SHEARWATER – The New World

Nothing is ordinary
Elephant ear, coyote eye
Sing in an older language
Hold the lens up to the light
Or wander around in hell
And never decide what
Strength is

I’m a daydream unbeliever
Daydream unbeliever

Coming to take you over
Though the wine is watered down
Thrums like a premonition
The heartbeat of real life
He says
Only the strong survive
He don’t
Get to decide
What strength is

I’m a daydream unbeliever
Daydream unbeliever
I love my unbelief
Nevertheless

(Shearwater – Daydream Unbeliever)

Es gibt Alben, deren Sound ist so individuell und so ikonisch, dass er sich nicht imitieren lässt. Dazu gehören The Colour Of Spring (1986), Spirit Of Eden (1988) und Laughing Stock (1991) von der britischen Artpop-Band Talk Talk. Selbst wer sich von diesen bahnbrechenden, fragilen, gespenstisch schönen Songs auch nur inspirieren lässt, begibt sich auf dünnes Eis – die Gefahr, dabei einzubrechen, ist groß. Musik mit Anklängen an Talk Talk machen daher bis heute nur einige wenige wagemutige und selbstbewusste Künstler. Leute wie Jonathan Meiburg und sein Bandprojekt Shearwater.

Bereits vor gut 20 Jahren coverten Shearwater den legendären Spirit Of Eden-Opener The Rainbow. Dem neunminütigen Original stellten Meiburg & Co. eine gar zwölfminütige Live-Version gegenüber. Und man spürte: Die können das, die dürfen das. Wenn es um die legitime Nachfolge von Talk Talk (insbesondere in ihrer zweiten, vom chartstauglichen Synth-Pop zunehmend abgewandten Phase) ging, lagen Shearwater also schon lange weit vorn.

Das beginnt bei der so hohen wie kraftvollen Stimme des inzwischen 50-jährigen Shearwater-Frontmannes und Masterminds Meiburg, die immer an den zutiefst melancholischen Klagegesang von Talk Talks Mark Hollis (1955-2019) erinnerte. Es ging weiter mit den bisweilen ins Esoterische driftenden, dabei aber stets songorientierten Arrangements. Und nicht zuletzt enthielten die stärksten Shearwater-Tracks jene von Talk Talk ab Mitte der 80er quasi patentierte Mixtur aus cineastischer Artrock-Grandezza, flirrender Psychedelia und jazz-informiertem, filigranem Ambient-Pop.

Das neue Shearwater-Album The New World treibt diese stilistische Verwandtschaft nun auf die Spitze. Und vermeidet es dabei erstaunlicherweise, wie ein Abklatsch der drei genannten TT-Meisterwerke zu klingen. Man käme also nie auf die Idee, dem Multiinstrumentalisten-Trio Jonathan Meiburg, Dan Duszynski und Emily Lee ödes Epigonentum zu unterstellen. Nein, dies ist eine ganz eigene, faszinierende „neue Welt“ dreier stets abenteuerlustiger, experimentierfreudiger Musiker und ihrer teils prominenten Mitstreiter (Shahzad Ismaily, Doug Wieselman, Thor Harris, Leo Abrahams) – und qualitativ nochmals eine Weiterentwicklung der Shearwater-Meisterwerke Rook (2008), Jet Plane And Oxbow (2016) und The Great Awakening (2022).

Inhaltlich ist das Album – wie schon öfter beim engagierten Naturkundler und Umweltaktivisten Meiburg – ein Weck- und Warnruf angesichts der Bedrohungen für das Leben auf unserem fragilen Planeten. „Wenn es euch so geht wie uns, wacht ihr morgens mit dem Gefühl auf, dass die Welt in Flammen steht – und hofft, ihr könntet damit umgehen, wenn ihr nur wüsstet, wo ihr anfangen solltet“, sagt der Sänger und Songwriter, der vor den Aufnahmesessions auf einem deutschen Forschungsschiff in der Antarktis unterwegs war. So entstammten die fantastischen Vorab-Songs Daydream Unbeliever und More And More genau diesem unruhigen Zustand. „Wenn sie euch helfen, euch ein wenig weniger verrückt zu fühlen: Willkommen zu Hause.“

The New World erfordert (und belohnt), dass man sich Zeit nimmt für die neun teils langen Tracks – vorzugsweise unter guten Kopfhörern, denn dies ist auch eine brillant produzierte Headphones-Platte voller feiner Details und immer neuer Entdeckungen (Anspieltipps für HiFi-Fetischisten: A Mink In The Dusk, The High Ranges). Wenn im siebenminütigen Closer You And Your Dog zu Wieselmans virtuosen Klarinetten-Sounds und hauchzarten Piano-Tupfern die Avantgarde-Pop-Poetin Laurie Anderson (79) mit einer berührenden Spoken-Word-Performance zu hören ist, kehrt die von der US-Band angestrebte innere Ruhe, ein friedvoller Zustand tatsächlich ein – so wie man das von den besten Talk Talk-Alben kennt. Man taucht quasi ein in den Spirit of Shearwater.

Shearwater – The New World
VÖ: 31. Juli 2026, Polyborus
www.shearwatermusic.com
www.facebook.com/ShearwaterBand

Shearwater auf Tour mit Loma, dem anderen Artpop-Projekt von Jonathan Meiburg:
02.11.26 Hamburg, Betty
05.11.26 Berlin, Privatclub
14.11.26 München, Ampere/Muffatwerk

YouTube Video

Werner Herpell

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