
Foto-© Julio Assis
Once the crooked clowns have hedged their bets
And pain enshrouds the lives we tell ourselves between regrets
Once the night has come
Once we hide away
Once we live too long
Cause we tried to stay
Can you settle down beneath the weight we left behind?
When all at once, we breath defeat
All our naked greed′s belief returns us incomplete
Once the flowers wilt
And the lakes run dry
Once it’s hard to breathe beneath the blanket of smokey sky
Will you tell the truth to youth or cling to alibis
Will you tell the kids we tried
(Jacob Brodovsky – Kids)
Dass Kanada, dieses riesige Land mit relativ wenigen Einwohnern (und damit auch eher wenigen potenziellen Musikern), in der öffentlichen Wahrnehmung immer wichtiger wird, hat nicht nur politische Gründe. (Ich sage nur: Einverleibungsfantasien eines gewissen Autokraten im Weißen Haus für den „51. Bundesstaat der USA“). Die kulturelle Strahlkraft des Ahornblatt-Staates wird gefühlt immer größer und die kanadische Musikszene immer relevanter. Womit wir bei Jacob Brodovsky wären, einem noch recht jungen, aber sehr lebensweisen Singer-Songwriter aus Winnipeg/Manitoba.
Wenn Leonard Cohen und Gordon Lightfoot die Vergangenheit der kanadischen Folk- und Popmusik sind, Joni Mitchell und Neil Young ihre inzwischen schon sehr betagte Gegenwart, dann ist Brodovsky wohl die Zukunft. Mit Tell The Kids We Tried legt der Mittdreißiger sein zweites Studioalbum nach I Love You And I’m Sorry von 2022 vor, und während das Debüt „nur“ eine grundsolide, teilweise auch schon brillante Platte war, so ist dies nun ein veritables Aushängeschild des jungen kanadischen Folkpop.
In zehn meist melancholischen Stücken entwickelt Brodovsky eine Meisterschaft des Songwritings, die an einige der oben genannten kanadischen Ikonen gemahnt, aber mehr noch an aktuellere nordamerikanische Rock-Größen wie The Weakerthans (deren Frontmann John K. Samson hier eindeutig als Vorbild dient), Death Cab For Cutie (die warmen Lead-Vocals ähneln denen von Ben Gibbard), Elliott Smith oder Michael Stipe. Schon der Opener Past Mistakes berührt zutiefst. Nicht nur musikalisch mit seiner opulenten, aber nicht überladenen Produktion, in der Brodovskys sanfter Gesang von einem wundervollen Americana-Arrangement mit Chor-Stimmen und Trompete (Dominique Adams) kontrastiert wird – sondern auch textlich, erinnert sich der Musiker doch sorgsam abwägend an die Zeit der Pandemie und damit verbundene „zurückliegende Fehler“: „It’s been so hard to be hopeful/it’s been hard to look ahead/it’s been so hard to say „I’m sorry about before“/it’s been so hard getting out of bed.“
„Ich habe versucht, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit in diesem Song auf eine fiktive Figur zu übertragen“, sagt Jacob Brodovsky im Bedroomdisco-Interview. „Jemand, der wie so viele von uns während der Pandemie sehr lange Zeit weitgehend allein war und viel Zeit damit verbrachte, all die Fehler aufzuzählen, die er in der Vergangenheit begangen hatte. Wir alle tragen unsere Listen mit vergangenen Fehlern tief in uns. Oder zumindest ich tue das.“ Ja, so kann man das weltweite Drama der Pandemie aufs Private und Persönliche herunterbrechen.
Bevor man nun nachhaltig von einem Schwermut-Schub erwischt wird, lässt Jacob Brodovsky zwei feine Uptempo-Gitarrenrock-Tracks folgen. Der treibende Jangle-Pop von Colorado Low („Ich habe ihn oft aufgegeben, aber aus irgendeinem Grund schlich sich dieser Song jedes Mal, wenn ich mich daran machte, ein Album aufzunehmen, wieder in die Trackliste rein.“) und auch das Quasi-Titelstück Kids liegen stilistisch irgendwo zwischen Death Cab For Cutie und R.E.M. Abermals beeindruckt die Feinsinnigkeit, mit der Brodovsky textet („Will you tell the truth to youth/or cling to alibis/like when you tell the kids we tried?“), auch wenn der Ehemann und junge Vater bestreitet, dass dies ein Trennungssong aus eigenem Erleben sei.
