
Foto-© Bastian Bochinski
Irgendwas zieht mich magisch an
Alles Verbotene ruft nach mir
Der Teufel flüstert mein’n Nam’n
Und ich lass‘ mich von ihm verführ’n
Wir haben einen Pakt gemacht
Ich bau‘ einen Altar für ihn
Aus Zigarettenrauch und Schnaps
Und werf‘ das Streichholz ins Benzin
Und ich komm‘ nie zur Ruh
Komm‘ nie zur Ruh
Komm‘ nie zur Ruh
(Danger Dan – Nie zur Ruh)
Wenige deutschsprachige Songs der vergangenen Jahre haben so viel medialen Wirbel generiert wie Keine Angst von Daniel Pongratz alias Danger Dan. War das nun naive Gewaltverherrlichung, gar ein indirekter Aufruf zur Antifa-Selbstjustiz – oder lediglich ein aufrüttelnder Ausdruck von „Wir machen jetzt endlich mal was gegen die Nazis, und so geht’s“? Alles nur aus Notwehr? Vor allem die letzten vier Zeilen des durchaus humorvollen Sieben-Minuten-Liedes ließen Konservative (auch solche aus dem nicht rechtsextremen Sumpf) aufjaulen.
„Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt“ – damit spielte der vom Antilopen Gang-Rapper zum Pianopop-Songwriter gewandelte Musiker auf sein eigenes Politsong-Meisterstück Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt von 2021 an. Und weiter: „Ich lass‘ ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant/Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag‘ nix mehr dazu/Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk.“ Vor allem weil die vier mit Vor- beziehungsweise Spitznamen erwähnten Menschen dem linksextremen, gewalttätigen Milieu zugerechnet werden, sagte das ZDF einen lange geplanten Danger Dan-Auftritt in der Satire-Sendung Die Anstalt kurzfristig ab.
Der Vorab-Trubel um das offensive Lied Keine Angst könnte nun auch die Veröffentlichung des gleichnamigem zweiten Soloalbums überschatten, zumal es darauf weitere politische Songs gibt (etwa Wenn man Nazis so behandelte wie Frauen, mit namentlicher Nennung beispielsweise eines gewissen unsäglichen Herrn Höcke). Auch in langen Interviews des Berliner Tagesspiegel und des Rolling Stone (Überschrift: „Ich bekomme mehr Morddrohungen als Liebesbriefe“) wird Danger Dan intensiv zur Politik befragt und hält nicht mit seiner Meinung hinterm Berg. Der Mann in der roten Bomberjacke ist ein aufrechter demokratischer Linker, und er steht auch im Sturm von Rechts überaus stabil.
„Gewalt ist keine Lösung, um politische Forderungen durchzusetzen“, räumt der Sänger im Gespräch mit der RS-Redakteurin Birgit Fuss ein. „Aber das Ding ist: Gewalt findet schon statt. (…) Und das Mittel der Wahl schreibt man nicht als Linker vor. Es gibt ja schon so viele, sich häufende Momente der Gewalt.“ Man müsse sich halt „darauf vorbereiten“. Daher sei die Sache mit der Gegengewalt von Links eben nicht so einfach, zumal Polizei und Staatsanwaltschaft bei Rechten oft nicht aktiv würden.
Ehe das hier zum Politik-Seminar ausartet (was bei einem gesellschaftskritischen Künstler wie Pongratz durchaus möglich, vielleicht sogar angemessen wäre): Keine Angst ist nur ein Lied von zwölfen auf dem Album, und bei all seiner Relevanz und Prominenz nicht einmal unbedingt das beste. Nur wenige Platten können und werden in diesem Jahr ihre Hörer so intelligent zum Nachdenken anregen und so tief bewegen wie diese im Vergleich zum Vorgänger noch einmal verbesserte Danger Dan-Songsammlung.
Dass der inzwischen 43 Jahre alte gebürtige Aachener schon vor fünf Jahren zum deutschen Randy Newman ausgerufen wurde, hatte nämlich nicht nur mit seinem (recht dreisten) Rip-off von Sail Away (bei Danger Dan: Lauf davon ) zu tun. Die wunderschönen Piano- und Streicher-Arrangements beider Soloalben sind für die deutsche Pop-Szene tatsächlich einmalig, der clevere Wortwitz und die immer wieder durchscheinende Melancholie der Texte des vom Hip-Hop kommenden Songschreibers wirken so ehrlich wie befreiend und herzerwärmend.
Denn der Selfmade-Pianist und Liedermacher (ja, nennen wir ihn ruhig so) Danger Dan hat so viel mehr drauf als Nazi-Schelte und Aufrufe zur linken Gegenwehr: die Suche nach Gemeinschaft und Identität ohne Deutschtümelei (im Opener Die meisten meiner Freunde), das zu Tränen rührende Bekenntnis der eigenen, zur Erblindung führenden Augenkrankheit (Dass es hier so schön ist), die Erinnerung an eine schwule Beziehung, verbunden mit dem Appell gegen Homophobie (Warum es nicht geklappt hat), ein weiteres Liebeslied (Zum Späti), ein lässiges Kneipenkrawall-Stück (In der Roten Rose), ein Requiem (Für immer), das vom Nazi-Großvater ausgehende, letztlich hoffnungsvolle Schlussstück Aber dann. Das allerschönste Lied heißt Nie zur Ruh.
Dieser Klare-Kante-Musiker ist spätestens jetzt einer der herausragenden Singer-Songwriter seines Landes und seiner Zeit. Mehr noch: Er hat Keine Angst (weder vor Nazis noch vor den eigenen Gefühlen) – und weiß das auf seine Hörer zu übertragen.

Danger Dan – Keine Angst
VÖ: 02. Oktober 2026, Ölsardinenindustrie
www.dangerdan.shop
www.facebook.com/dangerdanmusik

