
Foto-© Tobis Film
I have a purpose!
(Marty – Marty Supreme)
Marty (Timothée Chalamet) ist von Geburt an zu Großem bestimmt, davon ist zumindest er überzeugt. Dafür geht er über Leichen, nicht wörtlich, oder zumindest nicht absichtlich, aber in Kauf nehmen würde er sie schon. Auch wenn seine Berufung zwar indirekt Reichtum ist, ist es primär Ruhm, auf den er aus ist. Dies jedoch in der grundsätzlich eher weniger aggressiven oder gar gefährlichen Nische des Tischtennis. Doch auch in diesem Sport gibt es eine Elite, zu welcher der „streetsmarte“ aber nicht unbedingt gebildete oder gar wohlhabende Marty bei weitem nicht gehört. Diese ist die Geschichte wie er der größte Tischtennisspieler der Welt wird, das weiß er und das spürt auch der Zuschauer ab der ersten Szene.
Ebenso spürt man ab der ersten Szene, dass dies ein Film von Benny Safdie, der gemeinsam mit seinem Bruder Josh schon die Stress-Achterbahnfahrten Uncut Gems (2019) und Good Time (2017) inszeniert hat. Auch ähnlich wie, vor allem bei Uncut Gems haben wir wieder einen Protagonisten, der zwar smart ist, aber konstant weit mehr zu tun versucht als er zu tun vermag. Auch wenn wir hier, wenn man die drei als Trilogie ansehen würde, angefangen von Connie (Robert Pattinson) aus Good Time, über Howard (Adam Sandler) aus Uncut Gems bis hin zu Marty konstant das Kompetenzlevel der Protagonisten steigern, ist der Film sehr weit davon entfernt uns „Competence Porn“ à la The Astronaut (2026) zu präsentieren. Auch wenn viele von Martys Plänen letzten Endes irgendwie aufgehen, der Weg dahin ist, ob seiner unendlichen Arroganz (und dann auch immer wieder Selbstüberschätzung) fast so fremdschämig wie ein Stromberg (2025). Was dem Film dabei hilft, dennoch mit Marty mitzufiebern, ist, ähnlich wie bei den anderen „Safdie“-Beispielen, der unglaubliche Charme des Protagonisten. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die Grenzen zwischen Chalamet und Marty verschwimmen. Nicht nur war der Großteil der Marketingkampagne genau hierauf ausgelegt, die charakterliche Ähnlichkeit und karrieretechnischen Ambitionen zwischen den beiden sind so frappierend, dass einzig der Fakt, dass es sich um einen Historienfilm handelt, den Zuschauer davon abhält, die beiden Personen gedanklich komplett verschmelzen zu lassen. Denn, dass Chalamet nebenbei Tischtennisstar werden möchte, würde man ihm glauben, aber eben nicht in den 1950ern.
Ironischerweise und kaum glaubhaft, basiert der Film sogar lose auf wahren (wenn auch nicht Chalamets) Begebenheiten. Für das Seherlebnis ist am Ende jedoch unerheblich was wahr und unwahr oder warum genau dieser Darsteller so verdammt gut passt. Fakt ist, Regisseur Josh Safdie liefert erneut und dieses Mal ohne Hilfe von seinem Bruder einen absoluten Adrenalinrausch ab. Immer absurder wird die Geschichte, während sich Marty in einem immer dichteren Netz aus Versprechen, Verpflichtungen und Chaos verstrickt, obwohl er an sich ja ein absolut geradliniges Ziel verfolgt. Nur versucht er keines der Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, tatsächlich zu lösen. Vielmehr sucht er bei jeder Gelegenheit eine Abkürzung, einen Umweg, eine irgendwie geartete Option das Problem zu umgehen oder zumindest aufzuschieben. Aufzuschieben auf eine Zeit, nachdem der Erfolg da ist und es sich ja dann ohnehin mehr oder weniger von selbst in Luft auflöst. Denn aus seiner Perspektive sind alle Herausforderungen der Welt, die nicht direkt der nächste, beste Tischtennisgegner sind, gegen den er sein Können erproben kann, seiner Aufmerksamkeit nicht würdig. Jedes Mal, wenn ihn das ganze Chaos dann einholt, ist man zwiegespalten, denn Marty ist kein wirklich guter Mensch und alles, was ihm misslingt und widerfährt, hat er sich zweifelsohne selbst eingebrockt. Gleichzeitig ist er aber so unglaublich charmant und weiß genau, was er erreichen will, dass man es ihm einfach nicht so richtig übelnehmen kann.
Ob man sich für Tischtennis begeistern kann, ist völlig unerheblich bei dieser Geschichte, das muss noch einmal gesagt werden. Stressresistent hingegen sollte man jedoch sein, denn Josh Safdie treibt dem Zuschauer erneut nahezu die ganze Laufzeit über den Puls auf das Maximum. Chalamets Performance schafft es dabei die Absurdität von Marty so weit zu erden und mit Sympathie aufzuladen, dass man einfach mitfiebern muss. Dass der ins Marketing einprogrammierte Oscar-Erfolg dann ausblieb, passt dabei fast genau so perfekt zu Martys Arroganz, wie es ein Sieg getan hätte. Auf keinen Fall sollte man sich also davon abschrecken lassen und spätestens nun im Heimkino Marty Supremes eigentlich unaufhaltsamen Siegeszug bewundern.

Marty Supreme (US FN 2025)
Regie: Josh Safdie
Darsteller: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion, Larry „Ratso“ Sloman, Sandra Bernhard, Luke Manley, Ralph Comucci
Heimkino Release: 07. Mai 2026, Tobis Film

