NIPPON CONNECTION 2026 – Nachbericht

Vom 2.-7. Juni fand in Frankfurt am Main zum 26. Mal die Nippon Connection statt, das weltweit größte Festival des japanischen Films. Unweigerlich wurde erneut ein Zuschauerrekord aufgestellt, dieses Mal rund 21.000 Besucher. Besonders erfreulich für diese 21.000 Menschen war jedoch, dass es sich dabei zu kaum einem Zeitpunkt unangenehm überfüllt angefühlt hat. Einerseits war bestes Festivalwetter, weder zu heiß noch zu kalt oder zu nass, so dass man weder nur drinnen noch nur draußen sein wollte. Organisatorisch aber viel relevanter war, dass erneut noch mehr Locations bespielt wurden und so fand die Nippon Connection neben dem Mousonturm und der schräg gegenüber liegenden Naxoshalle an 10 weiteren Locations statt, womit sich das Festival wirklich über die komplette Frankfurter (Innen-)Stadt erstreckte. Wer also für das Festival in die Mainmetropole anreiste, bekam zwangsläufig eine Stadttour dazu. Das kann man als Mehrwert oder als notwendiges Übel sehen, für das Festival und die Stadt ist es aber auf jeden Fall ein echter Gewinn. Vor allem weil auch wieder jede, aber auch wirklich jede Location und auch vieles dazwischen, einen liebevollen japanischen Touch und das typische Nippon Connection Pink abbekam.

Neben japanischem Film gab es wie immer viel japanisches Essen und Trinken, viele Kurse (die meisten auch mindestens zweimal angeboten wurden und dennoch sofort ausgebucht waren), Konzerte, Vorträge und so vieles mehr. Im Folgenden ein Auszug davon, in unserem diesjährigen Festivalbericht.

Tag 01 (Dienstag 2.6.)

Vor dem Eröffnungsfilm gibt es traditionell ja viele Reden, man bedankt sich, lobt den kulturellen Austausch, den das Festival bietet und verweist darauf, dass für den Erhalt des Festivals viele Menschen ehrenamtlich arbeiten und man dennoch auf Spenden und die Förderung von Stadt und Staat angewiesen ist. Ein Grund mehr darauf stolz zu sein, dass all dies nun schon zum 26. Mal gelungen ist. Ein Highlight war in diesem Jahr die bewegende Rede von Oberbürgermeister Mike Josef, welche lediglich von der Shamisen-Spielerin noch übertroffen wurde. Auch wird in diesem Rahmen immer noch einmal das Festival-Motto vorgestellt, in diesem Jahr „Shades of Reality – Between Truth And Fiction“. Wobei unser Filmprorgamm in Retrospektive eher im Zeichen von alleinerziehenden Müttern und Yakuza in den 80ern stand, aber bei rund 140 Filmen hat das Festival viele verschiedene Gesichter. Nach den Reden kam auch direkt ein Highlight aus diesen 140 Filmen. Fujiko (2026) ist erst der zweite Film von Regisseur Taichi Kimura und wie er selbst im Rahmen der Deutschlandpremiere der Nippon Connection 2026 sagte, sein erster richtiger „Film“-Film. Er kommt ursprünglich aus der Musikvideoproduktion und das merkt man hier im positivsten Sinne. Nämlich in den vielen „needledrop“-Momenten, wo unglaublich passend, treibende Rockmusik eingespielt wird und vor allem in den zwei Schlüsselszenen, die dann tatsächlich in perfekt inszenierte, wie handgezeichnet wirkende, Musikvideos der 80er abdriften. Denn genau zu dieser Zeit spielt Fujiko, welcher den beeindruckenden Weg der titelgebenden, alleinerziehenden Mutter nachzeichnet und auf der Geschichte von Taichi Kimuras Mutter und den ersten vier Lebensjahren seiner älteren Schwester, hier Mari genannt, basiert. Diese kämpft im Japan der ausgehenden 70er und frühen 80er Jahre gegen alle möglichen und unmöglichen Widrigkeiten, die sich einem als alleinerziehende Mutter in den Weg stellen. Angefangen bei der Unmöglichkeit arbeiten zu wollen / müssen, während ein Kind 0 Jahre alt ist, es aber in diesem Alter keine Kinderbetreuung und auch kein Kindergeld gab. Fujiko steht diesen Hindernissen unerschütterlich und stur gegenüber, sie weiß zwar nach eigener Aussage auch nicht genau, was sie denn will, aber sie weiß, dass sie es allein erreichen kann und muss. Wie die Gesellschaft mit ihr, stellvertretend für alle alleinerziehenden oder auch „nur“ selbstbestimmten Frauen umgeht, ist dabei streckenweise schwer zu ertragen. Dass immer mal wieder etwas Humor eingestreut wird, die süße kleine Mari, die unerschütterliche Fujiko und der eine oder andere positiv gestimmte Wegbegleiter, der ihnen begegnet, denn auch die positiven Seiten werden nicht ausgespart, helfen dabei, die ein und andere bittere Pille zu schlucken. In Summe allen Widrigkeiten zum Trotz oder eben wegen dem Überkommen dieser, ein Film, der einfach unglaublich viel Lust auf das Leben macht und einen unglaublicherweise, gerade für einen japanischen Film, völlig ohne Kitsch mit einem Gefühl aus dem Kinosaal entlässt, dass man doch am Ende alles irgendwie schaffen kann. Die eingangs erwähnten Rockmusik-Einspieler sind dabei übrigens kein reiner inszenatorischer Selbstzweck, sondern mit der Geschichte und Fujikos Wesen eng verbandelt. Ein rundum gelungener und stimmiger Film, optimistisch und herzerwärmend, fast wie ein Film von Hirokazu Kore-eda, aber ohne dessen Schwere. Nach dem Eröffnungsfilm kann man es manchmal gerade so noch schaffen, sich direkt noch einen zweiten anzusehen, haben wir dieses Jahr zugunsten von Schlaf jedoch nicht getan.

