Interviews

Veröffentlicht am 27.06.2012 | von Dominik

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A SEATED CRAFT – Interview

Wie wir genau auf die Musik der australischen Wahl-Berlinerin Alexia Peniguel, die unter dem Namen A Seated Craft ihr Album ‚The Savage and the Small‚ veröffentlicht hat, aufmerksam wurden, wissen wir auch nicht mehr genau. Dass wir seitdem kaum mehr um das Hören der Platte umher kamen, die wir an manchen Stellen mit Boy, aber manchmal auch mit Dear Reader vergleichen, wissen wir dafür umso mehr. Daher freuen wir uns auch ganz besonders, dass Alexia zusammen mit Nigel Wright am 7. Juli bei unserem geheimen Sommerkonzert in Darmstadt auftritt, für das ihr euch mit einer Mail an gewinnen@bedroomdisco.de (Betreff ‚Nigel Wright‚, euren Namen bzw. den eurer Begleitung nicht vergessen) anmelden könnt. Zuvor wollten wir jedoch erstmal mehr über das Projekt und die Person dahinter erfahren, sodass wir heute ein ausführliches Interview posten können: A Seated Craft im Bedroomdisco Interview!

1.) Steckbrief:


– Name: A Seated Craft
– Bandmitglieder: Alexia Peniguel
– Gründungsjahr: 2009
– Standort: Berlin
– Aktuelles Album: The Savage and the Small

2.) Fragenkatalog:


– Wie hast du angefangen Musik zu machen, was gab den Ausschlag?
Die Autostrecke zwischen Canberra und Melbourne! Als ich klein war, sind wir oft zu unseren Großeltern gefahren. Für mich und meine Geschwister waren diese acht-Stunden-Fahrten natürlich die pure Hölle. Irgendwann haben wir dann angefangen, Gesangswettbewerbe zu veranstalten. Wir haben große Sänger imitiert und stundenlang gesungen – und plötzlich waren wir viel zu schnell am Ziel. Dass Musik das Zeitempfinden so verändern kann, hat mich sehr fasziniert.

– Welche musikalischen Einflüsse hast du?
Mich inspirieren eher die Dinge, die um mich herum sind. Tapetenmuster, Bilder, Bücher – oder auch Gespräche, die ich in der U-Bahn belausche.

– Du hast in Australien Gesang und Jazz studiert – was hat dich an dem Studium gereizt, was hat es dir gebracht und was hättest du dir gewünscht, dass es mehr behandelt worden wäre?
Ehrlich gesagt, war ich eine sehr schlechte Studentin. Ich hab wenig geübt, wollte die ganze Zeit nur an meine Musik arbeiten. Ich dachte, dass ich nichts Neues lernen kann und habe das Studium eher als Sozialzeit denn als wertigen Unterricht genommen. Wenn ich das wieder machen könnte, würde ich mehr studieren! Aber was bleibt, ist ein neues Interesse an Rhythmus, ein Netzwerk von Freunden und Musikern, das echt stark ist, und eine stärkere Beziehung zu meiner Stimme. Obwohl ich wenig geübt hab, habe ich immer noch Sachen im Kopf, die meine Lehrerinnen mir gesagt haben.

– Aus welchen Gründen hast du dann letztlich deiner australischen Heimat den Rücken gekehrt und wie bist du dann in Berlin gelandet?
Ich wollte mich aus einer komplizierten Beziehung ziehen und auch endlich in einem anderen Land wohnen. Eigentlich hatte ich mir Frankreich als Ziel vorgenommen, aber dann machte ich erst einen Besuch in Berlin, wo meine Schwester damals gerade wohnte. Und der Rest ist Geschichte…

– In welcher Situation kamst du auf den Namen ‚A Seated Craft‘, welche Bedeutung hat er für dich?
Auf Englisch ist „Craft“ eine Arbeit, eine Kunst oder ein Beruf, den man mit den Händen ausübt. Normalerweise, spricht man von Tischlerarbeit oder Töpferei, etwas, das gute Kenntnisse und Fähigkeiten braucht, woran man aber mit einfachen Werkzeugen arbeitet. Als ich und Tony Dupé, der Produzent, an dem Album gearbeitet haben, haben wir bemerkt, wie Musikschreiben, Aufnehmen und Orchestration einem Handwerk wie Teppichweberei oder Tapisserie ähneln. Man macht das sitzend – also „seated“, konzentriert sich auf Kleinigkeiten und versucht, alles in Ordnung zu bringen. „Craft“ hat aber auch eine zweite Bedeutung: als Fahrzeug. Für viele ist Musik wie ein Schiff, in dem man sitzt und getragen wird. All diese Bedeutungen waren einfach so einschlägig, dass ich den Namen „A Seated Craft“ statt meinem eigenen Namen verwenden wollte.

