HUSTEN – Interview & Tour-Verlosung

Wenn es in Deutschland ein Indie-Supergroup gibt, dann ist es wohl die Band mit dem seltsamen Namen Husten. Der Sänger und Songschreiber Gisbert zu Knyphausen (zuletzt mit dem überragenden Album Das Licht dieser Welt solo sehr erfolgreich), der Top-Produzent Moses Schneider und der Musiker/Schriftsteller Tobias “Tobi” Friedrich alias Der Dünne Mann machen seit einigen Jahren gemeinsame Sache.

Mit einigen toll gestalteten Vinyl-EPs ging es nach der Gründung 2016 noch ganz gemütlich los, ein Album und Live-Auftritte waren zunächst gar nicht geplant. Doch es kam anders: Im vorigen Jahr erschien das tolle Husten-Studiodebüt Aus allen Nähten, das die drei renommierten Musiker mit Band-Verstärkung alsbald auch auf die Bühnen brachten. Mit der gleichermaßen starken zweiten Platte Aus einem nachtlangen Jahr (VÖ 29. September 2023 bei Kapitän Platte) wird aus dem “kleinen Nebenbei-Studio-Spaßprojekt” (O-Ton Knyphausen im nachfolgenden Interview) nun was Festes.

In einem langen Gespräch mit dem (sehr bescheiden und extrem sympathisch auftretenden) Frontmann der Band Husten in Berlin-Kreuzberg ging es um die Entstehung des Albums und seine sehr unterschiedlichen Lieder, um Knyphausens Teamplayer-Rolle bei Husten sowie seine nähere Zukunft als Band- und Solo-Musiker.

Hallo Gisbert, schön, Dich nach einem Vor-Corona-Interview zu Deiner Solo-Karriere wieder mal persönlich zu treffen. Jetzt also Husten, die Zweite. Man hat den Eindruck: Ja, das ist nun eine echte Band und nicht mehr nur das Projekt von drei bekannten deutschen Musikern. Wie kam es dazu?
Ja, Aus einem nachtlangen Jahr ist tatsächlich auch für uns drei wahrnehmbar eine richtige Band-Platte. Wir haben die Songs live im Proberaum arrangiert, mit den Mitmusikern, die wir letztes Jahr bei den ersten Live-Konzerten dabei hatten. Wir haben ein paar Mal im Proberaum geprobt und die Stücke dann in kurzer Zeit live eingespielt und dann auch gar nicht so viel Nachbearbeitung gemacht wie beim ersten Husten-Album. Hier war der Ansatz: Wir wollen den Live-Sound abbilden, wie er sich letztes Jahr entwickelt hat. Vom Schreibprozess her war es so, dass Tobi und ich, hier mehr noch geteilt als auf anderen Husten-EPs, die Texte geschrieben haben.

Zusammen? Oder eher wie Lennon/McCartney auf dem Weißen Album, also jeder für sich?
Teils, teils. Wir haben kurz vorm Studio auch noch zusammengesessen und die letzten Sätze zusammengeknüppelt. Die Grundideen kommen entweder von Tobi oder von mir, und dann basteln wir uns das zusammen. Ich gebe dann manchmal einen halbfertigen Text an Tobi, und der schreibt ihn um – oder umgekehrt. Das finde ich ganz spannend, weil ich das ansonsten ja überhaupt nicht so mache. Und selbst auf dem Kid-Kopphausen-Album war es eher so Lennon/McCartney-mäßig getrennt, bis auf ein Lied.

Dann seid Ihr laut PR-Beipackzettel in Mostril in Spanien ins Studio gegangen und hattet eigentlich noch gar keine Songs. Wie kann man sich das vorstellen?
Also die Songs waren schon zum größten Teil, für acht Lieder, fertig. Aber es gab diesmal noch vier oder fünf Baustellen. Ich bin ein paar Tage eher dort hingefahren und habe an Texten geschrieben, und im Studioprozess haben Tobi und ich noch ewig rumgebaut, bis dann die beiden letzten Stücke so fertig waren, dass wir zufrieden waren.