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Tag 02 (Mittwoch 3.6.)

Traditionell einer der ruhigeren Tage, auch weil viele eben so verrückt sind und unter der Woche trotz Nippon Connection weiterarbeiten. Wir starten in den Tag mit einem ungezwungenen Meet & Greet, zu dem alle bereits anwesenden der rund 200 japanischen und internationalen Filmschaffenden und Künstler*innen, so wie Unterstützer des Festivals eingeladen sind, bei dem wir Gelegenheit hatten, Taichi Kimura direkt zu seinem gelungen Festivalauftakt zu gratulieren. Dann ging es weiter mit How Dare You? (2025), einem netten Boy meets Girl meets environmental consciousness-Film. Großartig gedreht aus Perspektive von Grundschülern und mit der Kamera immer auf ihrer Höhe und auch danach ging es blumig weiter mit The Last Blossom (2025), erzählt primär aus der Perspektive von dem im Sterben liegenden Yakuza Akutsu. Einsam, in einer tristen Gefängniszelle wartet er auf das Unausweichliche. Das Szenario könnte deprimierender kaum sein und doch hat er den festen Glauben alles noch einmal rumzudrehen. Sein Weg, dies zu erreichen und sein Leben und all seine Entscheidungen noch einmal zu reflektieren, ist ein Gespräch mit einer kleinen unscheinbaren Balsam-Pflanze, die in einer mit Erde gefüllten Dosen neben seinem Futon liegt. Schnell wird klar, dass diese Pflanze ein Ableger derer aus dem Garten des Hauses, in dem er den Großteil seines Lebens verbracht hat, ist und nicht nur das, sie ist weiterhin verbunden mit diesen und ihrer Vergangenheit und sie spricht und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Eine herrliche pointierte Analyse wie wir Menschen uns und unser Leben wahrnehmen und wie dies wohl aus der Sicht der Flora erscheint. Dabei nicht verkopft, sondern sehr unterhaltsam und zugänglich und immer konkret dem Leben von Akutsu folgend. Passend zu dem primär in den 80er Jahren spielenden Geschichten der sowie präsentiert in einem Animationsstil sehr nah an den Kunio-kun-Spielen.

