Interviews Echobeat © Frau Anika fotografiert

Veröffentlicht am 25.05.2020 | von Anika Maierhöfer

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LOW FIDELITY – Der Bedroomdisco Store Check

Foto-Credits © Frau Anika fotografiert

Samstag, 10:30 Uhr. Ich stehe am Rossmarkt, Ecke Hinter der Eich, dort erwarte ich Dejan vor dem ECHOBEAT. Gut gelaunt kommt er mir entgegen und schließt uns die Tür auf. Ich mache uns erstmal Musik an. Während die Lampen die großzügige Ladenfläche erhellen, zieht Dejan gezielt die Platte Frenzy von Screaming Jay Hawkins hervor, legt sie auf und „I Put a Spell on You“ schallt durch den Laden.

Dejan (41), lebt mit seiner Familie in Aschaffenburg, legt seit 20 Jahren Musik auf und ist seit den 90ern leidenschaftlicher Plattensammler. 2016, 14 Jahre nach der Eröffnung des ECHOBEAT durch den Inhaber Harry Schulz, bot dieser Dejan an, als Geschäftsführer seine Musikleidenschaft mit seinem Beruf zu vereinen und seine langjährigen Erfahrungen als Store Manager einzubringen. „Ich kenne Harry aus den 90ern, als ich anfing Platten zu sammeln, er war mein Plattendealer“ lacht Dejan „heute sind wir gute Freunde und Geschäftspartner“.

Die bis dahin unscheinbare und kleine Filiale zog nur wenige Meter weiter in eine größere und hellere Ladenfläche um, in welcher der Plattenladen bis heute beheimatet ist. Harry agiert als Inhaber nach wie vor im Hintergrund, ich wiederum kümmere mich um alles was im Laden anfällt und habe freie Hand. Das läuft unkompliziert. So hatte Dejan nach dem Umzug der Filiale die Möglichkeit, eine moderne, dennoch gemütliche, einladende Atmosphäre zu schaffen. Er erweiterte das Sortiment mit Schwerpunkt auf Rock, Pop, Jazz, Independent und Metal. All dies gibt es im ECHOBEAT auf CD und Vinyl, als Neuware und gebraucht und natürlich wird das Sortiment ergänzt durch diverse Merchandising Artikel.

Ladenfläche © Frau Anika fotografiert

So findet man hier unter anderem die Erstauflage des Debutalbums von Black Sabbath von 1970 die mir Dejan strahlend als eine seiner Lieblingsplatten vorstellt: „Objektiv betrachtet ist es natürlich nicht das beste Album von Black Sabbath, aber für mich hat es die größte Bedeutung. Ich habe damals gerade Heavy Metal für mich entdeckt und angefangen Bass zu spielen. Ich war begeistert zu hören, was man mit einem Bass anfangen kann und habe wie wild versucht N.I.B. auf meinem nachzuspielen.“ Natürlich begeistern ihn auch neue Platten, wie zum Beispiel Heliocentrics mit „Infinity Now“. Er räumt die Platte zurück in das Regal der Neuerscheinungen und lacht: „Das Beste an meinem Job ist natürlich, dass man als Erster alle neuen und guten Platten abgreifen kann.“

Black Sabbath © Frau Anika fotografiert

Während ich weitere Fotos im Laden mache, stelle ich Dejan noch ein paar Fragen:

Ist das Arbeiten in einem Plattenladen wirklich so romantisch wie es immer dargestellt wird?
Da erinnere ich mich mit einem Augenzwinkern an meinen zweiten Tag hier im Laden: In einem Gespräch mit einem Kunden wurde ich barsch belehrt, weil ich offenbarte, dass ich die Eagles nicht mag. Das war nicht so romantisch (lacht). Natürlich stellt man sich anfangs vieles anders oder gar romantischer vor, aber es ist ein sehr schöner Job, den ich gerne mache und weiter machen möchte.

Würdest du auch heute noch einen Plattenladen eröffnen bzw. leiten?
Natürlich sprechen wir in meinem Fall von vier Jahren, die ich den Laden nun leite. Mit den Erfahrungen, die ich inzwischen gesammelt habe, würde ich sicher ein paar Sachen anders machen, aber ich würde auch in der heutigen Zeit einen Plattenladen aufmachen bzw. das Management übernehmen.

