SONDRE LERCHE – Acrobats


Foto-© Hilde Solli

We were just kids, she called me Sonny
I was such a charismatic ghost
Her voice to me was pure and sweet as honey
There were more efficient suitors at her post
Abandoned boy child wonders why
What a silly projection to live by
Then again, we’re just kids
Little kids, you and I

We were just kids, 17 only
All the world an inside joke for two
Staying on his good side grew so lonely
Social butterflies can be so cruel
The TV basemеnt, where boys can cry
What a traumatic time to bе alive
Then again, we’re just kids
Little kids, you and I

Two broken bells unring
Each other’s suffering
I tried to save you but the center couldn’t hold
There’s cracks in everything
And still no light got in
Love was a temporary offering
Just one more false alarm
Sorry to cause real harm
You tried to tell me but the center couldn’t hold
The center couldn’t hold

(Sondre Lerche – Little Kids)

Bei Sondre Lerche ist es für mich vorbei mit einer zumindest angestrebten Objektivität als Musikkritiker. Verehre ich diesen norwegischen Singer-Songwriter doch schon lange als den Paddy McAloon seiner Generation. Als Erben eines meiner ewigen Helden und als Musterbeispiel dafür, dass das Edle, Schöne und Gute im Pop auch nach dem krankheitsbedingten Verstummen des englischen Prefab-Sprout-Masterminds weiterhin existiert. Mit seinem neuen Album Acrobats brilliert der 43-Jährige aus Bergen im hohen Norden Europas erneut als überaus gelehriger Schüler diverser Säulenheiliger eines zeitlosen Sophisticated Pop. Zum Glück keineswegs als Epigone, sondern mit einer sehr eigenen Sondre-Lerche-Handschrift.

Und auch das gebe ich offen zu: Meine Erwartungen an Acrobats waren nach dem künstlerischen Triumph des in jeder Hinsicht ausufernden Vorgängers Avatars Of Love (fast 90 Minuten Laufzeit!) und des tollen Remix/Raritäten-Nachschlags Avatars Of The Night enorm hoch. Vielleicht zu hoch, denn – kleiner Spoiler! – ganz minimal läuft Sondre Lerche unter der Avatars-Messlatte dann doch drunterher. Das mit „5 out of 5 “ bewertete Opus magnum von 2022 war nicht mehr zu toppen, zumal der ganz große Überraschungs- und Überwältigungseffekt diesmal logischerweise wegfällt.

Die stilistischen Koordinaten der vorherigen Platten (neben McAloon noch Paul McCartney, Jimmy Webb, Conor „Villagers“ O’Brien, die Pet Shop Boys, Joao Gilberto, Burt Bacharach, Elvis Costello und XTC) passen immer noch – wobei für Acrobats zusätzlich Brian Wilson und Phil Spector zu nennen wären, deren Wall of Sound sich Sondre Lerche nun einige Male zu eigen macht. Womit er einigen der acht (auf der CD sogar elf) opulenten Songs des neuen Albums ein leicht plüschiges Ambiente verpasst, das der Kitsch-Grenze gefährlich nahe kommt. Lerche überschreitet diese aber nicht wirklich – ein Kunststück für sich.

Schon der rhythmisch komplexe Electropop-Opener beeindruckt als Song, der auch perfekt auf Avatars Of Love gepasst hätte. Mit knapp sechs Minuten ist How Much Of This Was Planned noch einer der kürzeren Tracks, aber gleichwohl randvoll mit superben Ideen und Soundeffekten bis hin zu einem hinreißenden Streicher- und Chor-Arrangement. Dass Lerche ein sensibler Balladen-Sänger ist, zeigt er anschließend mit Little Kids, einem melancholischen Piano/Strings-Tearjerker erster Güte. Drive Me Away From You geht in besagte Bacharach/Spector-Richtung, mit einem wunderbaren Posaunen-Solo von Emil Bø.

Love Is All ist mit knapp neun Minuten Länge eines dieser bereits auf Avatars… hervorstechenden, regelrecht maßlosen Lerche-Lieder. Und eine der schönsten, schwerelosesten Balladen seiner nun auch schon 25 Jahre dauernden Songwriter-Karriere. Eine zu Herzen gehende Ode an die Liebe, wie sie sein Idol McAloon auf späteren Prefab-Sprout-Platten wie Andromada Heights (1997) oder Crimson/Red (2013) zelebrierte. Nochmals neun Minuten Zeit nimmt sich danach Follow The River mit blubberndem funky Synthie-Sound – auch vom Gesang her eine tiefe Verbeugung vor dem Genie der Pet Shop Boys. Ein langes Saxophon-Solo von Jonas Hamre rundet diesen temperamentvollen Track ab, der für Sondre Lerche „eine wahrhaft epische Reise“ war.

„Es begann als kleines, schlichtes Lied, als ich es vor zwei Sommern zu Hause auf meiner Akustikgitarre schrieb. Doch mit jeder Strophe entfaltete sich die Geschichte zu einer extravaganten Dance-Pop-Odyssee“, erzählt der Norweger. „Am Ende musste ich meine Freundin, die Sängerin Suzanne Sumbundu, hinzuziehen, um einen mitreißenden Chor im Gospel-Stil und Improvisationen beizusteuern. Außerdem habe ich mir, um das Ganze abzurunden, eine Melodie aus Mahlers 2. Sinfonie ausgeliehen. Es ist ein wirklich grooviger, vielschichtiger und unbeschwerter Song über die ekstatische, hoffnungsvolle Freude am Verlieben und darüber, wie diese deine Sinne schärft und deine Wertschätzung für Musik, Geschmack, Duft und das Leben selbst steigert.“

Mit dem Titelstück kehrt Lerche zurück in den träumerischen Balladen-Modus, und ja, vielleicht wird’s hier auch mal ein bisschen süßlich. Der Walzer In The Time Before I Knew Her Well könnte einem Musical entstammen, und tatsächlich war der Sänger ja erst vor kurzem in Norwegen auf der Bühne in einer Moulin Rouge-Hauptrolle zu sehen. Im Song Life-Changing Love lassen Sondre Lerche und Vetle Junker ihre E-Gitarren zeitweise im Prince-Stil von Purple Rain erklingen. Ein Finale grande – aber nur falls man die Vinyl-Ausgabe von Acrobats aufgelegt hat. Denn auf der CD ist hier noch nicht Schluss – sie lockt mit drei Bonus-Stücken, die bereits im Januar 2026 auf der EP Turning Up The Heat Again erschienen waren.

Wie nach dem Kennenlernen von Avatars Of Love, so ist man auch am Ende von Acrobats ziemlich erschöpft. Erschlagen von so viel Ambition, Selbstbewusstsein, vielleicht auch (im positiven Sinne) Größenwahn. Vieles erinnert tatsächlich an die Prefab Sprout der mittleren bis späten Phase, als aus dieser Band ein Studio-Soloprojekt von Paddy McAloon geworden war. Mit „kleinen“ Alben geben sich Sondre Lerche und seine Mitstreiter (Matias Tellez: Keyboards; Alexander von Mehren: Synths, Orgel, Piano, Theremin, Vibraphon, Marimba; Kato Ådland: Bass, Keyboards, Synths, Percussion, Programming; Dave Heilman: Drums und Percussion) nicht mehr zufrieden – und erschaffen Großes. Also wieder ein Jahres-Highlight.

Sondre Lerche – Acrobats
VÖ: 21. August 2026, Sondre Lerche LLC
www.sondrelerche.com
www.facebook.com/sondrelerche

YouTube Video

Werner Herpell

Mehr erfahren →