Foto-© Stephan Strache
Wir treffen Janine vor ihrem Konzert in Köln. Tags zuvor haben Black Sea Dahu in Amsterdam gespielt. Das Wetter meint es gut mit uns: statt im Backstage, können wir das Interview draußen in der Sonne bestreiten. Vielleicht ein Ort wie ein Spiegelbild des Tour-Alltags: man arrangiert sich und macht das beste daraus. Trotz vollen Tour-Tagen im Rücken und dem noch folgenden langen Konzerttag, lässt sich Janine die Zeit für unser Interview nicht nehmen. Sie ist unheimlich präsent. Sich auch auf Interviews zu freuen scheint bei Janine keine Floskel.
Erst einmal vielen Dank, dass du dir auf Tour die Zeit für unser Interview nimmst. Das ist alles andere als selbstverständlich.
Sehr gerne.
Ich möchte direkt mit einem Lob für euer neues Album Everything in unser Interview starten. Es ist nun schon etwas über einen Monat draußen und gefällt mir sehr.
Stimmt. Es ist erst etwa einen Monat draußen.
Was für eine spannende Frage: ist es für dich erst oder schon einen Monat draußen?
Erst. Krass, wie wenig Zeit, seitdem erst vorbei ist. Krass, wie sich dieser Monat mit unserer neuen Platte gleichzeitig lang und kurz anfühlt. Everything ist aber auch ein krasses Album. Jeder der 9 Songs hat für mich einen Bezug zum plötzlichen Tod meines Vaters. Vielleicht ist das Album deswegen für mich ein so besonderes Album.
Ich las dazu, du habest „kein Album gemacht, sondern einen Ort gebaut, um die Trauer und den Verlust deines Vaters auszuhalten“. Kunst kanalisiert oft autobiographisches – trotzdem ist der Tod eines Elternteils eines der krassesten, einschneidendsten Erlebnisse. Ab wann war dir bewusst, dass dies das Motiv des Albums werden wird?
Immediately. Ich schreibe eigentlich nur über das, was mir widerfährt oder was ich erlebe. Und es war keine Möglichkeit, nicht darüber zu schreiben. Es stand für mich nie zur Debatte, dieses Thema auszusparen oder wegzulassen. Ich glaube, ich musste mich da durchwühlen. Und es ist auch in jedem Song, wenn auch nicht gleich stark, drin enthalten. Ja, es war sofort klar, dass es überall drin sein wird.
Welches der neun Lieder war als erstes fertig gestellt?
Fertig? Die Frage, wann ein Song fertig ist, ist mit die Schwierigste. Aber gewisse Songs haben sich schneller geschrieben als andere. Ich glaube, Not a Man, Not a Woman war sicher der erste. Der ist auch ein Jahr früher erschienen als das ganze Album. Ein Jahr oder sogar anderthalb Jahre früher.
Und nachher? Bei den anderen acht Liedern?
Da muss ich kurz überlegen. Als erstes fertig? Mmmh. Ich weiss es nicht. Es war vor allem auch ein Umwühlen von Lyrics, bei denen ich eigentlich dachte, sie seien schon ziemlich weit. Aber an irgendeinem Punkt habe ich dann gemerkt, nein, ich muss sie nochmal umwühlen, nochmal alles neu machen. Von daher kann ich keine genaue Reihenfolge, wann welcher Song fertig war, festlegen. Aber ich weiss, Everything hat sich ziemlich schnell geschrieben. Und nicht nur geschrieben. Everything war auch schnell fertig, weil ich wusste, ich will da nicht noch mehr Bim Bam herum. Es soll einfach so knochig und reduziert sein.
Wie schaut bei dir überhaupt das Arbeiten an neuer Musik aus? Hast du eine Struktur? Hast du zuerst die Lyrik oder zuerst eine Melodie? Ich glaube, ich habe irgendwo gelesen, du sammelst tagebuchähnlich permanent Textfragmente.
