Kritik

Veröffentlicht am 20.11.2020 | von Julius Tamm

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SWALLOW – Filmkritik

„Bist du glücklich oder tust du nur so als wärst dus?“

(Katherine zu Hunter – Swallow)

Junge Frauen stehen unter enormem Druck durch ihre Umwelt. Männer sagen ihnen, was sie zu tun und zu lassen haben, die Gesellschaft zwingt ihnen ein Schönheitsideal auf und andere Frauen bekämpfen sie, anstelle mit ihnen eine Front zu bilden. Wie es sich das anfühlen muss, hat Regisseur Carlo Mirabella-Davis in ihrem Film Swallow düster und verstörend inszeniert.

Wie in einem Elfenbeinturm lebt die ehemalige Verkäuferin und nun schwangere Hausfrau Hunter (Haley Bennett). Die einsame Villa ihres Mannes Richie (Austin Stowell) thront weit oberhalb eines breiten Flusses und wirkt trotz ihrer Weite wie ein Gefängnis. Die imaginären Gitterstäbe entstehen aber nicht durch die Architektur, sondern durch die Manipulationen und Machtspiele Hunters Schwiegerfamilie. Jeder Schritt der jungen Frau wird kontrolliert und kritisiert – einen eigenen Willen scheint sie nicht mehr zu haben. Oder durchsetzen zu können. Dieser Käfig aus psychologischem Druck wird irgendwann so beengend, dass sogar Hunters Körper sie zu Handlungen zwingt, die sie nicht will. So beginnt sie das Pica-Syndrom zu entwickeln und zwanghaft Objekte wie Batterien, Reißnadeln, Murmeln oder Schraubenzieher zu essen. Immer weiter gerät sie in einen Sog aus Selbstverstümmelung, seelischem Missbrauch und Angst.

Swallow ist explizit, verstörend und bedrückend. Und hat damit genau die richtigen Eigenschaften, die ein Film braucht, um auf aktuelle Probleme in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Ohne etwas Skandal wird einem kaum noch zugehört und das weiß Mirabella-Davis. Ob es nun eine Murmel ist, die aus den eigenen Exkrementen herausgefischt wird, oder blutender Stuhlgang, weil eine Reißzwecke verschluckt wurde – es sind Bilder, die Aufmerksamkeit erregen und vielleicht dafür sorgen, dass auch der Rest des Films ernstgenommen wird. Doch leider ist in jeder Szene, die zeigen soll, in was für einer unterdrückenden Welt Frauen leben, zu spüren, dass sie ein Mann gedreht hat. Bis zur letzten Szene wirkt die Figur Hunters schwach und ohne Hilfe eines Mannes wäre sie niemals entkommen. Als sie sich endlich ihres Körpers und ihres Geistes ermächtigt ist der Film schon vorbei. Die Heldinnenreise setzt zu spät an und wird nicht ausgelebt. Wo bleibt die Strafe für ihre Peiniger? Wo der vernichtende Schlag gegen das Patriachat? Viel zu oft werden sexuelle und psychische Gewalt relativiert und nicht weiter in einen Kontext gesetzt, was dazu führt, dass der feministische Anspruch von Swallow verwässert wird. Vielleicht hätte der Regisseur besser die Finger von einem so sensiblen Inhalt gelassen, den er als Mann niemals in seinem Leben wird nachvollziehen können.

Regie: Carlo Mirabella-Davis
Darsteller: Austin Stowell, Haley Bennett, Elizabeth Marvel
Heimkino-Start: 26. November, Koch Media GmbH – DVD

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Über den Autor

Hat irgendwas mit Medien studiert, schaut gerne Filme und trinkt zu viel Tee. Schreibt für bedroomdisco, FRIZZ Darmstadt und bei hr-iNFO Online



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