JULIA JACKLIN – The Gem


Foto-© James J. Robinson

There were heavenly creatures desperate to sing for me
Arms slack I was pushing back the ceiling
How to be sure the smoke coming beneath the door is not from a house fire?
I stayed inside only to find

The vines that grew
Were blocking my view
I let you teach me things I already knew

(Julia Jacklin – Angel Vision)

Orte machen etwas mit Musik. Manchmal ganz offensichtlich durch eingebaute Klangschnipsel, manchmal indirekt, weil bestimmte Menschen, Erinnerungen und Routinen an ihnen hängen. Für Julia Jacklin ist so ein Ort eine kleine Kneipe in Collingwood, die sie kurz nach ihrem Umzug nach Melbourne 2017 entdeckte. Bands schoben dort die Esstische zur Seite und spielten in einer Ecke, Jacklin kannte kaum jemanden und ging trotzdem immer wieder hin. Acht Jahre später hat sie ihr viertes Album ausgerechnet in den ehemaligen Hotelzimmern direkt über dieser Kneipe aufgenommen. Schritte aus dem benachbarten Friseursalon, Musik von unten und Zeitbeschränkungen wegen der Nachbarschaft inklusive. Die Bar heißt The Gem. Genau wie die Platte, die am 25. September bei 4AD erschien.

Dabei hätte dieses Album beinahe ganz anders geklungen. Nach drei Platten, jahrelangem Touren, dem Ende ihres alten Plattenvertrags und auf der Suche nach neuem Management hatte Jacklin zum ersten Mal seit Langem niemanden im Nacken, der wissen wollte, wie es weitergeht. Zunächst nahm sie The Gem trotzdem so auf, wie sie es gewohnt war: schnell. Das Album war fertig gemischt und gemastert, die Listening-Party gefeiert – und zwei Tage später beschloss sie, noch einmal von vorn anzufangen. Elf weitere Monate arbeitete sie mit Produzent und Freund Robert Muinos an den Songs. Eine ziemlich passende Entstehungsgeschichte für eine Platte, auf der es immer wieder darum geht, welche Version von sich selbst man eigentlich sein möchte, wenn gerade niemand anderes die Antwort vorgibt.

Der Opener Brand New ist das sofort nachzuhören: „I’m free, now let me be brand new“, singt Jacklin über komprimierte Drums und eine Country-Gitarre, die den Song einerseits untypisch für sie machen und ihn andererseits nicht unbedingt nach Melbourne klingen lassen. Deutlich mehr nach Melbourne klingen dagegen die Jangle-Rock-Anleihen auf Get Away from Me (I Think I’ll Love You Soon). Denn natürlich weiß Jacklin selbst, dass ein Neuanfang nicht so einfach funktioniert. Genau daraus zieht The Gem einen großen Teil seiner Spannung: aus dem Wunsch nach Freiheit und dem ebenso starken Bedürfnis nach Nähe. In God Sometimes geht es darum, nicht länger bloß Zuschauerin des eigenen Lebens zu sein, If I Had the Hand of God verhandelt die weniger glamouröse Frage, ob sich ein Leben als ständig tourende Musikerin überhaupt damit verträgt, für andere Menschen da zu sein. Noch unangenehmer wird es in Walk on Me. Über sechs Minuten wächst der Song um die Erinnerung an eine erniedrigende Beziehung, während Jacklin singt: „Walk on me if you like / Take off your shoes, turn off the light.“ Solche Momente verhindern, dass aus der Geschichte von The Gem eine allzu saubere Erzählung über Selbstfindung und Neubeginn wird. Angel Vision ist in seiner Schlichtheit erschütternd. Gemeinsam mit Jacob Diamond besingt Jacklin die Ambivalenz einer Beziehung, in der Fürsorge langsam in Kontrolle kippt.

Denn sich selbst wiederzufinden, heißt hier eben nicht, dass danach alles geklärt ist. Man kann unabhängig sein wollen und trotzdem geliebt werden wollen. Man kann wissen, dass etwas einem nicht guttut, und es trotzdem zulassen. Und man kann auch als etablierte Musikerin plötzlich bei der Frage landen, ob eine Entscheidung wirklich die eigene ist oder nur das, was man inzwischen von „Julia Jacklin“ erwartet. Zum Glück versucht Jacklin gar nicht erst, ein komplett neuer Mensch zu werden. Sie schaut nur genauer hin, was wirklich noch zu ihr gehört.

Julia Jacklin – The Gem
VÖ: 25. September 2026, 4AD
www.juliajacklin.com
www.facebook.com/juliajacklin

Julia Jacklin Tour:
22.02.27 Berlin, Festsaal Kreuzberg
23.02.27 Hamburg, Kent Club

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