– Wie kam es dazu, dass du professionell Musik machst und eine Platte veröffentlicht hast?
Ich hatte lange versucht, Musik zu machen und eine Platte aufzunehmen, hatte aber nicht den richtigen Menschen kennengelernt, mit dem ich arbeiten wollte. 2008 hat sich das geändert, als Tony mich kontaktiert hat, weil er meine Musik über Internet gehört hatte. Wir haben dann ziemlich schnell entschieden, miteinander zu arbeiten. Er kam nach Deutschland und wir haben sofort angefangen, das Album zu machen.

– Wie arbeitest du normal an deinen Songs?
Gute Frage. Manchmal kommt der Text als erstes, manchmal habe ich eine Melodie im Kopf. Ich versuche, jedes Lied zu entwickeln und zu hören, was das Lied eigentlich selbst ‚will‘.

– Was inspiriert dich zu den Lyrics? In welchen Situationen schreibst du an Songs?
Die Lyrics werden oft durch ein einzelnes Wort getriggert. Es ist ein bisschen wie bei einem Domino-Effekt: ein Wort stößt ein anderes Wort an und dann kommen sie alle heraus gepurzelt. Danach schneide ich sie zurecht und passe sie der Songstruktur an. Der Song “Celestial Mechanics” zum Beispiel wurde von einem Astronomiebuch inspiriert. Es gab darin ein Kapitel, in dem Sternenkonstellationen erklärt wurden. “Stellar Parallax” war ein Begriff, den ich so wunderschön fand, dass ich ihn aufschrieb. Das hat dann zu dem Satz geführt: ’stars tap out a morse code‘ (Sterne klopfen Morsezeichen) – und der Rest folgte daraus sehr organisch. ‚Stellar Parallax‘ kam dann im Song selbst gar nicht vor, aber er war das Sprungbrett, das mich in den Song hinein katapultierte.

– Wie, wo und wie lange fand die Produktion von ‚The Savage and the Small‘ statt? Was war der beste, was der schlimmste Moment während der Aufnahme? Was ist die meist erzählteste Anekdote? Bzw. wie kamt ihr zum Alben-Titel?
Am Album habe ich eineinhalb Jahre lang geschraubt – auch weil ich damals Vollzeit gearbeitet habe. Tagsüber habe ich Geld verdient – dann kam ich heim und habe mit Tony Musik gemacht. Besonders spannend wurde es, wenn ich plötzlich etwas Neues über einen Song herausfand. Bloß weil man einen Song geschrieben hat, heisst das noch lange nicht, dass man ihn kennt. Ich erinnere mich daran, wie wir “About Sydney” aufnahmen und es wollte irgendwie einfach nicht funktionieren. Tony beschloss dann, die Gitarre aus dem Intro zu streichen – und eine komplette Strophe. Ich war wirklich wütend, weil ich wahnsinnig viel Zeit in die Gitarre investiert hatte, aber als wir die Aufnahme dann anhörten, war der Song neu geboren. Und wir sahen uns an und waren verblüfft und begeistert zugleich. Was den Albumtitel betrifft: ursprünglich hatte ich einen anderen Namen im Kopf, aber als wir mit dem Mix begannen, passte das einfach nicht mehr. Tony schlug dann vor, eine Zeile aus Celestial Mechanics zu verwenden. ‚The savage and the small‘ war perfekt: es brachte die unterschiedlichen Welten und Blickwinkel der Songs auf den Punkt.