Zum Abschluss von Tag #2 ging es dann ins Heimkino. Und zum ersten Mal seit langem auf der Nippon Connection gab es keinen Überraschungsfilm. Zumindest wenn man das Programm anständig gelesen hatte und sich nicht sofort nach Livegang der Veranstaltung blind ein Ticket für dieses Highlight gesichert hätte, da es jedes Mal sofort ausverkauft ist. Entsprechend wussten fast alle, dass in diesem Jahr Blind Woman’s Curse – Die verfluchte Schwertkämpferin mit dem Drachentattoo von Teruo Ishii live kommentiert und diskutiert werden wird. Nach Female Prisoner #701: Scorpion im Jahr 2024 war man also erneut im Yakuza-Genre unterwegs und folgte einer starken Protagonistin. Ein merkwürdig zeitloser Film, der dazu auch noch zwischen mehreren Zeitebenen wechselt. Im Kern wird dabei eine klassische Samurai-Geschichte erzählt, wie erwähnt jedoch mit vielen Yakuza-Elementen, dazu noch ein wenig Übernatürliches, durchaus auch Gore und dabei auch noch Comedy. Von allem etwas und insgesamt vielleicht etwas viel, wie auch schon „Female Prisoner“ mit einer sehr starken Meiko Kaji als Hauptdarstellerin, wobei die Perspektive im Laufe des Films öfter gewechselt wird. In Summe etwas zu unstet und mit zu vielen kleinen Fehlern um als echter Klassiker bezeichnet zu werden, aber dabei eben auch sehr innovativ an allen Ecken und Enden und sehr unterhaltsam und das sowohl mit aber sicher auch ohne den Audiokommentar, den wir beim Festival live bekamen.

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Tag 03 (Donnerstag 4.6.)

Hier mussten wir zwei Bedroomdisco Reporter uns aufteilen. Malte ging zum Bloggerfrühstück und diskutierte mit Gleichgesinnten über das Festival und das Programm. Hört dazu am besten in den offiziellen Festivalpodcast. Helena hingegen besuchte das Filmfrühstück. Dort wurde angesichts der Realverfilmung von 5 Centimeters per Second von Yoshiyuki Okayama, die 2025 erschien und die nun auf der Nippon Connection zu sehen war, der Original Anime aus 2007, eines der Frühwerke von Makoto Shinkai (z.B. Suzume (2022) oder Your Name. (2016)) aufgeführt. Das Frühstück selbst war mit dem Veranstaltungsort Die Käs wieder von dem Internationen Theater Frankfurt auf das Festivalgelände zurückgekehrt und was viele sicher gefreut hat, erstmals gab es auch tatsächlich japanisches Essen zum Frühstück. Wer jedoch ein ausladendes Buffet wie in den letzten Jahren erwartet hatte, wurde vielleicht etwas enttäuscht von den kompakten Bento Boxen. Lecker war es aber auf jeden Fall. Der verkopfte Film, mit den drei aufeinander aufbauenden Kurzgeschichten um die Erste Liebe, Trennung und das Erwachsenwerden hingegen eignet sich nicht so sehr zum Frühstücken. Gerade wenn wenig geredet wird im Film, muss man leider oft sehr gut aufpassen, so auch hier. Wesentlich subtiler als Shinkais spätere Werke, aber ähnlich ergreifend und somit auch wegen der Kürze sowohl für seine Anhänger als auch Kritiker definitiv einen Blick wert. Wenn auch noch nicht gesichtet, soll die Realverfilmung ebenfalls eine der sehenswerteren Anime-Realverfilmungen sein. Nicht nur weil sie für die gleiche Geschichte doppelt so lange braucht, sollte man auch hier mit dem Original starten.

