
Foto-© Teorema
Can you tell me a little bit about the relationship?
(Private Investigator – Dreams)
Die McCarthy Familie ist reich, warum, wodurch erfahren wir nicht. Fokus der Handlung ist nicht das Geschäft des in San Francisco ansässigen Clans, sondern ihr philanthropisches Engagement. Keine Gala und kein Dinner wird ausgelassen, ohne gegenseitig hervorzuheben, wie sehr der Patriarch Michael McCarthy (Marshall Bell) und seine Kinder Jake (Rupert Friend) und Jennifer (Jessica Chastain) sich für die Bedürftigen, vor allem in Mexico einsetzen. Hinter den Kulissen interessiert dies den Vater gar nicht, den Sohn höchstens die steuerlichen Vorteile und Jennifer zumindest ein wenig. Teil ihres Faibles für Mexico ist ihre Liebschaft zu dem jungen, unglaublich begabten Balletttänzer Fernando (Isaac Hernandez) aus Mexico Stadt. Als dieser nun die gefährliche, illegale Einwanderung in die USA auf sich nimmt, um bei ihr zu sein und in San Francisco seinen Traum vom Ballett zu verwirklichen, treffen für Jennifer ihr tatsächliches und ihr Wunschleben aufeinander…
Der Plot hat das Potential für eine extrem kitschige Liebesgeschichte und für ein hartes unbarmherziges Drama. Wenn in der Eröffnungssequenz der Titel Dreams vor einem LKW in der brennend heißen Wüste eingeblendet wird, aus dessen Innerem dann Schreie ertönen und er wild zu schaukeln beginnt, weil bei den darin gefangenen Menschen tödliche Panik ausbricht, ahnt man, in welche Richtung es gehen wird. Es folgt eine lange Sequenz ohne Musik, in der Fernando, aus dem LKW befreit, sich auf den Weg nach San Francisco macht. Dort angekommen könnte man denken, dass nun doch die Liebesgeschichte startet, denn wider Erwarten wird es zunächst tatsächlich leidenschaftlich zwischen den beiden. Gerade jedoch, wenn man beginnt an ihre Beziehung zu glauben, kommen doch erste Zweifel auf.
Michel Franco, der hier wieder einmal Regie führt und auch das Drehbuch geschrieben hat, ist bekannt für harte gesellschafts- und vor allem sozialkritische Filme und führt hier sehr erfolgreich das fadenscheinige Engagement vieler reicher Menschen vor. Im Fokus steht dabei Jessica Chastains Jennifer, denn während die Philanthropie bei Vater und Bruder klar nur ein Feigenblatt nach außen ist, ist dies bei ihr vielschichtiger. Offen bleibt, ob und wenn ja, wann sie selbst realisiert, dass ihre Familie und letzten Endes auch sie niemandem wirklich hilft, oder sich zumindest nicht wirklich für jemanden oder etwas ehrlich einsetzt. Auch wenn andere Menschen von ihrem Engagement profitieren, könnte man auch mit wesentlich weniger Geld, wesentlich mehr erreichen. Ihr Privatjet und die Villa vor Ort zum Beispiel, die genutzt werden, um ab und an in Mexico Stadt vorbeizuschauen, um nach der unterstützten Schule zu schauen, kosten vermutlich mehr als die Schule selbst. Wenn am Ende mehr Geld in das Präsentieren und Inszenieren der eigenen Gutmütigkeit als in die Projekte selbst fließt, dann sind Projekte natürlich immer noch gut, richtig und wichtig, das eigene Engagement aber mindestens fragwürdig. Mit dieser Abhandlung sind wir jedoch schon tief in der Analyse, denn Regisseur Franco ist ein Meister darin Dinge zu zeigen, nicht zu kommentieren und nicht zu erklären. Hier aber nur auf Jennifers Seite der Geschichte einzugehen, wäre ein fataler Fehler, denn es ist ebenso Fernandos Geschichte. Seine ehrliche Liebe zu Jennifer ist die eine, seine ehrliche Liebe zum Ballett ist jedoch mindestens genauso stark. Ihm sind tatsächlich alle Strapazen und Widrigkeiten egal, er ist jung und möchte, koste es was es wolle, seinen Traum vom Ballett verfolgen und er möchte dies gemeinsam mit Jennifer tun. Er ist weder auf Almosen noch auf Abkürzungen aus und außer seinen Traum aufzugeben, würde er wohl wirklich alles für sie tun, er ist somit das absolut perfekte Gegenbild zu ihr und das macht die Geschichte so besonders schmerzhaft, denn gerade die absolut extremen Gegensätze gleichen sich oberflächlich zunächst.
Erwähnt werden muss auch noch, dass die Kunst wieder einmal das Leben imitiert. Denn der Darsteller Isaac Hernández wurde von Franco selbst entdeckt und dies auch noch bei einer Ballettvorstellung, zu der er von Jessica Chastains Schwester eingeladen war. Somit erklärt sich auch wie er zu diesen fantastischen Ballettleistung fähig ist, die wir im Film präsentiert bekommen. Aber auch schauspielerisch steht er Chastain in nichts nach und niemand wird Zweifel an ihrer Chemie und ihren Emotionen haben. Es bleibt ein sehr sperriger Film, so widersprüchlich wie das Verhalten seiner Protagonistin. Wir erleben leidenschaftliche Liebe und unmenschliches berechnendes Verhalten, mit einem fast auf null reduzierten Soundtrack und nicht viel mehr Hoffnung und Spaß. Franco baut unversehens einen Spannungsbogen auf, der erst in den letzten Minuten umschlägt. Sehens- und erlebenswert, vor allem wenn man gewillt ist, sich das Kinoerlebnis ein wenig zu erarbeiten.

Dreams (US MX 2025)
Regie: Michel Franco
Darsteller: Jessica Chastain, Isaac Hernandez, Rupert Friend, Marshall Bell
Kinostart: 23. Juli 2026, Weltkino

