GIA MARGARET – Singing


Foto-© Graham Tolbert

Everyone around me is dancing
But I am in the background, static
Closer to the ground, the planet
Equilibrium

Everyone around me is glowing
When I am in the dirt and bloated
I covered a seed to grow it
Equilibrium

Everyone around is seen
But I am underneath the ceiling
Everything unsaid, it sinks in
For a little too long

Everyone is so ecstatic
While I am in the bath, and that’s it
Lucy’s next to me, half smiling
My little equilibrium

(Gia Margaret – Everyone Around Me Dancing)

„Jeder Künstler muss seine eigene Stimme finden. Gia Margaret fand erst zu sich selbst, als sie ihre Stimme verlor.“ So lakonisch schildert die US-Musikerin aus Chicago auf ihrer Bandcamp-Seite den für eine Sängerin wohl niederschmetterndsten Befund einer Verletzung, die sie jahrelang am Singen hinderte. Man beginnt dann, falls überhaupt Aussicht auf Heilung besteht, wieder ganz von vorn. Und benennt, wenn die Stimme tatsächlich wieder zurückkehrt, sein neues Album schlicht Singing. Was bei anderen als Titel etwas einfallslos klänge, wird bei Gia Margaret zum trotzigen Ausdruck künstlerischer Selbstbehauptung.

Und sie singt wirklich wunderschön auf dieser Platte – meist leise zwar, tastend, oft unterstützt durch die sensiblen Background Vocals ihres Kreativpartners und Co-Producers Doug Saltzman und anderer Freunde, vor einer luftigen elektronisch-akustischen Klangkulisse. Zeitweise klingt das wie späte Talk Talk mit weiblichen Vocals, etwa im aufs Äußerste reduzierten, hoch atmosphärischen Opener Everyone Around Me Dancing (inklusive toller Ambient-Jazz-Trompete von Arve Henrickson), einem Song, der im begleitenden Video das Verschwinden eines stillen Menschen im Hintergrund einer Party thematisiert. Oder im anschließenden Cellular Reverse, einem berührenden Piano-Pop-Stück.

So haucht sich Gia Margaret zunächst durch eine Handvoll Lieder, bei denen man die Ohren spitzen muss, um alles zu hören, was sich da auf der Vokal-, Instrumental- und Arrangement-Ebene abspielt. Erst ab Track 7, Good Friend, öffnet sich die Sängerin ein wenig mehr dem Pop, und auch hier, in der sommerlichen Melodie und ihrem frohen Gesang, spürt man, dass sie nach der Katastrophe des Stimmverlusts zu sich selbst gefunden hat. Aber Stücke wie Phone Screen verorten Singing auch danach noch in einem ätherischen, schwebenden, träumerischen Ambient-Artpop.

Diesem Comeback-Album vorausgegangen waren andere musikalische Ausdrucksformen in instrumentaler Form, mit „einer komplexen, heimeligen Form der Ambient-Musik“, wie es bei Bandcamp heißt. „Es gab eine Zeit, in der ich wirklich nicht wusste, ob ich jemals wieder singen würde“, sagt Gia Margaret. „Als ich dann genesen war, lastete ein großer innerer Druck auf mir, stark zurückzukommen. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Es fühlte sich also an wie ein Neuanfang und eine Wiederverbindung mit diesen sehr alten, alten Teilen von mir selbst.“

Singing wurde teilweise in London mit Guy Sigsworth aufgenommen, der dabei half, die Fülle an Ideen für den Neustart zu bündeln. David Bazan (Pedro The Lion), Amy Millan (Stars, Broken Social Scene) und Deb Talan (The Weepies) sind ebenso zu hören wie Kurt Vile (mit feinen Gitarrensolo im Closer E-Motion) und der umtriebige Multiinstrumentalist Sean Carey. Die Promihelfer-Namen überdecken aber zum Glück nicht die Leistung von Gia Margaret selbst, die sich in diesen zwölf Tracks als Singer-Songwriterin eindrucksvoll auf die Bühne zurückgekämpft hat.

Gia Margaret – Singing
VÖ: 24. April 2026, Jagjaguwar
www.giamargaret.net
www.facebook.com/gia.margaret

YouTube Video

Werner Herpell

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