Ja ich habe unfassbar viele Texte. Lyrik oder zumindest Textzeilen sind bei mir oft zuerst da. Oder einfach genauer gesagt: ich habe gemerkt, dass es mir oft schwerer fällt, wenn ich die Melodie zuerst habe und dann einen Text darauf schreiben muss. Das fällt mir deutlich schwerer so als umgekehrt. Wenn du die Melodie bereits hast, dann musst du die Worte formen auf die Melodie. Und oft fällt es mir dann schwer, die Melodie gehen zu lassen, wenn es nicht klappt, die Worte so zu formen, dass es mit der Melodie einhergeht. Dann bin ich schneller frustriert. Deshalb habe ich den anderen Weg eigentlich lieber. Zuerst die Lyriks und dann kommt die Melodie. Aber ich mache trotzdem beides.
Das heisst, die Black Sea Dahu Lyrik ist zu 100% Janine? Oder gibt es noch irgendwen aus der Band, der dabei mitmischt?
Nein, das ist 100% Janine. Ich habe lediglich Gavin Gardner aus Kanada, der oft mit uns zusammenarbeitet und der mir ein bisschen grammatikalisch hilft mit dem Englisch. Es ist seine Muttersprache und so hilft er mir schon einmal, indem er meint: hey, das versteht man so nicht oder das sagt man so nicht. Über diese Hilfe bin ich sehr froh, weil ich manche Sachen gar nicht sehe oder sehen kann, weil es nun einmal nicht meine Muttersprache ist. Da kann er mir dann schon helfen und ich Hilfe annehmen. Manchmal überschreibe ich auch, also im Sinne von, ich schreibe zu viel. Und dann kann er mir sagen, das hast du eigentlich schon dreimal gesagt. Du musst es nicht nochmal sagen. Ich merke dann, dass die Sätze, die ich schon habe, bereits so stark und aussagekräftig sind. Ich merke, dass die Sätze bereits reichen und ich checkte es aber einfach nicht, weil es nicht meine Sprache ist.
Das klingt fast wie ein Lektorat?
Genau, das trifft es eigentlich ganz gut.
Und bei der Musik dazu? Überlegst du bereits, wie ein Lied instrumentalisiert wird?
Auch das mache ich größtenteils. Everything ist allerdings bis jetzt das Album, wo die Band am meisten mit beigetragen hat. Vor allem, weil wir alle zusammen dann in Flims, in einem malerischen Bergdorf für mehrere Wochen zum Ausproduzieren uns sozusagen eingesperrt haben.
Wie können wir uns das dortige Arbeiten vorstellen?
Wir waren zuerst zwei Wochen und dann nochmals drei Wochen im Oktober 2024 dort. Dort sind viele Melodien entstanden durch das Miteinanderspielen und für viele dieser Ideen haben auch die anderen beigetragen.
Gab es da denn bereits die neuen Lieder?
Ja, sie gab es größtenteils schon. Ruth z.B. haben wir schon auf Tour gespielt und One Day Will Be All I Have haben wir auch schon auf der 2023er Tour gespielt. Ansonsten war es halt so mehr so: Hey, ich habe eine Idee, ich habe da eine Strophe im Kopf, spielen wir das einfach mal. Wenn wir auf Tour beim Soundcheck fünf Minuten Zeit übrig hatten, dann habe ich das kurz aufgenommen und ein Jahr später wieder reingehört. Das ist wirklich ein Sammeln, vor allem wenn wir so viel auf Tour sind. Wir haben dann auch noch ein Live-Album aufgenommen und herausgegeben in diesem Jahr. So kam ich 2023 einfach nicht zum Schreiben, nur zum Sammeln.
Gefühlt seid ihr permanent auf Tour.
Viel Touren hat beide Seiten: es ist anstrengend, aber hat auch immer etwas Schönes. Für Fans hat es natürlich auch was Schönes, uns oft sehen zu können. Zeitgleich bleibt aber leider auch einfach viel auf der Strecke.
Heute in Köln spielt ihr das 13 Konzerte, ehe es für Ostern kurz nach Hause und dann ab dem 15. April weiter mit dem Touren geht. Habt ihr oder hast du so etwas wie einen Tour-Alltag?