Danach trafen wir uns wieder um die Nippon Animation Shorts Competition: Slices of Life, 10 Animationskurzfilme zu sichten. Denn Kurzfilme standen dieses Mal besonders im Fokus des Festivals, in dessen Rahmen erstmals auch der Nippon Animation Shorts Award vergeben wurde. Empfehlen können wir den gesehenen First Light, über eine Mutter am Krankenbett ihres Kindes, Weather Wish, über einen kleinen Regengeist und das Erinnern an geliebte Menschen sowie A Night at the Rest Area, in dem anhand von grummeligen, anthropomorphischen Tieren das Verhalten von Menschen an japanischen Autobahnraststädten bei Nacht dargestellt wird. Ja, ist genauso abgefahren, wie es sich anhört. Noch abgefahrener war die Rakugo (grob umschrieben: klassische japanisches Stand Up-Comedy) -Vorstellung von Katsura Sunshine, die wir danach besucht haben. Wer die Chance hat, diesen Ausnahme-Künstler zu sehen, (er tritt sonst unter anderem auf dem Broadway auf) sollte sich das nicht entgehen lassen. Pointiert wird in klassischer japanischer Theaterkunst, das moderne Japan persifliert, ein Fest!

Mit First Kiss (2025) gab es danach wieder mal einen Timeloop Film, was analog dem Kontext der Filme einfach immer wieder passiert. Regisseurin Ayuko Tsukahara hat hier jedoch einen Film geschaffen, welcher sich trotz der nicht mehr ganz innovativen Grundidee fast nie so anfühlt, als hätte man das schon mal irgendwo gesehen. Nicht zuletzt, weil der Film ausnahmsweise mal aus einer weiblichen Perspektive gezeigt wird. Denn hier reist Kanna Suzuri (Takako Matsu) zurück in die Zeit, als sie ihren Mann das erste Mal getroffen hatte. Auch wenn sie und wir wissen, dass ihre Ehe nicht gut enden wird, verliebt sich ihr Mann nahezu instant immer und immer wieder in sie, obwohl sie als „ältere“ Dame in der Zeit zurückreist. Ein Fakt, der sie und den Zuschauer ein wenig an die Bestimmung zweier Seelen füreinander glauben lässt und ähnlich wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) die Frage aufwirft, ob man es nicht aller Sicherheit des Scheiterns zum Trotz noch einmal versuchen sollte. Obgleich die Geschichte auch mit Drama und ernsteren Themen aufwarten kann, bleibt es dabei aber wesentlich lockerer und beschwingter als in dem 2004er Klassiker. Auch qualitativ kann es Tsukahars Film nicht mit Sunshine aufnehmen, aber wesentlich mehr, als was der kitschige Titel 1st Kiss erwarten lässt, wird durchaus geboten.

Den Abschluss von Tag 3 macht dann Jinsei (2025). In „nur“ 93 Minuten stellt Ryuya Suzuki, der diesen Animationsfilm (2025) während Corona in 1,5 Jahren nahezu im Alleingang erschaffen hat, so ungefähr alles in Frage, was Menschen, Leben und das Menschsein ausmachen. Wir folgen, nein, erleben dabei das Leben des Protagonisten, der in den verschiedenen Episoden, von der Schulzeit bis in die nächsthöheren Stufen der Menschheit, alles aber auch alles mitmacht. Das sieht teilweise aus wie klassische französische Arthouse Filme, manchmal wie Anime, oft wie South Park und hört sich auch so an. Von Familiendrama, Idol- und Filmstarkarriere, bis hin zu 2001: A Space Odyssey. Natürlich lief der Film dann auch noch im Mitternachtsslot, bei dem das Gehirn und der Popo schon von den vorherigen 3-4 Filmen völlig überfordert sind, aber gleichzeitig ist genau dieser Dämmerzustand vielleicht genau der Richtige für diesen Film, für diese Erfahrung. Sehenswerte filmgewordene Kunst, wer aber eine kohärente Handlung und Erklärungen erwartet, wird leider enttäuscht werden.

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Tag 04 (Freitag 5.6.)

