RICHARD NEUBERG – The Vine


Foto-© Richard Neuberg

Stars under your skin
Look up and see what they bring
Oh see what they bring when the night runs through your wings
You were cornered and tied to the past but now you see
That everything dark is light, it′s how we dream it
You thought you’d lost the fight
But you were only waiting for the light to come in

Come, come to the dance
We′ll waltz, we’ll stay ‚til the last
Oh we′ll stay ′til the last so the night blows through our wings
We were torn by the tides of chance but now we see
That everything dark is light, it’s how we dream it
You thought you′d lost the fight
But you were only waiting for the light to come in

And everything dark is light, it’s how we dream it
You thought you′d lost the fight
But you were only waiting for your life to begin
To begin, to begin, to begin

(Richard Neuberg – Everything Dark Is Light)

Es gibt eine berühmte Textzeile von Leonard Cohen (letztlich ja eine von vielen), die er in seinem Lied Anthem mit diesem unvergleichlich tiefen Bariton singt: „There is a crack, a crack in everything, that’s how the light gets in.“ Auf diese Lyrics bezieht sich Richard Neuberg im Opener seines ersten Soloalbums The Vine – und erweist sich nicht nur deswegen als herausragender Cohen-Erbe: „That everything dark is light/it’s how we dream it/You thought you’d lost the fight/But you were only waiting for the light to come in.“ Es ist der Auftakt einer fabelhaften Platte, die man bitte nicht als Party-Starter auflegen sollte (die Melancholie der elf Songs kann niederschmetternd wirken), ansonsten aber auf keinen Fall verpassen sollte.

The Vine ist ein Meisterwerk, das jeden Verehrer von Leonard Cohen (die Texte!), Nick Drake (die Streicher-Arrangements!), Richard Hawley (die Stimme!), auch von aktuell sehr angesagten Singer-Songwritern wie Nick Cave, Bill Callahan oder Matt Berninger (The National) in Bann ziehen dürfte. Aber wer ist denn nun dieser Engländer Neuberg, der scheinbar aus dem Nichts mit einem 5-Sterne-Album auftrumpft? Ältere Fans von Folk-Noir und Gothic-Americana kennen vielleicht noch seine Band Viarosa, die in den Nuller-Jahren zweieinhalb Platten veröffentlichte (auf Bandcamp noch digital erhältlich). Von Kritikern hoch gelobt und stilistisch „like The Birthday Party doing Johnny Cash“ eingeordnet, verschwanden die Oxforder dennoch irgendwann still und heimlich von der Bildfläche.

Mit seinem Solo-Debüt nach langer Pause (zuletzt leider vor allem krankheitsbedingt wegen des Fatigue-Syndroms ME/CFS) bezieht sich Richard Neuberg nun nur noch in Spurenelementen auf den Viarosa-Sound. Er entwickelt stattdessen eine eigene Singer-Songwriter-Vision mit intensiven, zerbrechlichen Liedern, die von seiner virtuos gezupften Gitarre, den an Nick Drakes Folk-Klassiker Five Leaves Left gemahnenden, von Johnny Parry arrangierten Strings, etwas Chorgesang und Neubergs warmen, weichen Leadvocals geprägt sind. Diese ohne Schlagzeug auskommenden Lieder (nur Hide And Seek ist im mittleren Tempo gehalten) brauchen kein bisschen mehr als die reduzierte Besetzung, jede zusätzliche Opulenz hätte ihre Magie gefährdet.

„The writing of the album spanned across a period of transition, during which time I arrived at a different kind of voice as a songwriter“, bestätigt Neuberg in einem Interview des Magazins Songwriting (05/2026). „After Viarosa, I was searching for a new language to my songwriting, but this took some time, with a lot of material being discarded in the process. My old way of writing began to feel too known and familiar, and I needed to challenge myself more in every way: instrumentation, melody, lyric…“ Die Richtungsänderung zu einer neuen „core identitiy“ mündete in Liedern, die dunkel schimmern und gerade in ihrer intimen Kargheit berühren.

Man spürt in den zum Teil schmerzhaft traurigen Melodien, aber auch in den sensiblen Texten von The Vine, dass Richard Neuberg seit dem Viarosa-Split keine leichten Jahre hinter sich hat. Ohnehin immer wieder von familiären Tragödien betroffen, teilte er das Schicksal ungewollter Kinderlosigkeit mit seiner Ehefrau Emma (die nun das prächtige Cover-Artwork des Soloalbums schuf), und er wurde durch seine schwere Krankheit zu Kreativpausen gezwungen. Insofern ist auch völlig unklar, wie es nach dieser Platte weitergeht.

„Actually, I’ve written very little since my health deteriorated“, sagt der britische Songwriter. „I’d pretty much finished another album before I became unwell, and I was still working on it a little in the earlier days of the illness. But I haven’t actually been able to play the guitar for several years now; the energy of it pushes
me over the edge and triggers intolerable symptoms, even if I play for a short while.“ Aber so wie die Vine-Songs immer wieder von Hoffnungsschimmern durchdrungen sind, sieht Neuberg auch für seine künstlerische Zukunft nicht komplett schwarz: „Of course, I really hope to find a way back to playing and to songwriting. It’s how I’ve made meaning in my life.“

Trösten wir uns also erst einmal mit diesem zum Niederknien schönen Album, mit erhabenen Streicherballaden wie Saltwater, The Fever, Better Ways To Mend oder A History (der einzige nicht zutiefst persönliche Song, es geht laut Neuberg um „the Brexit vote/debacle/tragedy“). Mit dem mediterran anmutenden Walzer Bells And Whistles, mit dem nur zweiminütigen Akustik-Juwel Prayer Wheel, mit dem von afrikanischen Blues-Elementen durchwirkten, an The Barr Brothers erinnernden Closer Weed Out The Vine. Diese sensationelle Platte wird bleiben, selbst wenn fürs erste kein Nachfolger in Sicht ist.

Richard Neuberg – The Vine
VÖ: 29. Mai 2026, self-released via Bandcamp
www.richardneuberg.com
www.facebook.com/richardneubergmusic

YouTube Video

Werner Herpell

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