Witzigerweise hatten wir gestern ein kurzes Crew-Meeting, bei den wir alle eine Minute erzählen, wie es uns geht. Und da haben viele von der Band gesagt, es sei seltsam, jetzt nach Hause zu gehen. Noch vor zwei Jahren waren wir immer vier bis sechs Wochen am Stück auf Tour. Das hat sich geändert, weil unser Pianist mittlerweile zweifacher Vater ist. So haben wir nun die Grenze zwei Wochen, dann muss er nach Hause und wieder daheim mithelfen. Deshalb touren wir nun nur noch zwei Wochen am Stück. Aber für viele von uns fühlt sich das noch komisch an, weil wir jetzt – nach gut zwei Wochen – erst so richtig in den Flow reinkommen. Es ist ein bisschen wie beim Backpacken, anfangs fühlt es sich noch komisch an, unterwegs zu sein und dann kommst du irgendwie rein in das Reisen. Das ist bei der Tour dasselbe. Und jetzt bricht es plötzlich so ab und man muss dann wieder neu Anlaufen in einer Woche. In unserem jetzigen Touralltag haben wir eine sehr gute Stimmung. Das freut uns alle immer wieder. Wir haben es irgendwie sehr lustig und gerade gibt uns das neue Set auch viel Schwung. Wir haben vorher wirklich ganz, ganz lange die selben Songs gespielt. Auf Schweizerdeutsch sagen wir: es hängt an. Es hat uns angehängt. Wie sagt man das auf Deutsch? Gibt es das überhaupt auf Deutsch? Ich meine: es hängt an einem, es zieht einem so ein bisschen runter.
Ich glaube, ich habe zumindest eine Idee, was du damit meinst.
Und jetzt gibt uns das neue Set ein bisschen Schwung. Das ist super schön. Was ich aber schon arg merke, mir fehlt Bewegung sehr. Unsere Tage sind mega lang und ich arbeite zum Teil bis 3 Uhr nachts, bin also oft erst um 4 Uhr im Bett. Und dann muss und möchte ich so lange schlafen wie nur möglich, um irgendwie fit zu bleiben. Es ist einfach super wichtig, dass ich nicht krank werde. So habe ich auch einen ganzen Koffer dabei, nur mit Medis. So, dass wenn es passiert, ich alles notwendige dabei habe und unmittelbar nehmen kann. Diesmal bin ich eigentlich krank in die Tour gestartet und konnte dann meine Grippe innerhalb von 4 Tagen ausmerzen, weil ich alle wichtigen Medis dabei hatte und konsequente Selbstfürsorge betrieb: nicht laut reden, nach der Show nicht mit unseren Fans sprechen. Stattdessen einfach nur nachher heiß duschen und ins Bett. Es hängt mir immer noch nach und mir fehlt Bewegung. Ich merke, mir tun Sachen weh. Ich werde älter, es geht auch nicht mehr so ohne Bewegung. Die ganze Nacht in der Sardinenbüchse im Bus merke ich mittlerweile. Mir schmerzen meine Unterarme und ich bekomme so komische Wehwehchen. Das ist leider auch Touralltag. Heute hatten wir immerhin Zeit einen Kaffee in Köln zu trinken. Das tat gut, ist aber eher die Ausnahme.
Hast du einmal ausgerechnet, wie viele Tage im Jahr ihr unterwegs seid?
Nur Tour? Oder auch mit Festivals? Nee, das habe ich noch nicht. Es wäre aber spannend. In grossen Tourjahren, wie diesem sind es schon 80 Konzerte oder so. Hinzu kommen auch noch Travel-Days und Off-Days. Da kommt schon etwas zusammen an Tagen.
Du hast bereits kurz von eurer Zeit in Flims in den Bergen erzählt. Habt ihr dort dann auch eure Songs für Everything aufgenommen?
