Kritik

Veröffentlicht am 24.11.2021 | von Sam Pacheco

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RESPECT – Filmkritik

Wir folgen Aretha Franklin von ihrer Kindheit Anfang der 50iger Jahre an (gespielt von Skye Dakota Turner). Ihr Vater und ein wichtiger Baptistischer Prediger in Detroit, C. L. Franklin (Forest Whitaker) bedient sich gerne ihrer beeindruckender Stimme beim Gottesdienst und bei privaten Parties, wo er sie singen lässt. Nach einem Zeitsprung schlüpft dann Jennifer Hudson in die Rolle einer noch-nicht-ganz 18-jährigen Aretha. Auf dem Weg zum Anfang der Live-Aufnahme des Albums Amazing Grace im Januar 1972, mit dem der Film endet, berührt die Handlung verschiedene Stationen in Arethas privaten und öffentlichem Leben und ihrer Entwicklung vom Chormädchen zur Queen of Soul.

Liesl Tommy (Regie) hat sich gedacht, das einzige Problem an der US-Musik-Biopic-Formel ist, dass man versucht die ganze Geschichte von Geburt bis zum Tod zu erzählen und die Lösung sei, sich einen zeitlich engeren Rahmen vorzunehmen. Leider lag dort doch nicht der Hund begraben und wir müssen uns mit einem weiteren Standardwerk aus der Tradition von Ray (2004), Walk the Line (2005), La Vie En Rose (2007), Nina (2016), Bohemian Rhapsody(2018), Judy (2019) abfinden. Wann werden Filmemacher aufhören, die Checkliste für Filmbiographien mit psychopathologischem Ansatz stumpf abzuhaken und nur die Dinge aus dem Leben des Subjekts herauszupicken, die in die vorgefertigte Struktur passen? Selbst die köstliche Parodie Walk Hard: Die Dewey Cox Story (2007) bringt sie nicht davon ab.

Die klare Linie vom Grund hinter dem Karriereknick/persönlichen Absturz zum Kindheitstrauma, was dann auf wundersame Weise verarbeitet und überwunden wird, ist mal wieder absurd vereinfacht. Dann streut man schnell noch Andeutungen auf andere Aspekte, die man für wichtig hält, gibt die größten Hits zum Besten, lässt andere Berühmte einmal auf und ab stolzieren, ergötzt sich am Melodrama, regt sich über die Ungerechtigkeiten auf, bleibt aber stets an der Oberfläche und dichtet sich wenn nötig was dazu. Zum Schluss werden natürlich Bilder und vielleicht noch Video-Clips der echten Personen abgespult, zusammen mit unzähligen Fakten und Errungenschaften. Es hilft sicherlich auch nicht, dass man es nie allen recht machen kann, dass man immer jemanden findet, der eine andere Sicht auf die jeweilige Person und den geschichtlichen Kontext hat und die eigenen Emotionen konterkariert sieht.

Wie schon zum Beispiel bei Ray (2004), La Vie En Rose (2007) und Judy (2019) trägt die Hauptdarstellerin, in diesem Fall Jennifer Hudson, weitestgehend den Film alleine. Immerhin hat Aretha Franklin sie persönlich für die Rolle ausgesucht. Sie hätte verdient, dass ein besserer Film um ihre beeindruckende Leistung gebaut worden wäre. Musikalisch hat der Film durchaus was zu bieten. Die erste Aufnahmesession bei FAME Studios in Muscle Shoals, Alabama, wo Aretha mit den Haus-Musikern ihren ersten eigenen Hit I Never Loved A Man (The Way I Love You)entwickelte, fühlt sich organisch an und ließ uns mitgrooven. Leider wird Respect nie wieder so gut. Auch Skye Dakota Turner, die die junge Aretha spielt, ist über jeden Zweifel erhaben. Sechsfache Tony-Award GewinnerinAudra McDonald als Arethas Mutter sowie Mary J. Blige als Dinah Washington sind so gut und so wenig zu sehen, dass man sie den ganzen Film über vermisst. Tituss Burgess macht seinen Job als Reverend James Cleveland so gut, dass es Forest Whitaker eigentlich peinlich sein müsste: sein C. L Franklin kommt wie die Karikatur eines Bösewichts daher. Auf den Anblick von Marlon Wayans mit Movember-Schnurrbart bereiten wir euch lieber jetzt schon vor.

Neben The United States vs. Billie Holiday (2021) haben wir also einen weiteren Fehlschuss. Wir empfehlen im Zweifel den Konzertmitschnitt Amazing Grace (2018) direkt im Anschluss zu schauen, oder besser anstelle. Zu Aretha Franklin gibt es bessere Ressourcen. Wenn man keinen engeren Rahmen setzt, stärkeren Fokus setzt oder einen persönlichen Zugang hat, lässt man lieber die Finger vom Biopic. In diesem Sinne freuen wir uns schon auf Spencer (2021).

In ähnlichem Kontext raten wir eher zu Cadillac Records (2008) und Ma Rainey’s Black Bottom (2020) sowie im weiteren Sinne Control (2007), 24 Hour Party People (2002), I’m Not There (2007), Love & Mercy (2014) und Rocketman (2019).

Regie: Liesl Tommy
Darsteller: Jennifer Hudson, Skye Dakota Turner, Audra McDonald, Forest Whitaker, Tituss Burgess, Marc Maron, Marlon Wayans, Albert Jones, Mary J. Blige
Kino-Release: 25. November 2021

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