Wie hat sich die Musikindustrie in deinen Augen verändert, wie stehst du zu Streaming-Diensten?
Allein in den vier Jahren, in denen ich hier im Laden arbeite, hat sich die Musikindustrie mehrere Male verändert und angepasst. Es ist natürlich nicht zu übersehen, dass sich der grosse Umsatz immer weiter in Richtung digitales Streaming verlagert. Meiner Meinung nach sind wir als lokaler Plattenladen, dadurch kaum betroffen. Als solcher „backen wir schon lange nur noch kleine Brötchen“. Zu Streaming-Diensten habe ich daher eine entspannte Haltung. Sie sind ein praktisches Feature, wenn man Musik nebenbei oder unterwegs hören will. Ich als großer Plattenfan nutze sie dennoch, zum Beispiel beim Kochen oder beim Duschen – es ist unkompliziert. Ansonsten laufen bei mir zu Hause immer Schallplatten. Eine Schallplatte hören hat für mich einfach einen sehr viel tieferen Wert. Wenn es mir nicht gut geht, ich krank bin, dann stöbere ich gerne in meinen alten Platten, setze mich in meinen Sessel und höre sie – mir geht es direkt besser.

Dejan © Frau Anika fotografiertDie Corona-Pandemie hat einschneidende Auswirkungen auf die Musik- und Veranstaltungsindustrie. Wie erlebst du die Auswirkungen der Pandemie bei euch im Geschäft?
Der Lockdown hat sich natürlich erstmal wie ein blanker Horror angefühlt. Auf einmal stand man völlig still, ohne jegliche Einnahmen und mit fortlaufenden Kosten. Existenzängste und das Gefühl der Perspektivlosigkeit kamen auf. Zum Glück haben wir uns sehr schnell aufgerafft. Zwar haben wir keinen Onlineshop, doch wir konnten zumindest Platten über Soziale Medien und Onlineportale wie discogs.com anbieten. Das hat uns nicht nur geholfen die laufenden Kosten etwas zu kompensieren, es gab uns auch Kraft und Zuspruch. Uns kam eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft entgegen, da wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, was für einen Stellenwert unser Laden für viele Aschaffenburger hat. Das war dann sogar etwas sehr Schönes!

Wie gestaltet sich eure aktuelle Situation und welche Langzeitauswirkungen siehst du durch die aktuelle Krise durch COVID-19 für den Plattenladen und die allgemeine Lage von Musikschaffenden?
Mittlerweile sind wir in einer neuen Normalität angekommen da Geschäfte wieder öffnen durften. Natürlich bedeutet das aktuell weniger Kunden und weniger Umsatz – damit war zu rechnen. Wir haben unsere Ansprüche angepasst und halten uns natürlich auch an die Maßnahmen zur Vermeidung einer Ansteckung. Wir versuchen positiv zu bleiben, machen uns aber natürlich Gedanken darüber, wie es weiter gehen soll. Welche Langzeitauswirkungen auf unsere Branche das Ganze haben wird, wird sich noch zeigen.

Durch die Krise könnte sich die bereits erwähnte Umsatzverlagerung auf digitale Medien, noch weiter ausbreiten. Was natürlich Auswirkungen auf Plattenläden und den Einzelhandel im allgemeinen haben wird. Ich bin jedoch guter Dinge, dass wir das überstehen – da bin ich mir sicher. Gerade Plattenläden sind Durststrecken gewohnt. Viel Schlimmer betroffen sind die Musiker*innen selbst, Festivals, Klubs und all jene, die weiterhin einen totalen Ausfall an Einnahmen haben. Viele meiner Bekannten und Freunde aus diesen Bereichen leben jetzt schon am Rande der Existenz und das kann nicht mehr lange gut gehen. Über die Kettenreaktion in der Musikbranche, die ausgelöst werden könnte, wenn Klubs schliessen oder Festivals sterben, will ich erst gar nicht nachdenken. Hier muss schnellstens gehandelt werden.  

Lass uns abschließend positiv in die Zukunft blicken: Auf welches neue Album freust du dich persönlich als nächstes?
Ich traue mich kaum das zu beantworten, da sich der Großteil aller Releases gerade nach hinten verschiebt. Dennoch sollen dieses Jahr ein paar schöne Now-Again, Svart und Daptone Records Releases rauskommen. Viele ihrer Releases sind unsere Top Seller, weil ich persönlich auch dahinter stehe – die Platten, die man selber gut findet, verkauft man natürlich auch am besten. Aber es gibt natürlich auch Platten, die man selbst nicht mag, die sich trotzdem gut verkaufen, wie z.B. Alben von den Eagles (lacht).

Es ist kurz vor 11 Uhr. Mittlerweile stehen einige Kunden vor der Tür, Eintreten in diesen Tagen natürlich nur mit Maske und nicht mehr als drei Kunden gleichzeitig. Es wirkt trotzdem entspannt und ich freue mich jetzt schon auf meinen nächsten Besuch im ECHOBEAT.

Schaut doch gerne mal vorbei:

ECHOBEAT RECORDS
Roßmarkt 33A

63739 Aschaffenburg
Mo.-Sa.: 11-18 Uhr
www.echobeat-records.de
https://www.facebook.com/echobeatrecords
https://www.instagram.com/echobeat_records

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Über den Autor

Anika ist 31, wohnt im bayerischen Nizza also known as Aschaffenburg, ist Fotografin, Musikliebhaberin und Serienjunkie.



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