Ich wollte dieses Mal nicht in ein Studio-Studio gehen. „I’m My Mother“, unser letztes Album, haben wir in einem Studio-Studio aufgenommen und es war einfach so ein Stress. Wir waren 21 Tage dort ohne Pause. Jede Pause kostet dich jedes Mal Geld. Dieses Wissen und dieser Druck hat uns als Band gestresst. Ich war extrem gestresst. Eine Woche später habe ich dann noch alleine die Strings im Bandraum aufgenommen. Diesen Stress wollte ich dieses Mal vermeiden. Einerseits will ich den Geldstress nicht, andererseits habe ich das Gefühl, wir müssen mehr experimentieren mit diesem Song, wir brauchen mehr Zeit und wir können dafür nicht ein Studio bezahlen jeden Tag. Und ich wollte auch in die Natur. Wenige Studios sind mega schön und du bist umgeben von einem Wald. Bei den Aufnahmen von I’m My Mother war unser Studio direkt an der Hauptstrasse. Das wollten wir dieses Mal anders und ich wollte es auch ein bisschen familiärer, glaube ich. In Flims waren wir dann im Ferienhaus von der Familie von unserem Bassisten Pascal. Für das Ferienhaus haben wir zwar auch bezahlt, aber viel weniger als in einem Studio. Wir haben dann all unser Gear mit dahin gebracht. Und wir haben auch das Ferienhaus nebenan von den Nachbarn mitmieten können, weil wir irgendwann gemerkt haben, es wird ein bisschen eng, wir sind zu viele Leute und es ist gut, wenn auch mal jemand sich ins andere Haus zurückziehen kann, etwas Ruhe und Abstand haben. Oder welche wollten sich schon schlafen legen und andere noch bis um eins weiterspielen oder so. Gavin kam auch aus Kanada dazu und war für zwei Wochen mit dabei. In Flims sind dann auch wirklich alle Lieder finalisiert worden. Und dann sagst du auch, jetzt reicht es.
In Deutschland gibt es das Wort „Verschlimmbessern“.
Ja, dass trifft es ganz gut. Manchmal macht man es nur noch schlimmer. Wir haben eine Wall of Pain. Der Name sagt bereits alles: es kann auch einfach ein Pain sein, noch so viele Ideen zu haben und abarbeiten zu wollen. In Flims hatten wir von allen Tracks die Basic Tracks aufgenommen. Die ganze Band setzt sich hin und spielt den Song zusammen. Und dann haben wir dieses Word-Dokument, unsere Wall of Pain, wo alle Ideen, die wir noch ausprobieren wollen, verzeichnet sind. Paul und ich sind in seinem kleinen Musikraum in Zürich sie alle nochmals durchgegangen. Vor allem Paul und ich haben das dann weiter produziert. Aber das Schlusswort habe immer noch ich. Zum Beispiel bei „Ruth“ habe ich dann im Mix nachgeschnitten. Es gab bei dem Song eine Entscheidung in der Band, bei der ich immer Zweifel hatte. Im Mix habe ich dann gedacht, das geht einfach nicht, ich muss das noch schneiden. Das habe ich dann noch gemacht und ich finde es bis jetzt eine gute Entscheidung.
Wie weit ist der Weg vom Song auf dem Album zum Song, den ihr live spielt? Wie anders arrangiert ihr die neuen Songs jetzt auf Tour?
Es war noch einmal mega viel Arbeit. Die Band und auch unser Management hat es sogar unterschätzt. Ich dachte mir aber, es wird viel Arbeit und ich habe ein bisschen gekämpft, weil vor allem die Männer in unserer Band und unser Management, meinten, nee, das sind viel zu viele Proben, die ihr da plant. Das muss schneller gehen. Keine Band muss so viel proben für ihr Set. Tatsächlich brauchten wir dann noch acht Tage mehr. Es wurde Stress, weil es nicht gereicht hat. Unsere Songs sind auf dem Album zum Teil sehr fett instrumentiert mit Strings und Bläsern, das alles mussten wir runterzubrechen auf die Band. Wir haben ja alle nur zwei Hände und zwei Füsse. Wir sind fünf Personen, wir können das nicht alles spielen. Daher mussten wir viel ausprobieren: Wo liegt denn der Kern des Songs? Wie können wir den Vibe auch ohne Stringquartett, Klarinette, Bassklarinette, Saxophon und Trompete und all das, was es an Instrumenten auf das Album geschafft hat rüberbringen?
Wären dafür nicht vielleicht Backingtracks eine Option?