Restaurant ist, nicht nur wegen des hauchzarten Gesangs, ein Lied, das auch einen Paul Simon mit Stolz erfüllen könnte. Mit dem zentralen Song des Albums, der prächtigen Ballade Older Too, gelingt Brodovsky ein weiteres Meisterstück – nicht nur wegen der tollen Bassline von John Baron. „Das ist wahrscheinlich der härteste Song auf dem Album“, sagt der Songwriter. „Ich hatte fast mein ganzes Leben lang mit Depressionen zu kämpfen, nahm das aber erst vor kurzem als echte Depression wahr. Ich habe diesen Song ungefähr zu der Zeit geschrieben, als ich mich zunehmend mit dem Gedanken anfreunden konnte, Antidepressiva auszuprobieren. Ich erinnere mich, dass ich eines Tages mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause fuhr und besonders in Selbstmitleid versank, während mir die Worte ‚I keep looking for lightness/it’s getting harder to find‘ durch den Kopf gingen.“
Jacob Brodovsky verarbeitet auf Tell The Kids We Tried tatsächlich schwere Zeiten, mehrere Lieder spiegeln seine Verletzlichkeit und die Trauer über eine verlorene Gemeinschaft: „Viele der Songs auf dem Album sind von meinen Erfahrungen in der jüdischen Community von Winnipeg geprägt – als jemand, der sich nicht wirklich mit dem Zionismus identifiziert. Ich war mehrere Jahre lang Geschäftsführer eines Sommercamps der jüdischen Gemeinde und habe im Grunde genommen gekündigt, weil die Leute ziemlich unzufrieden mit mir waren, weil ich Solidarität und Mitgefühl mit meinen palästinensischen Freunden zum Ausdruck gebracht hatte.“
So habe er Beneath It All als Appell an Menschen geschrieben, „die mir sehr am Herzen liegen, damit sie versuchen, Empathie für die Notlage des palästinensischen Volkes zu entwickeln oder zumindest offen dafür zu sein, dass viele Juden mit Israels Kriegführung nicht einverstanden sind“. Auf diesem Song singt die kanadische Songwriter-Kollegin und langjährige Freundin Charlotte Cornfield mit. „Ich war fest davon überzeugt, dass dieser Song ein Duett sein und von einer weiteren jüdischen Person gesungen werden sollte. (…) Ihre Stimme passt einfach perfekt zu diesem Lied.“ Andere Stücke behandeln die eigene Gefährdung durch Drogen (Downer), das Älterwerden (Lack Thereof), die Einsamkeit (Winters), oder sie beschreiben das Ende von Freundschaft und das notwendige Verzeihen (im fabelhaften Closer It’s Alright).
„Meine Freunde und ich veranstalten jeden Winter einen ‚Ein-Song-pro-Woche‘-Club, bei dem wir pro Woche ein neues Lied schreiben müssen. Wenn wir das nicht schaffen, fliegen wir aus dem Club raus“, erzählt Jacob Brodovsky. „Das ist eine tolle Motivation, neues Material zu schreiben. Eine Menge der Songs auf dem Album sind daraus entstanden.“ Nach dieser strengen Methode ist Tell The Kids We Tried tatsächlich eine textlich tiefschürfende und ambitionierte, musikalisch freilich äußerst zugängliche, weil mit herrlichen Melodien gesegnete Platte geworden. Und ganz gewiss eines der besten Singer-Songwriter-Werke des Jahres. Nicht nur aus Kanada.

Jacob Brodovsky – Tell The Kids We Tried
VÖ: 10. Juli 2026, Make My Day Records
www.jacobbrodovsky.com
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