ORANGE BLOSSOM SPECIAL FESTIVAL 2026 – Vorbericht

Foto-© Stephan Strache

2024 verschlug es mich zum ersten Mal über Pfingsten in die westfälische Provinz zum Orange Blossom Special nach Beverungen. Ich stimmte schnell in den vorab bereits so oft vernommen Chor der „Warum bin ich erst jetzt hier?“-Menschen ein. Trotzdem musste erneut ein Jahr vorüberziehen, ehe ich es wieder auf das „beste kleine Open Air der Welt“ (Rolling Stone) schaffe.

Letztes Frühjahr wurde das Maifeld Derby zu Grabe getragen. Es noch einmal in Fülle auszukosten, alles einzusaugen ließ keinen Platz für den zeitnahen Besuch eines weiteren Festivals. Noch nicht einmal für das Orange Blossom Special. Mittlerweile sind die Tränen etwas getrocknet. Ein Mai ohne Maifeld Derby fühlt sich aber immer noch seltsam an. Trotzdem versuche ich die Lücke zu füllen. Auch wenn es an Pfingsten eine „Mini Maifeld Edition“ in Form eines Ein-Tages-Club-Festival in Heidelberg gibt, zieht es mich dieses Mal auf das Orange Blossom Special. Im Booking beider Veranstaltungen finden sich Parallelen: Marlo Grosshardt, Bikini Beach und Man/Woman/Chainsaw spielen in Beverungen und Heidelberg. Die Mini-Maifeld-Version bricht ansonsten deutlich mehr Genregrenzen, bietet auch HipHop und elektronische Klänge. Das OBS bleibt bei aller spannenden Diversität der Gitarrenmusik treu. Ausflüge zu HipHop oder in elektronische Sparten sucht Mensch vergeblich. Ob die eigene Wahl nun auf die Maifeld Edition oder das OBS fällt, ich bin mir sicher, musikaffiner Mensch kann nicht falsch liegen und enttäuscht werden.

Während die Mini-Maifeld Ausgabe aber in Windeseile noch vor Bestätigung erster Künstler*innen ausverkauft vermelden durfte, macht auch dem Orange Blossom Special der Besucher*innenschwund unter dem aktuell so viele kleinere, unabhängige Festivals leiden zu schaffen. Trotz famosem Line Up ist das diesjährige Festival noch weit von ausverkauft entfernt. Es gibt nicht einmal eine Woche vorm Festivalbeginn immer noch Festival- wie Tagestickets. Anfang des Jahres teilte Festival-Macher Rembert Stiewe in seinem selbstbetitelten „Jammerpost“ sehr transparent, wie es um die Finanzen des Festivals und damit auch seinem Fortbestehen in dieser Form steht: deutlich geringere Vorverkaufszahlen treffen auf deutlich gestiegene Produktionskosten, so dass dieses Jahr selbst die so oft zitierte schwarze Null noch in weiter Ferne steht. Während sich seit 2022 die Ausgaben um etwa 30% erhöhten, schwinden die Einnahmen. Zum Zeitpunkt des Posts waren erst 63% des Vorverkaufskontingent von 3400 Karten verkauft. Mittlerweile dürften es hoffentlich mehr sein, genügend aber mit Sicherheit nicht. Seit der Pandemie war das OBS nicht mehr ausverkauft. 90% Auslastung ist die eigene Zielmarke um gut und seriös wirtschaften zu können. Bei allem um oder unter 75% wird es jedoch eng. Vielleicht war daher auch der Verlust des Maifeld Derbys Beweggrund unbedingt wieder aufs OBS zu wollen: nicht, dass das nächste großartige kleine, unabhängige Festival von der Festivalkarte verschwindet. In Zeiten der Polykrisen haben es kleine liebevoll gestaltete und kuratierte Indie-Festivals wohin wir auch schauen schwer.

Solltet ihr also am Pfingstwochenende noch nichts vorhaben, so sei euch ein Besuch des Orange Blossom Special nur so ans Herz gelegt. Ein paar mehr Gründe warum genau, liefern vielleicht die folgenden Zeilen. Zudem lehne ich mich bereits hier aus dem Fenster: mit Glück entdeckt ihr auf dem OBS eure neue Lieblingsband. Auf jeden Fall aber ganz viel neue, spannende Musik, die euch zukünftig begleiten und bereichern wird.

Vor einem Blick ins diesjährige Festival Line Up aber ein paar Worte zur Festival DNA und warum so viele Menschen das Festival lieben: Als Glitterhouse Labelfest im hauseigenen Garten gegründet, blieb dem Festival der familiäre Charakter erhalten. Besucher*Innen wie Crew treffen sich während der drei Festivaltage immer wieder, die Größe des Festivals ist überschaubar genug dafür. Dies schafft schnell das Gefühl des Ankommens und noch schneller das, eine neue (musikalische) Heimat gefunden zu haben. Neben dem Familiären ist es aber vor allem die Musik, die zum Etablieren des Festivals sorgte. Rembert Stiewes musikalische Expertise und sein Händchen im Booking machen das OBS zum musikalischen Schlaraffenland: Jahr für Jahr lädt er einen spannenden Mix aus Newcomer*innen, alten Hasen und kruden aber unheimlich spannenden und vor allem guten Musiker*innen nach Beverungen. Das Publikum dankt es ihm, erscheint schon zu den ersten Acts (Samstag und Sonntag immerhin schon um 11.30) und übt sich durchgehend in Interesse und Respekt vor den Künstler*innen. Das Gelände ist weitläufig genug und die Menschen der Musik wegen hier. Lauthals sprechendes Publikum während eines Auftritts sucht man auf dem OBS in Bühnennähe vergeblich. Überhaupt das Gelände: es bietet Plätze für Schatten und gegen Regen und lediglich zwei Bühnen womit wir bereits beim größten Luxus des Festivals sind: dem Fernbleiben von FOMO. Man muss sich hier nicht zwischen parallel spielenden Künstler*innen entscheiden. Auch 2026 können – falls gewünscht – alle Künstler*innen gesehen werden. Man muss lediglich in der Lage sein, so viel aufnehmen zu können.