Der Freitag startete mit einem Highlight für Horror- / Indie-Fans. Wenn man weiß, dass I Fell in Love with a Z-Grade Director in Brooklyn von Ken’ichi Ugana ein Film mit nahezu ebenso wenig Budget ist, wie der Film, den der titelgebende Z-Grade Director Jack (Estevan Munoz) inszeniert, dann vermutet man völlig zurecht, dass es mit Sicherheit um eine ernstgemeinte Liebeserklärung an den Genrefilm ist. Das Poster, mit einem blutüberströmten Pärchen vor der Brooklyn Bridge verspricht dabei drei Dinge, Horror, große Gefühle und den Drehort New York und genau das wird auch geliefert, wobei der Horror „nur“ die Passion von Protagonist Jack und eben Inhalt seines Z-Grade Debütfilms ist, um dessen Entstehung sich der Plot entspinnt. Erzählt wird die Geschichte jedoch aus der Perspektive von Shina (Ui MIhara), der eben jene großen Gefühle zu fehlen scheinen. Sie sieht fantastisch aus und hat eine respektable Karriere als Schauspielerin in Japan, aber weder dies noch die Reise mit ihrem Freund nach New York wecken auch nur den Anschein von Passion in ihr. Nachdem sie sich während des Trips von ihm trennt und dann auch noch ihr Gepäck, Ausweis, Handy und Bargeld verliert, strandet sie völlig perspektivlos und ohne jegliche Englischkenntnisse in einer ranzigen Bar. In der Bar in der zufällig Jack und seine Kollegen trinken, denen zufällig die Hauptdarstellerin ihres Films abgesprungen ist. Man muss nicht so viel Liebe für das Genre und Film mitbringen wie Jack, um das, was dann folgt zu mögen. Auch die Shinas da draußen, werden ihren Spaß mit dem Film haben, wenn sie es denn schaffen, über das Z-Grade Budget hinweg zu sehen.

Sehr lange hielt die gute Laune dann aber leider nicht, denn die nächsten beiden Filme waren eher harte Kost. Zunächst Fiamma (2025), in dem der Regieassistent Kosuke (Yukiya Kitamura) kurz vor seinem Durchbruch steht, kurz davor endlich selbst Regie führen zu dürfen. Doch bei seinem aktuellen Projekt wird ihm genau das zum Verhängnis, was ihn bisher als Regieassistent ausgezeichnet hat, seine vorherige Karriere als Journalist. Um Authentizität bemüht, schaut er zu genau hin bei der faszinierenden Geschichte, dessen Romanadaption die Grundlage seines aktuellen Filmprojektes darstellt. Geschrieben von und basierend auf dem Leben der jungen Autorin Arisa (Wan Marui), ist die Geschichte, ihre Geschichte, eine, die ganz Japan berührt hat. Doch mit jedem Hintergrundinterview, das er führt, mehren sich die Zweifel, bzw. festigt sich eine Wahrheit, die niemand hören möchte und sowohl ihre als auch seine Karriere in den Abgrund stürzen könnte. Ein Film über moralische Integrität, in der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität ebenso wie die zwischen Recht und Unrecht zusehends verschwimmen. Aufrührend und verwirrend, aber ob mit Absicht oder ohne auch ein wenig schwer zu verfolgen.

Und wer den Ursprung des nächsten Films kennt, weiß, dass es im Anschluss vermutlich nicht wesentlich leichter wird. Basierend auf einem Roman des berühmten britisch / japanischen Autors Kazuo Ishiguro kommt bei A Pale View of Hills schon in der Theorie schlicht zusammen, was zusammengehört. Der Autor, bekannt für schwere, emotionale Geschichten wie Was vom Tage übrigblieb (Buch von 1989 und 1993 auch verfilmt), ist auf allen Ebenen prädestiniert, eine Geschichte über das Leben in Nagasaki in der Nachkriegszeit der 50er und der Diskussion dieser, gemeinsam mit der nächsten Generation in den 1980er in England, zu Papier zu bringen. Denn genau darum geht es, und zwar anhand des Lebens einer Japanerin (Etsuko, gespielt von Suzu Hirose in den 50ern und von Yoh Yoshida in den 80ern) und ihren Reflektionen über das Leben in Japan, Jahre nach der „Flucht“ nach England gemeinsam mit ihrer mittlerweile erwachsenen Tochter (Niki gespielt von Camilla Aiko). Dabei werden unglaublich viele Themen gestreift, von denen viele sich dem westlichen Zuschauer, wenn man nicht gerade Japanologie studiert hat, nicht erschließen. Plakativ und offensichtlich wird, sehr typisch japanisch (wenn auch nicht unbedingt typisch für japanische Filme), fast nichts von den üblichen und unüblichen Nachwehen eines Krieges und konkret dem Atombombenabwurf und den Folgen des totalitären Regimes Japans hervorgehoben. Das macht die Geschichte jedoch nicht weniger mitreißend, denn ebenso viele der emotionalen Wahrheiten sind universell. So zum Beispiel, dass die Nachkriegszeit für die Bevölkerung immer schwer ist, aber wenn man jung ist und erst recht später verklärt auf diese Zeit zurückschaut, trotzdem viele schöne Momente erlebt wurden. Regisseur Kei Ishikawa verzichtet dabei auch bewusst darauf, die physischen Schäden und konkret die Kriegsschauplätze zu zeigen und überhaupt wirken alle Bilder des Nagasakis von früher eher wie ein Werbevideo für touristische Zwecke. Doch im Laufe des Films bekommt dieses Bild zusehends Risse, manche Erzählungen greifen nicht komplett ineinander und sowohl Etsukos Tochter wie auch der Zuschauer bekommt Zweifel an der Zuverlässigkeit der Erzählerin. Nicht nur deshalb ein Film, der trotz seiner ruhigen Erzählweise, zwei Stunden lang die Spannung aufrechterhält und inhaltlich wie inszenatorisch überzeugt. Einzig, dass sehr künstliche Englisch von Yoh Yoshida ist für den geübten Hörer etwas irritierend, denn es klingt weniger nach jemandem, der die Sprache über Jahre hinweg erlernt hat, denn als ob sie ihren Text in einer Fremdsprache auswendig aufsagt.

