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Veröffentlicht am 28.08.2020 | von Dominik

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Y’AKOTO – davon auszuziehen, um sich selbst zu finden

Die deutsch-ghanaische Soulsängern Y’akoto wurde in Hamburg geboren, wuchs aber zu Teilen in Ghana, Kamerun, Togo und dem Tschad auf – das Umziehen und Reisen liegt ihr also so gesehen in der Wiege. So wundert es nicht, dass ihre neue EP Obaa Yaa mit einem Umzug begann…und einer Suche. Da ihre Beweggründe sehr persönlich sind, wollen wir die Songwriterin einfach selbst zitieren:

„Ich musste weg.
Ich habe Deutschland 2016 verlassen. Nach meinen drei Alben Babyblues, Moody Blues und Mermaid Blues, musste ein Tapetenwechsel her. Als Mermaid Blues 2017 veröffentlicht wurde, wohnte ich bereits in Paris. Als schwarze Künstlerin sehnte ich mich danach in Black Spaces zu leben und zu arbeiten und jenes ist schwer zu finden in Deutschland.

Nach zwei Jahren im schwärzesten Viertel von Paris, 5 Schritte von der Metro Station Chateau Rouge entfernt, merkte ich wie sich meine Empfindungen und Gedanken veränderten. Alles fühlte sich mit der Zeit etwas leichter an. Die neu gewonnene Leichtigkeit half mir meine sonst eher schweren Gedanken leichter zu verarbeiten. Das Leben in Deutschland hatte seine Spuren hinterlassen. Immer wieder die gleichen Fragen beantworten zu müssen, verursachte eine große körperliche und emotionale Erschöpfung. Ich schätzte und liebte meine Karriere in Deutschland sehr. Im persönlichen Leben lief es allerdings nicht so. Ich war ausgebrannt. In der Anfangszeit in Paris ertrank ich meinen Blues mit unzähligen Flaschen Weißwein, karibischem Rum und Ginger Beer, bis er verschwand. Die Last, die Selbstzweifel, der Blues.

Nach diesem Prozess machte ich lange Spaziergänge, tanzte die ganze Nacht, guckte französische Filme und trank sehr viel Kaffee. Somit begann meine Kaffee Sucht. Ich war hellwach und es dauerte nicht lange bis ich die Karibischen Inseln für mich entdeckte.

Ich bewegte mich zwischen Paris und Pointe a Pitre. Ich verbrachte viel Zeit in Guadeloupe. Ich habe wundervolle Freunde getroffen. Schwarze Frauen und Männer in meinem Alter. Einige von ihnen erzählten mir, wie sie ihr ganzes Leben in Paris gelebt hatten, und nach einiger Zeit erkannten, dass sie heimkehren wollten. Der Rassismus, der Druck und das Gefühl sich nie ganz in die französische Gesellschaft einfügen zu können, obwohl sie Franzosen waren, inspirierten sie, in ihre Länder zurückzukehren. Ich konnte das gut nachvollziehen. In Deutschland ging es mir genauso. Das war mein Startschuss. Eines Nachts sagte ich mir: Ich muss das Gleiche tun…und ich habe es getan!

2018 zog ich zurück nach Ghana. Es war großartig. Ich fing wieder an Songs zu schreiben. Viele dieser Songs landeten jedoch im Müll. Ich war so glücklich zurück zu sein, dass alles was ich schrieb bedeutungslos klang. Ich musste leben, expressiv und lebhaft sein. Zum Schreiben benötige ich eine gewisse Introvertiertheit. Das Schreiben von Songs beginnt von innen nach aussen. Aber ich konnte dieses Gefühl nicht wirklich erzeugen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war ich ok mit meiner Umgebung. Die Außenwelt schien mir nicht bedrohlich und ich war nicht mehr so erschöpft. Ich fühlte mich zu Hause. Es gab keine Dissonanz. Es gab nur: Zugehörigkeit. Ich denke, das ist normal. Ich bin hier aufgewachsen. Leute hier sehen aus wie ich, reden wie ich, bewegen sich wie ich. Es gab keine alltäglichen Bedrohungen und es hat Spaß gemacht zurück zu sein.