Wir haben ein paar wenige Backingtracks in unserem Liveset. Vorwiegend Flächen, also z.B. eine Mandolinenfläche bei My Dreams. Bei Mindpower vom letzten Album arbeiten wir schon lange mit einem Marimba Backingtrack, weil das von uns niemand mehr spielen kann, es aber mega wichtig für den Song ist. Wir versuchen Backingtracks aber auf ein Minimum zu beschränken. Mir ist sehr wichtig, dass wir alles auf der Bühne, selbst wenn es nur ein Backingtrack sind, selbst spielen. Dass es nicht vom FOH einfach reingespielt wird und dann ist es mega fett, sondern dass die Leute auch immer noch sehen, es wird auch von uns gespielt. So gibt es einen ein Chor, den Alon jetzt auf seinem Drum Pad spielt. Dabei muss er halt jeden Akkord kurz anspielen. Ich finde das so immer noch besser, als wenn es einfach da ist und ich würde es auch lieber in dieser Richtung behalten, anstatt das Ganze hinten aufzublasen. Ich finde es auch spannend, unsere Songs live anders zu spielen. Es entsteht damit Neues.

Die neuen Songs verarbeiten für dich auch Trauer, Verlust und Schmerz. Ist es jedes Mal wieder eine Konfrontation damit oder hilft es, sie zu spielen als eine Form von Verarbeitung?
Das weiss ich noch nicht. Ich habe auf jeden Fall erwartet, dass es schwierig wird und ich merke jetzt auch, dass es so eine Art Schwelle gibt, die ich übertreten kann und dann bin ich am Schwimmen. Wortwörtlich sogar, denn dann kommt das Wasser zu mir. Es ist sehr oft eine bewusste Entscheidung, ob ich da drübertrete und schwimme. Ich kann mich dafür entscheiden oder dagegen. Ein wenig macht auch die Venue, also die Bühne und die Anlage aus: Wir spielen mit In-Ears und manchmal, wenn du auf der Bühne stehst, habe ich in der Mitte leider einen sehr drucklosen Sound. Das macht es, als höre ich nur Mitten und Höhen. In diesem Fall spüre ich deutlich weniger. Dafür sitzen Vera und Pascal oft auf den Subs und haben viel zu viel und dann hast du entsprechend eine ganz andere Show-Experience. Aber wenn ich dann auch ein bisschen von diesem Schub mitbekomme, dann schiebt es mich über diese Schwelle. Vor allem bei „Everything“ manchmal auch bei My Dreams oder auch bei Ruth. Dann muss ich heulen. Und es ist schon sehr oft so passiert jetzt, vor allem bei Everything. Wir inszenieren ihn sehr eindrucksvoll, mit Wind aus den Bergen. Unser Publikum spürt das auch und klatscht lange nicht nach diesem Song. Wahrscheinlich, weil wir alle sehr weit hinten schwimmen bei dem Song. Ich finde es eigentlich passend und verstehe es, dass sie da nicht so voll reinklatschen, sondern einfach sind. Wir sind einfach. Und das muss man auch nicht beklatschen.
Ist das nicht bereits Katharsis? Dass das Publikum auch mitfühlt und mitleidet, was ihr auf der Bühne fühlt?
Das ist ein schönes Bild. Trotzdem bleibt es für mich eine Übung, es so zu nehmen, wie es ist. Ich lasse mich sehr oft verunsichern von stillem Publikum. Und das, obwohl ich, wenn ich andere Shows sehe, selbst die Stillste bin. Wenn man mich ansieht, während ich mir eine Show ansehe, würde man denken, ich sehe so kritisch aus und finde alles gar nicht gut oder so. Dabei geniesse ich es total, einfach zu sein. Auch bin ich oft auch zu müde zum Klatschen, ich möchte einfach nur schauen und bewundern. Aber wenn ich selber auf der Bühne stehe, verunsichert es mich oft. Außer bei Everything. Vielleicht, weil ich dann eben auch mitten im Schwimmen bin. Wir schwimmen dann alle zusammen.
„Wir schwimmen dann alle zusammen“ finde ich spannend: Mit deiner Schwester Vera teilst du den Verlust und ihr werdet sicherlich ähnliche Gefühle und Emotionen haben. Aber wie ist es für die anderen? Wie sehr können sie sich reinversetzen? Oder ist es vielmehr so, dass ihr alleine mit eurer Musik eine Stimmung schafft, die dafür reicht?