Von den direkten Nachwehen der Bombe, zu der späteren filmischen Aufarbeitung. Denn am Abend waren wir noch bei einem Vortrag über Godzilla von Regisseur und Autor Jörg Buttgereit und seinem Freund, dem Film-Journalisten und Moderator Christian Fuchs. Eine sehr schöne Abhandlung durch die Historie der Filme abgerundet von einem kleinen Japan-Reisebericht mit Fokus auf Godzilla.

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Tag 05 (Samstag 6.6.)

Sehr ruhig und besonnen starteten wir in den Samstag mit Guardians of the Harvest (2025). Der Film bietet einen einzigartigen Einblick in Shinto-Rituale, Bräuche und Glauben rund um Ernte, Rehe (die allseits bekannten und bei Touristen beliebten Shika) und das Leben mehr oder weniger im Einklang mit der Natur. Das alles weniger retrospektiv, sondern im Blick auf das hier und jetzt in Japan, bzw. konkret im japanischen Hinterland, wo dies noch praktiziert wird. Dabei wird fast nichts erklärt, aber viel gezeigt, viele Einblicke in Rituale und Bräuche gewährt, die sonst vor allem Ausländern komplett verschlossen bleiben. So einzigartig das Gezeigte auch ist, bleibt dabei, ob gewollt oder nicht, eine gewisse Distanz erhalten und es gibt durchaus Längen in den knapp 100 Minuten, in denen man sich anstrengen muss, bei der Sache zu bleiben. Wer sich jedoch für die Thematik interessiert, sollte unbedingt reinschauen und der wird sicher auch dranbleiben (können).

Danach ging es dann wieder zurück in die Wirrungen des 2. Weltkriegs, zumindest auf der Metaebene, denn cocoon – One Summer of Girlhood – (2025) von Yukimitsu Ina sieht aus wie ein Film des Studios Ghibli über einen fiktiven Krieg in einem fiktiven Land und ist dabei genauso sehenswert wie diese drei Faktoren es vermuten lassen. Letzteres stimmt, aber es handelt sich dabei weder um einen Ghibli-Film noch ist es reine Fiktion. Konkret basiert die Geschichte auf den Himeyuri genannten Schülerinnen, umgangssprachlich oft als „Lily Corps“ bezeichnet. Eine Gruppe von 222 Studentinnen zwischen 15 und 19 Jahren und 18 Lehrern, die gegen Ende des 2. Weltkriegs mobilisiert wurden, um als Krankenschwestern die Soldaten in der Schlacht um Okinawa zu unterstützen. Wer die reale Geschichte kennt, weiß und wer nicht, ahnt, wie grausam dies ausgegangen ist. Yukimitsu Ina legt über dieses düstere und schon oft verfilmte Kapitel der japanischen Geschichte einen irreführenden Ghibli- Filter, der den Zuschauer in falsche Sicherheit wiegt. Wobei die Inszenierung dabei auch als Metapher für die Figuren des Films steht, die sich ebenfalls über lange Strecken des Films der Grausamkeit der Realität verschließen. Wer dies als Kunstgriff akzeptieren kann, bekommt einen sehr ergreifenden Antikriegsfilm, der fast gänzliche ohne explizite Gewalt auskommt und dennoch oder gerade deswegen die Grausamkeit des Krieges sehr gut darstellt.

