
Foto-© LEONINE
This is all about you.
(Sam – Mother Mary)
Für ihr Comeback kommt für Popstar Mother Mary (Anne Hathaway) nur ein Kostüm in Frage: eins von ihrer langjährigen Designerin Sam Anselm (Michaela Coel). Die Beziehung zu dieser hatte sie jedoch mindestens so absolut beendet wie ihre Bühnenkarriere. Bei der somit unweigerlichen Konfrontation der beiden Frauen werden mehr als nur metaphorische Geister geweckt und Wunden aufgerissen.
Mother Mary steht in einer längeren Tradition von psychologischen Horrorfilmen rund um Popstars wie Perfect Blue (1997), Black Swan (2010) oder jüngst Smile 2 aus 2024. Allen diesen Werken ist gemein, dass sie den Horror daraus ziehen, welch eine unglaubliche Hingabe, bis zur kompletten Aufgabe seines selbst, diese Berufung als im Scheinwerferlicht stehende Künstlerin auf die meist noch sehr jungen Frauen ausübt. So ist es nur passend, dass sich Regisseur und Autor David Lowry dieses Hintergrundes bedient, um die weibliche Version seines The Green Knight (2021) abzuliefern. Während es in letzterem die klassischen Heldensage war an der ein männlicher Protagonist zerbrach, sind es hier die übermenschlichen Anforderungen an eine Popikone. Mit seiner A Ghost Story aus 2017 hatte er dann zusätzlich auch schon bewiesen, dass er auch auf der Astralebene abliefern kann. Eines der absoluten Highlights des Films, vor allem inszenatorisch, ist dann auch die wie ein Fließband inszenierte Szenenabfolge, in der Mother Mary buchstäblich von einem Konzert, von einer Bühne auf die nächste geschmissen wird. Lowery macht jedoch ein wesentlich weiteres Feld auf als „nur“ den Erfolgsdruck, der sich daraus ergibt, die zentrale Figur eines gigantischen Medienzirkus zu sein. Denn der Fokus liegt neben Mother Marys Geschichte eben auf der gemeinsamen Geschichte der beiden zentralen Frauen und wie diese sich im Laufe der Zeit entwickelt und unter den äußeren Umständen gelitten hat.
Man sollte jedoch keinen klassischen Geisterfilm erwarten, denn das Übernatürliche hält sich den Großteil des Filmes fast komplett zurück, aber wenn es dann ausbricht, ist der Effekt umso stärker. Wo wir gerade von Effekten sprechen, so ätherisch die schemenhafte Figur der roten Frau auch wirkt, inszeniert wurden ihre Szenen komplett ohne CGI. Ebenso echt erlebbar ist auch das imposante Schloss, in dem die Designerin Sam ihr Atelier aufgebaut hat. Diese Szenen wurden größtenteils in der Burg Adendorf aus dem 13. Jahrhundert, nahe Bonn gedreht. Und auch die Konzertszenen wurden vor einem realen Publikum, bestehend aus rund 400 Statisten, gefilmt. Während dies jedoch aus dramaturgischen und sicher auch logistischen Gründen an das Ende des Drehs gelegt wurde, müssen die Zuschauer nicht so lange auf einen Auftritt von Mother Mary warten. Primär in Rückblenden, ist der Film durchsetzt mit Aufnahmen der Bühnenperformance, welche das aktuelle Geschehen komplementiert. Die tiefere Bedeutung der Aufnahmen erschließt sich zwar erst am Ende, auf der emotionalen Ebene greifen diese jedoch von Anfang an.
Mother Mary ist somit weit weg davon ein klassischer Horrorfilm zu sein, aber auch kein Drama, in dem der Horror eine Parabel für den psychischen Druck abbildet. Was genau sich hinter der schemenhaften roten Heimsuchung verbirgt, sollte jeder für sich selbst herausfinden, obgleich dies kein klassischer Spoiler ist. Im Kern erwartet euch ein spannendes Kammerspiel, mit einer tiefen Charakterstudie über die beiden zentralen Figuren und ihre Beziehung zueinander. Ein Kammerspiel, das immer wieder durch den Horror der Heimsuchung und des künstlerischen Drangs, den beide verspüren, aufgebrochen und erweitert wird. Damit einher geht eine gewisse Frustration mit den Protagonistinnen, die sich über weite Strecken primär selbst im Weg stehen, dazu gibt es generell einige Längen und es ist am Ende ein etwas trockener und Humor befreiter Film geworden. Wenn man sich darauf einlässt, wird man, ähnlich einer Séance, mit einem einzigartigen Erlebnis belohnt, das noch lange nachhallen wird.

Mother Mary (US UK FN DE 2026)
Regie: David Lowery
Darsteller: Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer, Sian Clifford, FKA twigs, Kaia Gerber
Heimkino VÖ: 02. Oktober 2026, LEONINE