Ich glaube, es ist eine Schraffur von dem Gefühl, das sie empfinden. Sie haben ja auch die Zeit miterlebt und haben miterlebt, wie es für mich und für Vera war. Wir waren bereits zwei Wochen später schon wieder mit ihnen auf der Bühne. Und sie haben Rolf auch gekannt. Rolf hat uns sehr viel geholfen mit der Band. Er hat mit uns gebastelt, was wir gebraucht haben für den Merch. Er hat mitgeholfen, unsere Cases mit Schaumstoff auszukleiden. Rolf war Innendekorateur und hatte den ganzen Dachboden voll mit Schaumstoff und anderen Materialien. Ich denke schon auch, dass sie sehr berührt sind davon. Trotzdem glaube ich, dass sie, wenn ich zum Beispiel bei Everything heule, nicht das Gefühl haben, dass es ihr Platz ist das Gleiche zu tun. Im Moment ist es aber nicht nur der Verlust von meinem Papa, der mich dann irgendwie zum Schwimmen bringt. Bei Mindpower nimmt es mir auch so oft den Boden unter den Füssen weg, weil ich da so fest die Welt verändern möchte. Das möchte ich seit ich ein Kind bin. Mir wurde immer gesagt, ich wollte schon als Kind immer, dass die Welt besser wird. Bei Mindpower bin ich am Schluss am Ende meiner Kraft. Es ist auch daher auch der letzte Song. Ich verbeuge mich dann und bin wirklich so richtig am Heulen, bis ich mich dann wieder aufrichte und Danke sage, weil ich einfach denke, wir müssen das schaffen. Wenn ich sehe, was alles passiert auf der Welt, kann es nicht so weiter gehen. Das muss sich einfach ändern. Mein Gefühl, hat ein bisschen etwas von Herr der Ringe, wenn dann der Zauberer alles gibt und dann ist er am Schluss der Chef und bricht zusammen. Ja, ich will ein bisschen viel. Das ist schon krass.
Im Feuilleton seid ihr auch immer das Musterbeispiel für Do It Yourself im Haifischbecken Musikindustrie. Du hast es gerade erwähnt, Merch macht ihr größtenteils selbst. Aber zeitgleich seid ihr eine der bekanntesten Indie-Bands der Schweiz. Geht das bei eurer Größe überhaupt noch, dass ihr alles selbst macht?
Nein, es geht nicht mehr, dass wir alles selbstmachen. Wir sind jetzt dabei Sachen abzugeben und auszusourcen. Wir achten aber sehr drauf, wohin: beim Merch haben wir Fairtrade Merch. Für diese Tour haben wir zum ersten Mal die Plakate nicht mehr selber gedruckt. Wir haben nur noch so kleine Täschlein selber genäht. Die konnten wir aber nicht exportieren, die sind in der Schweiz. Vera macht immer noch viel vom Design. Aber ansonsten versuchen wir nun auch mehr abzugeben, da unsere Musik sonst auf der Strecke bleibt. Die Band wächst und gleichzeitig wächst damit auch die ganze Arbeit drumherum.
War diese Entscheidung, mehr abzugeben eher Befreiung oder Kontrollverlust? Hat es euch gut getan?
Es fühlt sich mittlerweile eher nach Befreiung an. Vor allem, weil wir es sehr überlegt gemacht haben und eins nach dem anderen abgegeben haben.
Wo du eben Vera erwähnt hast: wie ist es, mit deiner Schwester in der Band zu spielen? Als Geschwister bringt Mensch ja immer bereits Ballast aus Kindheit und gemeinsam Erlebten mit. Wie fühlt es sich an? Was habt ihr für (Familien)Dynamiken?