Und Moses Schneider war als Produzent derjenige, der letzte Hand an die Arrangements legt?
Auf jeden Fall. Moses hat auch Veto-Recht bei Texten. Kommt vor, dass er sagt: Nee, das ist total doof, das müsst ihr umtexten. Und dann machen wir das (lacht). Aber letztendlich ist er vor allem der Fachmann für die Arrangements, wo Tobi und ich uns dann fügen in seine Expertise. Weil er einfach so viel Erfahrung hat und auch so schnelle, gute Entscheidungen treffen kann, dass wir meist keine Gegenargumente haben. Außerdem war diesmal die Band viel mehr beteiligt, die Mitmusiker haben sehr viel Input eingebracht.

Spanien als Aufnahmeort war zwar sonnig und warm, aber die Platte klingt ganz schön düster – auch vom Sound her, wie etwa das postpunkige Elli. Oder Nüchtern im Club (Nihilistendisco) mit der Aussage in Klimakrisen-Zeiten: Wir haben’s verkackt.
Ja, der Text ist krass. Wir haben auch überlegt, ob wir den so stehen lassen können, weil er wirklich ein Gefühl abbildet im Sinne von: Vielleicht kann es die jüngere Generation noch lösen, vielleicht ist’s aber auch schon zu spät, viel Hoffnung haben wir nicht mehr für die Menschheit. Das ist natürlich nicht unsere Grundhaltung dem Leben gegenüber, das kommt hoffentlich in anderen Songs rüber – ich denke schon, dass die Menschen zu Positivem fähig sind. In diesem Song sind wir aber in der zynisch-abgefuckten Haltung geblieben.

Ist aber ja auch nicht grundlos, und der Text fängt den Zeitgeist ein.
Auf jeden Fall. Der Song geht für mich einher mit dem ersten Lied der Platte, Bis morgen dann. Das sind Stücke, die aus einem Gefühl am Anfang der Pandemie gewachsen sind. Da dachte man doch: Jetzt ist mal alles aus den Fugen geraten, vielleicht bietet das aber auch eine Chance, radikale Veränderungen zu starten, wie wir als Menschen in dieser Welt funktionieren und wie wir unseren Planeten behandeln. Und dann die Desillusionerung, weil die Gesellschaft doch sehr schwer veränderbar ist. Da haben wir eine Chance vertan als Menschheit.

Und doch ist der Song zu subtil, um eindeutig ein “politisches Lied” zu sein.
Das ist für mich auch keine Option. Ich könnte mich darin nicht ernst nehmen, ein Lied mit klarer Schuldzuweisung, mit politischen Parolen zu schreiben. Ich finde politische Themen oft zu komplex, um sie in einen dreiminütigen Popsong im weitesten Sinne zu fassen. Aber generell gibt es diesmal mehrere Lieder, die ein gesellschaftliches Unwohlsein behandeln, wie etwa Elli.

Deine typische Songwriter-Melancholie, die man auf den Soloplatten so stark spürt, ist aber auch immer noch da.
Ja, die ist da, und die fühlt auch Tobi beim Schreiben. Moses ist dann unser Korrektiv und sagt: Nee, Leute, das ist mir jetzt zu hart, zu düster. Oder wenn das so bleibt, müssen wir wenigstens die Musik dazu so formen, dass es nicht nur eine total melancholische Ballade bleibt.

YouTube video

 

Es gibt auf der neuen Platte dann aber auch Lieder, die was Fröhliches, Leichtes haben. Zum Beispiel Lass mich bitte nicht in Ruh, ein gelöster Schrammelpop-Song. Ist der von Dir?
Nein, der ist tatsächlich von Tobi, die Grundakkorde und auch der Text, bis auf einen Satz von mir. Finde ich immer interessant, wie die Leute das wahrnehmen und was dann mir zugeschrieben wird und was nicht. Ich bin sehr froh, dass das Lied auf dem Album drauf ist, denn der Anspruch von Husten ist ja, dass es sich unterscheidet von meinen Soloalben.