Glücklicherweise wurde mir in der Zwischenzeit von jemanden, den ich sehr liebte, das Herz gebrochen. Es ist wirklich komisch. Ich erfülle dieses Künstler Klischee. Sobald mein Herz gebrochen ist, so gebrochen, dass es offen bleibt, kann ich mich endlich vergessen und mich ausdrücken. Ich kehre zurück in mein Inneres und Schreibe, schreibe und schreibe. Ich offenbare mich. Das Gute, das Schlechte, das dazwischen usw.

Ich habe meinen Verstand komplett verloren. Ich persönlich finde es sehr gut, ein bisschen den Verstand zu verlieren. Verrücktheit. Hier liegt die wahre Magie von Kreativität.
 Liebe heilt und offenbart deine wahre Persönlichkeit. Schmerz und Leid macht das Gleiche. Nichts bereitet dich auf das Leben vor. Nachdem du diesen rohen Schmerz erlebt hast, jemanden zu verlieren, den du sehr liebst, weisst du wie es sich anfühlt, jemanden mehr als dich selbst zu lieben. Würdet ihr mir zustimmen? Nun, muss jetzt auch nicht sein.

Ich wiederum konnte es nicht ertragen. Also beschloss ich zu gehen. Ich habe alles und jeden verlassen, weil nur radikale Selbstliebe mich jetzt retten konnte. Jemanden zu lieben hat mich nicht befreit, mich selbst zu lieben schon. Jede schlechte Erfahrung ist irgendwie gut. Und jede gute Erfahrung kann sich ins Gegenteil umwandeln. Das ist normal, oder?

Nach dem emotionalen Chaos, das durch diese Bad Romance verursacht wurde, rief ich meinen Kollegen AgaJon an. Mit AgaJon Musik zu machen ist einfach. Wir reden beide nicht viel. Wir haben nichts gemeinsam, außer Musik. Wir viben einfach. Es klickt einfach. Er sagte immer: Wenn du mehr Songs machen willst, lass es mich wissen. Also sagte ich zu ihm: Hey, ich glaube, ich habe jetzt etwas worüber ich schreiben kann. Er sagte, Cool, komm rüber. Im Februar 2020 bin ich für einen Monat von Accra nach Hamburg geflogen und wir haben in 5 Tagen Obaa Yaa aufgenommen und produziert. Mental und körperlich war ich wohl schon zu 100 Prozent drauf eingestellt. Es ging so schnell und alles fühlte sich stimmig an. Wir beide mögen ähnliche Dinge. Zum Beispiel, die Bassline muss zünden. Wir beide lieben es wenn Tracks nicht überladen sind. Songs werden nie mit Sounds vollgedonnert. Wir gehen mit unserer Intuition und Impulsen. Wir langweilen uns schnell, deshalb muss der Prozess inspirierend und effektiv sein. Wir machen uns immer über alles lustig. Meistens und am dollsten über uns selbst. AgaJon ist 19Jahre alt, ungefähr so alt wie ich als ich anfing professionell Musik zu machen. Er ist unverbraucht, ehrgeizig, gut vernetzt und wird für seine Arbeit geschätzt.

Bei I Agree geht es um meine Erkenntnis, dass im Leben nichts wirklich wichtig ist. „Wir“ ist alles was wir haben. Wir sollten uns mehr darauf freuen im Moment zu sein. Wir sollten uns selbst mehr zelebrieren. Das Leben ist nun mal mysteriös, unvorhersehbar und liegt größtenteils außerhalb unserer Kontrolle. Ich habe die Samples in diesem Track mit meiner Stimme kreiert. Hat Spaß gemacht das aufzunehmen.“

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Über den Autor

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!



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