Als nächstes schlossen wir eine klaffende Lücke, was moderne japanische Filme angeht. Kokuho (2025) von Sang-i Lee basiert auf einem Roman von Shuichi Yoshida und lief, sicher nicht zuletzt, weil er Japans offizieller Kandidatfür die Kategorie „Bester Internationaler Film“ bei den Oscars im Jahr 2026 war, bereits vor der Nippon Connection in den Arthouse Kinos rauf und runter. Dennoch eine Seltenheit für einen japanischen Realfilm. Die Chance den Film im Kino zu erleben, sollte man sich jedoch nicht entgehen lassen, falls sie sich einem noch bietet. Denn was als Yakuza-Geschichte beginnt, erspannt sich über eine Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte von Kikuo Tachibana (Ryo Toshizawa) rund um das Kabuki-Theater beginnend im Nagasaki der 60er. Wo sich ein Großteil des Films auf der Bühne abspielt, steigt die Immersion im Kino als Surrogat für das Theater noch einmal enorm. Dazu profitiert die opulente Inszenierung ebenfalls stark von der großen Leinwand. Die Geschichte um Hingabe und Aufgabe für die Theaterkunst des Kabukis wurde von Kritikern viel mit Werken wie Black Swan verglichen und das passt durchaus. Mit dem Bonus, dass hier Einblicke in die Geschicke des Kabukis gewährt werden, eine Theaterform, Branche, ja Subkultur, die zumindest für Westler sicher noch verschlossener ist als das Ballett. Neben der fantastischen Ausstattung muss auch das Spiel von Yoshizawa gelobt werden, der von verletzlich bis überheblich die gesamte Klaviatur der Emotionen glaubwürdig abspielt. Wie eingangs erwähnt, wird hier nahezu das komplette Leben von Kikuo vom Straßenjungen bis in die höchsten Höhen des Kabukis dargestellt. Neben viel emotionalem Auf und Ab kommt diese epische Perspektive auch mit einer entsprechenden Laufzeit von knapp drei Stunden, die jedoch nie langweilig sind und sich auch kaum lang anfühlen. Wie es sich für einen japanischen Film mit internationalen Ambitionen gehört, spielt dann auch noch der aktuelle „Export Nr. 1“ Ken Watanabe zumindest eine unterstützende Rolle, was gerade für weniger Japan visierte Zuschauer ein wenig Wiedererkennungswert mit sich bringt. Auch ohne Vorkenntnisse oder Begeisterung für das Kabuki absolut sehenswert.

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Tag 06 (Samstag 7.6.)

