
Foto-© Plaion Pictures
You don’t remember me?”
(Amin – Alpha)
Eine mysteriöse Krankheit lässt Menschen langsam zu Stein erstarren und die Welt selbst scheint ohnehin langsam an Hitze und Trockenheit zugrunde zu gehen. Letzteres beeinflusst das Leben der jungen Alpha (Mélissa Boros) augenscheinlich nicht, ersteres hingegen schon, denn ihre alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani) ist Ärztin und gerade deshalb besonders um ihre Tochter besorgt. Die Krankheit breitet sich vermutlich über Körperflüssigkeitsaustausch aus und als Alpha sich im Rausch nach der Schule ein dreckiges Tattoo stechen lässt, gerät ihr Leben und die Sorgen ihrer Mutter völlig aus den Bahnen. Als dann auch noch der völlig heruntergekommene, augenscheinlich drogenabhängige, vermeintliche Onkel Amin (Tahar Rahim), an den Alpha keinerlei Erinnerungen hat, in der Wohnung der beiden auftaucht, bricht endgültig ein Sturm aus Sorge und Verzweiflung über die kleine Familie herein.
Es ist erst der dritte Spielfilm von Julia Ducournau aber wenn man nach Raw (2016) und Titane (2021) sagt, dass es ihr wohl bisher ambitioniertestes Projekt ist, dann hat das ob der drastischen, beiden anderen Filmen schon sehr viel Gewicht. Die mysteriöse Krankheit und das dystopische Setting alleine würden schon vollkommen ausreichen, um eine spannende Geschichte zu erzählen, aber Fans der Regisseurin ahnen, dass dies nur Metapher und Hintergrund für die eigentliche Geschichte sind. So werden dann auch nur diejenigen von dem Film enttäuscht sein, die sich intensives „Worldbuilding“ und eine tiefergehende Erklärung dessen, was wir sehen, wünschen, denn dies bleibt nahezu komplett aus und das im Sinne dessen, was Ducournous bzw. ihr Werk zu sagen hat. Die offensichtlichste, so plakative Analogie, das der Film dafür viel kritisiert wurde, ist die hier thematisierte Versteinerung und das reale AIDS-Virus. Sowohl Übertragung als auch die Ausgrenzung der Infizierten oder vermutlich Infizierten gleichen sich offensichtlich und ebenso dem Stand der Forschung zum Zeitpunkt der Hochzeit von AIDS und der Krankheit in Alpha. Niemand weiß so wirklich, wie es übertragen wird bzw. viele wollen es anscheinend auch einfach nicht wissen und schlicht nichts mit den Erkrankten zu tun haben. Neben dieser zu Recht oder unrecht kritisierten, offensichtlichen Thematik, werden aber noch viele weitere Themen aufgegriffen. Im Fokus liegen unter anderem auch noch der Umgang mit drogenabhängigen Familienmitgliedern, so die Verarbeitung der Traumata, die eine solche Belastung für (Klein-) Kinder und Geschwister mit sich bringt. All diesen Themen wird viel Raum gegeben und dennoch wurde der Film im Kino und nach der Premiere in Cannes von Kritikern wie Zuschauern einerseits für zu geringen Fokus und andererseits den Fokus auf die zu offensichtliche AIDS-Analogie abgestraft. Eine Dualität, die darauf hindeutet, dass Ducournau alles richtig, aber es eben nicht allen recht gemacht hat. Inhaltlich kann man den Film somit allen Interessierten uneingeschränkt ans Herz legen, muss jedoch eine kleine Warnung ob der sehr grafischen Darstellung aussprechen. Alpha ist zwar bei weitem nicht so drastisch wie vor allem Titane und streift insgesamt das Bodyhorror-Genre, dem man die feministische Regisseurin durchaus zuordnen kann, nur am Rande. Mindestens ein bis zwei Szenen werden dennoch jedem Zuschauer sehr nah gehen, weshalb zartbesaitete sich ob der FSK 16 nicht in Sicherheit wiegen sollten.
Schauspielerisch überzeugen die drei eingangs erwähnten Hauptdarsteller:innen auf ganzer Linie. So war es Ducournau besonders wichtig, für die Protagonistin Alpha keine minderjährige Schauspielerin zu casten, um sicherzustellen, dass sie mit der Darstellerin die tieferen Themen der Rolle und des Filmes besprechen konnte. Das Ergebnis war ein langer Prozess in dem letzten Endes die sehr jung aussehende Mélissa Boros die Rolle, erst ihre zweite überhaupt, bekam. Schauspielerisch überragend, optisch perfekt, verkörpert sie Naivität, Wut und Fassungslosigkeit und es bleibt nur zu hoffen, dass wir noch viel von ihr sehen werden. Tahar Rahim wiederum hungerte sich 20kg für die Rolle des drogenabhängigen Amins ab und spielt unglaublich wütend und zerbrechlich zugleich. Abgerundet wird das Trio von der fürsorglichen, nur Maman genannten, Golshifteh Farahani, die zwischen Liebe, Kompetenz und Verzweiflung schwankt.
Ducournau spricht ganz offen über die verwendeten Metaphern des Filmes und diese gehen noch weit über das hier Skizzierte hinaus. Wer also nach dem Film tiefer in die Analyse eintauchen will, dem seien die Interviews mit der Ausnahme-Regisseurin herzlichst empfohlen. Aber auch wer nur vermag den Film mit all seiner Wut, seinem Schmerz, aber auch seiner Liebe gute zwei Stunden auf sich wirken lassen will, sollte dies unbedingt tun.

Alpha (FR BE 2025)
Regie: Julia Ducournau
Darsteller: Tahar Rahim, Golshifteh Farahani, Mélissa Boros, Emma Mckay
Heimkino Release: 02. Juli 2026, Plaion Pictures

