben wir uns selbst ausgesucht.
Das Gegenstück ist How The Story Ends von Lovers aus Portland. Ist das eine Lieblingsband, die ihr über die Jahre verfolgt habt?
Markus: Ich habe die Band nicht intensiv verfolgt. Das Stück war auf so einem Kill Rock Stars-Sampler drauf. Es ist die Demo-Version davon, sie wurde zur Basis unserer Version. Ich hatte sie sie immer wieder gespielt und mitgesungen. Der Text ist total genial und es macht Spaß, mit der Wut im Bauch, die da drin steckt, zu singen. Jetzt bot sich die Chance, das mal zu covern. Ich hoffe, es gefällt den Leuten so wie mir.
The Notwist Tour:
20.04.26 Köln, Carlswerk Victoria
25.04.26 Heidelberg, Karlstorbahnhof
26.04.26 Hamburg, Große Freiheit
27.04.26 Berlin, Astra
28.04.26 Erlangen, E-Werk
09.06.26 München, Circus Krone