Den letzten Tag läuteten wir mit einem sehr speziellen Film, Kiiroiko (2025), ein. Hier wird ein tauber Japaner von seinem ebenfalls tauben Kind im Taipei / Taiwan Urlaub getrennt. Was unter normalen Umständen schon eine enorm stressige Situation für Eltern und Kinder ist, eskaliert hier völlig aufgrund von Sprachbarrieren und einer Gesellschaft, die nicht auf den Umgang mit tauben Menschen vorbereitet ist. 2021 hatte zuletzt der Film Coda einen Achtungsfolg, in dem er taube Menschen und ihren Stand in der Gesellschaft in den Mittelpunkt stellte. Bei Kiiroiko jedoch sind die Hürden noch ein gutes Stück weit höher. Wir folgen dabei den beiden Verlorenen und Vater und Sohn geben sich nicht viel, was ihr Level an Verzweiflung und Hilflosigkeit angeht. Der Sohn hat jedoch Glück und trifft auf den grantigen, alten und ebenfalls tauben Chen, der ihm, zunächst nur widerwillig, hilft. Diese aufkeimende Beziehung zwischen den beiden ist dann auch das Herzstück des Films. Das Mikrobudget merkt man der Indie-Produktion zwar an, aber dennoch wird das Eintauchen in die Welt der Gehörlosen, besonders durch das reduzierte Sounddesign durchaus eindrucksvoll umgesetzt. Wobei eindrucksvoll nicht unbedingt mitreißend bedeutet. Mit Ausnahme der drei erwähnten Figuren wird das Handeln aller weiteren Personen kaum nachvollziehbar hergeleitet. Es mag stimmen, dass die Polizei vor Ort gehörlosen Japanern nicht hilft und ebenso mag es sein, dass die anscheinend mehr oder weniger ehrenamtlichen Helfer von Gehörlosen aus guten Gründen nicht mit den staatlichen Institutionen zusammenarbeiten, aber ein wenig mehr erklären hätte der Film das den Zuschauern schon. So ist man ebenfalls ein wenig irritiert und verloren und trotz der geringen Laufzeit von nur 72 Minuten ein wenig gelangweilt, weil man eben nicht wirklich abgeholt und mitgenommen wird. Es bleibt eine wichtige Botschaft und ein mutiger und beeindruckender Film, aber eben einer, der leider nicht gut unterhält.

Und der letzte Film für uns war All Greens (2025), der sich ein wenig anfühlt wie Lammbock (2001) auf Japanisch! Eine oberflächlich seichte Kiffer-Komödie über Schüler:innen, die Marihuana anbauen und verkaufen. Dazu muss man wissen, dass Drogen, egal ob Anbau, Verkauf und Konsum, auch schon von kleinen Mengen, in Japan absolut kein Kavaliersdelikt sind, sondern mit harten Strafen und gesellschaftlicher Ächtung einhergehen. Neben diesem also in Japan nicht sehr spaßigen Thema, wird auch noch Missbrauch, Vergewaltigung und allgemein Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen thematisiert. Ziemlich harter Stoff also, der hier aber die Hintergrundhandlung für typisch japanischen Slapstick liefert. Während die letzteren Themen noch halbwegs realistisch behandelt und zumindest im Ansatz ernstgenommen werden, hat man bei allem rund um das Thema Marihuana das Gefühl, dass Regisseur Takashi Koyama noch nie einen Joint in der Hand hatte, was der Regisseur vor Ort auf der Nippon Connection auch bereitwillig bestätigte. Man muss jetzt kein Kiffer sein, um einen Kiffer-Film zu machen und ehrlichweise, dealen die Protagonistinnen auch mehr, als dass sie konsumieren, aber ein wenig Ahnung von der Thematik sollte man schon haben und dass dies nicht der Fall ist, merkt man an allen Ecken und Enden des Films. Man kann ernste Themen und Comedy wunderbar verbinden, siehe zum Beispiel Lammbock und in gewissen Teilen sogar die Fortsetzung. Dafür muss man diese jedoch verstehen und ernst nehmen und dann mit Comedy entzaubern. Was bleibt, ist eine immer noch nette japanische Highschool Comey, die jedoch bei weitem weniger als die Summer ihrer Teile ist. Koyama zeigte sich jedoch vor Ort in Frankfurt durchaus am Kauf des ihm bisher unbekannten Marihuana interessiert, vielleicht wird dann hier ja, anders als bei Lammbock, die Fortsetzung noch richtig gut.

Was dagegen auch im Jahr 2026 wieder richtig gut war, war offensichtlich die Nippon Connection. Weit entfernt von dem kleinen Studentenprojekt, als das sie gestartet war, aber immer noch mit dem gleichen Elan, der gleichen Liebe, Hingabe und Charme. Der 2027er Termin steht auch schon, dieses Mal heißt es vom 8. sis zum 13. Juni wieder „Nippon Connection, japanisches Filmfestival, Frankfurt am Main“. Notiert es euch, bucht eure Züge und Hotels, wir können es jedenfalls schon jetzt kaum abwarten.

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Malte Triesch

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.

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