Tobi und Du – das hört sich nach einem tollen Gespann an. Ist das für Dich eine neue Herausforderung – mit jemandem zu arbeiten, der auch als Schriftsteller auf Top-Niveau unterwegs ist? Macht das Spaß, oder ist es eher ein Tritt in den Hintern?
Beides. Es ist eine Herausfordung, die Spaß macht, und die mir teilweise neue Ideen oder Welten eröffnet – sowohl die Zusammenarbeit mit Tobi an den Texten, als auch ganz viel die Zusammenarbeit mit Moses an der Musik. Ich finde die Auseinandersetzung mit den anderen Köpfen immer inspirierend. Deshalb habe ich auch so große Lust, neue Projekte zu starten oder mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten, wie jetzt in der Band Husten oder davor mit dem Schubert-Projekt mit Kai Schumacher. Weil ich mir bei meinen eigenen Songs manchmal zu sehr selbst im Wege stehe oder zu sehr in meiner eigenen Suppe schwimme, so dass ich den Wald nicht mehr sehe vor lauter Bäumen.

Aber es wird schon noch wieder eine neue Solo-Platte geben, oder? Dass Du ein Teamplayer bist, hast Du jetzt bewiesen, aber viele Fans lieben halt auch den Solo-Gisbert, den Singer-Songwriter, den Liedermacher.
Ja, es wird auf jeden Fall eine neue Platte geben. Jetzt gehen wir als Husten ab Oktober auf Tournee und werden nächstes Jahr auch noch etwas gemeinsam spielen, dann kommt eine kleine Pause, und jeder kann ein bisschen an jeweils eigenen Sachen arbeiten. Außerdem spiele ich ja noch Bass bei Paula Paula, das ist die Band meiner Lebensgefährtin (Marlène Colle). Im November ist die wilde Tour-Phase dieses Jahres vorbei – da werde ich nächstes Jahr ein klein wenig zurückschrauben und mir Zeit nehmen für ein neues Gisbert-Album. Es gibt drei richtig fertige Lieder, die ich super finde und die die Basis bilden, und dann ganz viele angefangene Sachen, die ich weiterschreiben will.

Gute Nachricht für alle Knyphausen-Fans. Aber nochmal zurück zu Husten – ich wollte immer schon wissen, warum ihr euch so genannt habt. Der Bandname lud ja gerade in der Pandemie zu Wortspielen ein.
Die langweilige Antwort ist, dass es ein Name ist, den Tobi schon lange mit sich rumgetragen hat. Er hatte mal angefangen, unter dem Projektnamen Husten Songs zu schreiben und zu arrangieren – wohl weil er ein Fan ist von der amerikanischen Band Soul Coughing. Jetzt, nach der Pandemie, können wir sagen, dass wir dem Husten wieder einen positiveren Beigeschmack geben wollten (lacht). Und auf die ersten EP hat der Name auch gut gepasst, weil es so rausgerotzte, rausgehustete Lieder waren wie “Liebe kaputt” oder “Bis einer heult”.

Und jetzt seid ihr eine echte Band mit einem komischen Namen.
Ja genau, das ist eine sehr ernstzunehmende Sache geworden. Am Anfang haben wir das ja als kleinen Nebenbei-Studio-Spaßprojekt verstanden, und über die Jahre wurde die Arbeit daran immer ernsthafter. Und auch in der Pandemie war das für uns alle ein echter Anker.

Husten Tour:
11.10.23 Bielefeld, Bielefelder Songnächte@Forum
12.10.23 Hamburg, Knust
13.10.23 Dortmund, FZW
14.10.23 Köln, Gebäude 9
15.10.23 Frankfurt, Das Bett
17.10.23 Berlin, Columbia Theater
18.10.23 Leipzig, UT Connewitz
19.10.23 München, Strom
20.10.23 Reutlingen, franzK
21.10.23 Karlsruhe, Tollhaus
22.10.23 Hannover, Kulturzentrum Faust (Mephisto)

Für die anstehende Tour von Husten verlosen wir 2×2 Tickets! Ihr wollt gewinnen? Dann schickt uns bis zum 6. Oktober eine Mail mit dem Betreff “Husten + Stadt, wo ihr zum Konzert wollt” und eurem vollständigen Namen an gewinnen@bedroomdisco.de und mit etwas Glück habt ihr schon Ende nächster Woche frohe Gewinnkunde von uns in eurem digitalen Postfach!

YouTube video

Werner Herpell

Mehr erfahren →