Ende 2024 war für uns ein Tiefpunkt. Da haben wir uns richtig krass gefetzt. Es war Erschöpfung mit im Spiel, aber auch ein generationales Trauma. Alles kam dann zusammen. Das Schwierige dabei is, dass Vera und ich die treibenden Räder der Band sind und wir uns daher den Space voneinander, den wir eigentlich bräuchten, oft nicht nehmen können. Wenn wir uns nicht zusammen drehen, dann dreht das ganze Teil Band sich nicht. Manchmal würden wir uns gerne eine Woche lang nicht sehen, müssen uns dann aber nach einem Streit schon eine Stunde später wieder zusammenraufen und Bandsachen entscheiden. Das ist echt schwierig. Seit Anfang letzten Jahres gehen wir, wenn wir zu Hause sind einmal in der Woche zusammen in Therapie. Es ist wunderschön. Es ist einfach mega toll. Ich habe das Gefühl, es rettet uns die Beziehung und es rettet uns die Band. Du sprichst anders mit deiner Schwester als miit dem Rest der Band. Und das ist unangenehm. Ich glaube auch, sie sind zum Teil gar nicht dazwischengekommen. Wir haben eine rasende Schnelligkeit miteinander zu streiten. Es ist alles so eingeübt, fast wie ein Theater. Und jetzt zusammen in Therapie zu gehen, ist wirklich augenöffnend. Es ist spannend, weil waren beide seit Jahren Einzeltherapie haben. Aber seitdem wir zusammen zur Therapie gehen, merken wir, was wir alles von früher mitbringen. Was ich alles gedacht habe, was du denkst, das du gar nicht denkst, ist wirklich sehr toll. Das beste Zitat, was ich bislang mit aus unserer Therapie genommen habe, ist, dass das grösste Missverständnis in der Kommunikation ist, dass sie stattgefunden habe. Das ist so gut. Wahrscheinlich ist noch gar nicht alles angekommen. Aber es ist wirklich toll und bringt uns sehr viel.
Ihr habt euren Struggle zwischen Leidenschaft und Wirtschaftlichkeit der Band öffentlich gemacht. Ist es jetzt mit den etwas grösseren Shows zumindest ein bisschen besser geworden?
Leider nein. Zeitgleich steigen die Tourkosten immer mehr. Zuletzt nun auch mit dem Dieselpreis. Wir würden auch gerne die Crew besser bezahlen. Unsere Gagen in Deutschland und in der Schweiz sind mittlerweile auf einem Niveau, dass es passen könnte. Aber wir müssen dann nur in der Schweiz und Deutschland spielen. Dann wäre es top. Aber weil wir dann auch noch in Spanien spielen, in London und Oslo oder in Schweden wird es in Summe wieder eng. Dort spielen wir Shows, die noch schlecht bezahlt sind, da uns dort noch nicht so viele kennen. Wir subventionieren diese Shows quer mit den guten Gagen. Zum Glück bekommen wir in der Schweiz immer noch Tourförderung. Der Erhalt ist immer ein Zittern, aber er ist sehr wichtig. In Summe ist unser Verdienst leider immer noch gering. Unser Pianist zum Beispiel hat zwei Kindern zu Hause. Das ist eigentlich nicht machbar. Aber wir machen es trotzdem. Es ist immer ein Rechnen. Wir wünschen uns zum Beispiel schon lange jemanden, der uns den In-Ear-Sound mischt. Ein Monitor-Mixing. Das ist dann aber wieder eine Person und eine Gage mehr. Gestern Nacht im Bus haben wir noch gerechnet, wenn jetzt jeder von uns 40 Franken abgeben würde von der Gage, könnten wir uns es vielleicht leisten, noch eine Person mehr mitzunehmen. Aber dann mussten wir uns eingestehen, 40 Franken weniger pro Show ist für viele von uns gerade nicht drin.
Das tut mir leid zu hören. Ich hoffte und wünschte, es sei besser. Wie gross ist eure aktuelle Travel-Party?
Wir sind zu zehnt unterwegs: Fünf auf der Bühne, Tourmanager, Merch, Sound, Licht und unser Stage-Manager, der auch noch fotografiert. Mehr ist gerade nicht drin.
Letztes Jahr habt ihr hier in Köln auf dem Even Flow-Festival gespielt. Mit Mel D, Soft Loft, Faber & euch war der Samstag vollkommen in Schweizer Hand. Irgendwo habe ich einmal aufgeschnappt, dass einer von euch mit Tilmann (Drummer bei Faber) in die gleiche Schule (oder sogar Klasse) ging. Wie vernetzt seid ihr untereinander?