Sich nicht zwischen einzelnen Acts entscheiden zu müssen, ist eine der großartigsten Festivalerfahrungen, die mich der Besuch des OBS vor zwei Jahren lehrte. Es entspannt und nimmt Druck. Vielleicht ist das auch ein Geheimnis so vieler so glücklicher Besucher*innen. Trotz eher mauem Wetter, erblickte ich 2024 überall nur strahlende, fröhliche Gesichter: bei Gästen, Helfer*innen und Künstler*innen. Und vielleicht ist es genau das, was das OBS so besonders macht.

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Alle Anwesenden eint, zu wissen, warum sie zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort sind: der guten Musik wegen. Und das strahlen sie aus. Selbst latent verkatert. So sehr dieses Selbstverständnis eint, so divers ist die Alters- und Besucherstruktur: älteres mit dem Festival groß gewordenes Publikum trifft auf Familien mit Kindern. Langjährige Stammgäste treffen auf Musiknerds, Großstadtpublikum aus NRW und Hamburg und Nachbar*innen. Das erfrischt und erdet. Zumal alle Anwesenden die Freude auf und an guter Musik eint.

So schön sich dies alles liest, der Hauptgrund an Pfingsten nach Beverungen zu fahren ist und bleibt die Musik und die weiss auch 2026 zu begeistern. Fast schon traditionell gibt es Künstler*innen mit OBS-Vergangenheit: Marlo Grosshardt und Wrest kehren – mittlerweile den Geheimtipp-Status verlassend und ansonsten deutlich größere Venues und Festivals spielend nach Beverungen zurück. Honig spielte schon hier und Willow Parlo, die das diesjährige Festival eröffnet schreibt die Geschichte der Künstler*innen fort, die im Jahr zuvor noch auf der Mini-Bühne spielten, dort aber so zu begeistern wussten, dass sie bereits im Jahr darauf auf die große Bühne zurückkehren. Und dann gibt es da noch Schreng Schreng & La La, die musikalische Institution des Festivals. Diesmal auf Publikumswunsch auch auf der großen Bühne.

Das OBS lebt aus diesem Mix von Künstler*innen, die dort schon einmal spielten, etablierten, großartigen aber immer auch etwas nischigen Künstler*innen (Alela Diane, Frazey Ford oder Israel Nash), hiesigen Größen (Herrenmagazin und Turbostaat) und ganz vielen Künstler*innen, die man neu entdecken darf. Gefühlt müssten wir hier eigentlich alle noch nicht namentlich genannten Künstler*innen nennen. Da das dann aber schnell ins Beliebige abdriftet, picken wir uns ein paar von ihnen, auf die wir uns ganz besonders freuen heraus. Da wäre Mel D. Egal wo wir sie zuletzt sahen, Mel D wusste zu begeistern und zu unterhalten. Selbst wenn der Secret Act zuvor bei uns nicht zünden sollten, so startet spätestens mit ihr das diesjährige OBS Sonntags-Finale phantastisch. Noch nicht live gesehen, haben Worries and other Plants alles, um eine meiner neuen Lieblingsbands zu werden. Worries and other Plants wuchs vom Solo-/DIY-Projekt zur sechsköpfigen Band. Die Band klingt nach fallenlassen und ummantelt werden, nach Midlake und Calexico.

Dann freuen wir uns unheimlich auf Alela Diane. Sie wird mit Sicherheit auch auf dem OBS für Gänsehautmomente sorgen. Überhaupt dieser Mix aus Momenten zum Innehalten und der Ekstase und des Abriss bei Nils Keppel oder Tramhaus. Dazwischen Indie ob nun bei Willow Parlo, Blush Always oder Agassi.

Und dann gibt es dieses Jahr noch zwei Acts, die von Rembert Stiewe allen ganz besonders ans Herz gelegt werden. Dieser Expertise wollen auch wir uns nicht verwehren:
So buchte er seine persönliche Entdeckung des diesjährigen ESNS Festivals Grote Geelstaart unmittelbar auf das OBS und dann spielt mit Man/Woman/Chainsaw die „derzeit aufregendste Live-Band in London“ (The Line Of Best Fit). Wenn Rembert Stiewe und Timo Kumpf (Festival-Macher Maifeld Derby) beide nur so von einer Band schwärmen (und sie dann auch beide buchen) kann es nur gut werden.

Der Sonntag startet dann traditionell mit dem Suprise Act, ehe später ein wenig Maifeld Derby in Person von Gringo Mayer und seiner Kegelband zu Besuch ist. Wir sind uns sicher, die pfälzische Antwort auf Wolfgang Niedecken funktioniert auch in Westfalen.

Sich nicht zwischen einzelnen Acts entscheiden zu müssen und zeitgleich so viele, so gute Künstler*innen serviert zu bekommen ist für uns purer Luxus. Wir freuen uns, Bands wiederzusehen und neue Bands zu entdecken. Und vielleicht ist es dann auch ein hier nicht namentlich erwähnter Act, der uns im Nachhinein nur so begeistert. Es würde nicht verwundern. Noch knapp eine Woche bleibt, die Vorfreude zu kultivieren – oder sich HIER noch schnell Tickets für ein ganz besonderes Festival-Wochenende zu sichern!

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Stephan Strache

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