– ‚Cloudberries‘ ist einer unserer Lieblingssong auf dem Album – kannst du erzählen worum es darin geht, wie der Song entstand bzw. ob es eine Geschichte dahinter gibt?
‚Cloudberries‘ ist ein Song über die Trockenzeit/Dürre – physisch und metaphysisch – und über die Bilder, die der Regen mit sich bringt. Ich habe den Song in Australien begonnen, auf der Farm meiner Patentante. Sie lebt irgendwo im nirgendwo, zwischen kilometerlangen Wäldern und an einem Fluss, der mitten durch das Anwesen läuft. Wenn sich dort über der Grasebene die Wolken zusammenziehen, fühlt man sich als wäre man selbst Teil des Himmels. Dieses Gefühl wollte ich einfangen und in einen Song verwandeln.

– Während der Produktion von ‚The Savage and the Small‘ hast du mit Tony Dupé zusammen gearbeitet – wie kam es dazu und welchen Einfluss hatte er auf die Songs?
Tony und ich begegneten uns zunächst online, nachdem er meine Musik im Netz gehört hatte. Wir schickten Aufnahmen zwischen Deutschland und Australien hin und her und er kam schließlich nach Berlin, um mit mir an dem Album zu arbeiten. Er ist ein fantastischer Produzent – einer der wenigen, die wirklich zuhören und sich auch für die kleinen und subtilen Nuancen interessieren. Seine Kunst liegt in den Auslassungen und Reduktion, aber auch in den Dingen, die er addiert. Er hilft den Künstlern, ihre eigenen Songs besser kennenzulernen, sich ihnen anzuvertrauen und Risiken mit ihnen zu wagen.

– ‚The Savage and the Small‘ wurde an sich schon 2010 veröffentlicht – warum hast du sie nun in 2011 noch mal wiederveröffentlicht bzw. arbeitest du schon an einer neuen Platte?
Ich habe das Album zuerst selbst veröffentlicht, aber damals hatte ich wirklich keine Ahnung, wie man soetwas macht. Songs & Whispers habe ich in 2010 auf Tournee kennengelernt und sie wollten mich unterstützen.

– Was sind deine nächsten Pläne?

Ich schreibe gerade ein neues Album, das sich in einem sehr spannenenden Prozess befindet. Als ich angefangen habe, wusste ich wirklich nicht was dabei heraus kommt. Jetzt hab ich neue Lieder, in denen Vögel und Naturwissenschaftler eine Hauptrolle spielen. Sie sind ganz unerwartete aber sehr gern gesehene Gäste. In der zweiten Hälfte des Jahres werde ich die Lieder aufnehmen.

– Was machst du, wenn du nicht gerade Musik machst?
Ich sammle Knöpfe und Instrumenten. Ich durchforste das Internet nach Bilder von Schwarzen Löchern. Und ich treffe mich mit meinen Freunden.

– Was hast du 2011 gelernt?
Das alles sich sehr schnell ändern kann. Und dass man sich dafür nicht vorbereiten kann aber mit Erfahrung damit leben kann.

– Deine Top 3 Alben aus 2012 bisher? Warum?
June et Jim – „Les Forts“. Ich war 2010 mit ihnen auf Tournee und sie sind wirklich die beste Live Band, die ich in den letzten 10 Jahren gesehen habe. Sie haben Leidenschaft und schreiben Lieder, die mich neidisch werden lassen.

The Walkmen – „Heaven“. Die Musik pulst, die Texte sind einfach aber großartig und sie tragen das Herz auf der Zunge.

Peter Broderick – „It Starts Here“. Wenn ich dieses Album höre, will ich sofort noch mehr Musik machen.

– Welcher Song passt zu deiner aktuellen Stimmung?
„With the notes on fire“ – Peter Broderick

– Welcher Song bringt dich jedes Mal wieder zum Tanzen?
Luca Diriso – „Calme e Sangue Freddo“ Ein ganz krasser Italienischer-Pop-Song, den ich zum ersten Mal gehört habe, als ich meine Schwester 2004-2005 in Italien besucht habe. Ich hüpfe jedes Mal, wenn ich ihn höre.

– Wie würde deine persönliche ‚Bedroomdisco‘ aussehen?
Türkis mit Perserteppich und roten Lampen überall. Dazu eine Diskoball, natürlich. Vielleicht ein kleines Schwimmbad in der Ecke.

– Wer hat den Fragenkatalog ausgefüllt?
Ich!

httpvh://www.youtube.com/watch?v=tD3g9ndOaRk

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