Also ich war mit Julian in der Schule.
Ah, du warst sogar mit Julian in der Schule.
Genau. Bei Till weiss ich gar nicht, wo der in der Schule war. Also Till ist einfach der beste Freund von Pascal, unserem Bassisten.
Und wie eng seid ihr? Gefühlt seid ihr und Faber die musikalischen Ausrufezeichen von der Schweiz. Wie eng seid ihr zum Beispiel mit Faber oder mit anderen Bands? Gibt es einen Austausch?
Es gibt schon so etwas wie Austausch untereinander. Aber für jeden der Band ist es verschieden eng. Vera ist zum Beispiel deutlich enger mit Soft Loft als ich. Till ist der beste Freund von Pascal. Auch ich bin mit Til befreundet. Mit Julian war ich in der Schule halt einfach Kollege. Es ist jetzt fast enger als in der Schule. Wir sehen uns nicht jeden Tag. Aber es ist, ich weiss gar nicht, wie ich es am besten beschreiben soll? Tourfreundschaft trifft es vielleicht am Besten. Wenn man sich irgendwo unterwegs sieht, dann freuen wir uns sehr. Auch weil wir halt beide diesen Weg gehen. Das ist schon sehr speziell, glaube ich.
Du liebst die Natur, wohnst aber in Zürich. Was ist für dich und für deine Musik wichtiger? Natur oder Stadt? Oder ist es der Mix aus beiden?
Eindeutig Natur. Ich bin auch alles andere als so happy mit meiner Einzimmerwohnung in der Stadt. Aber es ist gerade das einzig Zahlbare für mich. Ich bin zumindest nah am Proberaum, Werkstatt und Lager. Aber ich würde am liebsten auf einen Berghof in der Natur wohnen. Das wäre mein Traum.
Vor etwas mehr als einem Jahr ist Daniel Koch, ein deutscher Musikjournalist, der Liebe wegen nach Zürich gezogen. Seitdem er dort lebt schwärmt er nur so von Zürich und der Züricher Musikszene. Wenn sollten wir alles auf dem Schirm haben?
Unseren heutigen Opener Lost in Lona auf jeden Fall. Und Löwenzahnhonig, eine Band, die nicht schon jeder kennt. Aber ein Rising Star. Löwenzahnhonig ist die Band von unserem Stage-Manager Paul. Instrumentalmusik, die ich permanent rauf und runter hören kann. Ich höre sie oft, wenn ich Hunde hüte, die chillen und runterfahren sollten. Dafür ist das die beste Musik. Solong hat uns auch begleitet für ein paar Shows. Sie hat eine sehr gute Stimme und ist toll.
Sucht ihr euch euren Support selbst aus?
Ja, den suchen wir selbst aus. Dieses Jahr haben wir vor, nur Acts aus der Schweiz mitzunehmen. Einerseits, weil es so viele junge und vor allem gute Artists gibt, die wir irgendwie rausbringen wollen aus der kleinen Schweiz. Andererseits aber auch, weil es uns den Toursupport eher sichert. Wir bekommen denn schon so lange und werden unterstützt von Stadt und Kanton und allem, dass wir dafür auch etwas zurückgeben wollen. Leideer haben wir immer auch Angst, dass diese Unterstützung endet, weshalb wir ihnen zeigen, dass wir immer neue Märkte erspielen und es Sinn macht, uns auch weiter zu unterstützen. Wenn wir dann auch noch Schweizer Acts mit ins Ausland nehmen, ist es gleichzeitig Förderung der Schweizer Musikszene. Mit der Förderung unserer Tour fördern sie dann gleichzeitig auch noch 10 andere Schweizer Artists. Also das macht schon mega Sinn.
Dann sind wir gespannt, wen ihr dieses Jahr noch alles mit auf Tour nehmt. Vielen Dank auf jeden Fall, dass du dir die Zeiit für unser Interview genommen hast und für all die spannenden Einblicke.
Sehr gerne. Es war sehr kurzweilig und hat mich gefreut.
Das Konzert hielt dann, was das Interview versprach, gemeinsames Schwimmen inklusive.
Es war nicht mehr und nicht weniger als wunderbar.

