HAMNET – Filmkritik


Foto-© Universal Pictures

Look at me.

(Agnes – Hamnet)

Sie (Jessie Buckley), eine Frau in Rot, die der Natur verbunden ist und ihre Zeit im Wald verbringt, er (Paul Mescal), ein blau gekleideter Mann der Worte, der seine Zeit am Schreibtisch verbringt, finden scheinbar schicksalhaft zueinander. Ihre Liebeswerbung wirkt überstürzt, aber sehr leidenschaftlich. Er, dessen Name bis zum vorletzten Akt nie ausgesprochen wird, umwirbt sie, Agnes, ihr Name wird in fast jeder essenziellen Szene genannt, mit einer gefühlvollen Nacherzählung der griechischen Sage des Dichters Orpheus und seiner geliebten Ehefrau Eurydike. Eine Nacherzählung, die den gemeinsamen Lebensweg von ihr und ihm schon fast prophetisch umschreibt.

Dreckig, aber nie unangenehm oder gar abstoßend, sondern ehrlich, nahezu unverfälscht wird ein Bild des alltäglichen Lebens im elisabethanischen Stratford gezeichnet, einem Ort des Handwerks und der Tradition sowie klar definierter Geschlechterrollen. Agnes stößt dabei nicht nur durch ihre offenen Haare und ihren ungezähmten Geist hervor, sondern trägt ihr Herz auf der Zunge. Was ihrer strikten und sich den gesellschaftlichen Normen angepassten Schwiegermutter Mary missfällt. Emily Watson verkörpert als Schwiegermutter zum einen die Unbeholfenheit von Schwieger-/Eltern, die oft andere Lebensvorstellungen und Sichtweisen haben, aber auch das stille Verständnis für durchlittenes Leid und erworbene Lebenserfahrung. Und die starken Momente zwischen Buckley und Watson, zwei oberflächlich sehr gegensätzliche Charaktere, zeigen dabei unterschiedliche Facetten des weiblichen Lebens in einer patriarchalischen Gesellschaft auf. Ohne die eine oder andere Art zu romantisieren oder zu verurteilen, fügt die Stärke, Solidarität und Opferbereitschaft der beiden Frauen dem Film eine weitere sehr sehenswerte Ebene hinzu.

Der Fokus des Films liegt jedoch auf einer unvermeidlichen und verheerenden Tragödie. Alle Schauspieler, ob jung oder alt, vermitteln dabei auf eindringliche Weise die schmerzvollen, drückenden, körperlichen Manifestationen von Trauer; insbesondere Jessie Buckley bricht mit ihrer Darstellung einem das Herz. Jacobi Jupe leistet als Agnes´ kleiner Sohn Hamnet ebenfalls eine hervorragende Darstellung und spielt einen sensiblen, liebenswerten Jungen, dessen emotionale Tiefe besonders berührt.

Sowohl das Spiel als auch die Inszenierung des Films sind bodenständig und naturalistisch, was dem Film sowohl Realismus als auch eine natürliche, organisch erschaffene Tiefe verleiht. Neben dem zentralen Handlungsstrang um Agnes und Hamnet wird suggeriert, dass Shakespeare, so der Familienname von Agnes´ Ehegatten, schon Jahre vor der tatsächlichen Entstehung einiger seiner Werke, die Ideen zu diesen entwickelte, inspiriert durch das Leben mit sowie die Liebe zu seiner Familie. Dies steht jedoch nie im Zentrum der Handlung, aber veranschaulicht seine Art des Umgangs mit der Tragödie sowie Trauer und zeigt, dass Kunst uns helfen kann, das auszudrücken, was „einfache“ Worte nicht in der Lage sind.

Das herzzerreißende Finale, als Agnes endlich Stratford, ihr „Nest“, verlässt und nach London reist, um sich die Aufführung von Hamlet anzusehen, ist der Höhepunkt aller bisherig gezeigten Ereignisse. Wir sehen die berühmtesten Szenen des Stücks auf der Bühne mit Noah Jupe – dem echten älteren Bruder von Jacobi – als Prinz Hamlet. Während die wunderschönen jambischen Verse für sich sprechen, werden wir Zeugen einer kollektiven Verarbeitung von Trauer, die sich während des Stückes entfaltet.

Sowohl Regisseurin und Co-Autorin Chloé Zhao als auch Shakespeare teilen die Liebe zur Natur; und das aufmerksame (Kamera-)Auge von Zhao streift sowohl durch die Täler von Gesichtern und als auch Landschaften. Die Tränen, die – wie Bäche durch nebelverhangene Landschaft – über Euer Gesicht laufen werden, sind Tränen einer mehrere Ebenen übergreifenden Katharsis. Und der Rest ist, wie Hamlet einst sagte, Stille.

Hamnet (USA 2025)
Regie: Chloé Zhao
Darsteller: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Joe Alwyn
Heimkino-Release: 23. April 2026, Universal Pictures

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Helena Barth

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