Foto-© Hans Buerkle
Dem Ravensburger Singer-Songwriter Michael Moravek (58) wäre ein unerwarteter Karriere-Booster wie zuletzt bei Tristan Brusch schon lange zu gönnen. Zwar wurde er mit seinem bisher letzten Soloalbum Night Songs (2025) für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert und hat auch sonst schon so einige Auszeichungen erhalten, dem breiten Publikum ist seine einfühlsame, zwischen Folk, Indie-Rock und Songwriter-Pop angesiedelte Musik aber bisher verborgen geblieben. Mit dem neuen Album Georg (VÖ: 10. April 2026, TYXart) könnte, nein sollte sich das ändern – es ist vielleicht sein bestes, sicher aber sein wichtigstes.
Diese Platte ist zugleich die erste deutschsprachige in der Karriere von Moravek, und sie hat ein besonders bedeutsames Thema: das Schicksal des Hitler-Attentäters Georg Elser (1903-1945) und die bis heute relevante Botschaft des Widerstandes gegen Totalitarismus und Diktatur. Mit seiner Band Electric Traveling Show hat der Sänger und Gitarrist ein Album eingespielt, das auf seine am Theaterhaus Stuttgart zusammen mit dem Schauspieler Bernd Wengert aufgeführte Bühnenproduktion 13 Minuten – Wie Georg Elser beinahe die Welt verändert hätte (2024) zurückgeht. Wir haben Michael Moravek zu dieser in jeder Hinsicht herausragenden Songsammlung befragt und um ein Track-by-Track (per Mail) gebeten.
Wie kam es zu der Idee, dem Theaterstück zwei Jahre später ein „Elser-Album“ mit zehn neu arrangierten Solo- und Band-Songs und einem Instrumental folgen zu lassen? Weil die Lieder nun schon mal mehr oder weniger da waren? Oder weil es immer wichtiger wird, aus der Geschichte Beispiele für mutigen Widerstand gegen autoritäre, totalitäre Tendenzen und Faschismus weiterzutragen?
Um ehrlich zu sein: Ich wollte diese Songs ursprünglich gar nicht veröffentlichen. Dass sie gut sind, das wusste ich schon nach den ersten Vorstellungen. Die starken Reaktionen auf sie wiederholen sich ständig. Selbst nachdem wir die Aufnahmen im Januar abgeschlossen hatten und das Regensburger Label TYXart die Veröffentlichung vorbereitete, haderte ich damit. Ich fragte mich, wer diese schweren Songs überhaupt hören wollte – losgelöst vom Theaterstück, für das sie entstanden waren. Zwar kamen nach den Theatervorstellungen regelmäßig Fragen, wo man die Songs bekommen könne, und ich sah ja, wie sehr sie das Publikum bewegten – und doch blieb ich unsicher. Auf der anderen Seite hatte mir das Schreiben der Songs einiges abverlangt, was sich mit der Performance der Songs fortsetzt. Ich erinnere mich, wie ich mich beim Schreiben öfter buchstäblich verloren hatte. Das Einlassen und Hineindenken und -fühlen in die Situation und die Gefühlswelt eines mir fremden Menschen war an sich eine ungeheure Herausforderung. Wenn ich schreibe, dann steckt auch immer ein Teil von mir in diesen Songs.
Nach wie vor habe ich in den Minuten nach dem Bühnenstück erst einmal das Bedürfnis, mit niemandem zu sprechen, bis ich wieder aus der Geschichte ausgestiegen bin – aus Georg Elsers Gefühlswelt, wenn du so willst. Das liegt auch daran, dass das Theaterstück mit dem Song „Ich hab dich geträumt, Elsa Härlen“ endet – mit den imaginierten Gedanken Elsers auf seinem letzten Gang am 9. April 1945, bevor er im KZ Dachau von SS-Mann Theodor Bongartz, auf persönlichen Befehl Hitlers, aus der Zelle geführt und erschossen wird. 20 Tage später nimmt sich Hitler selbst das Leben. Schließlich überzeugten mich Menschen aus meinem direkten Umfeld davon, dass es Sinn machte, diese Songs herauszubringen.
Nicht zuletzt meiner fantastischen Band habe ich zu verdanken, dass sie mich motivierte, die Songs unbedingt aufzunehmen und nun zu veröffentlichen. Noch während der Arbeit an den Songs für das Theaterstück bekam ich von der Elser-Gedenkstätte in Königsbronn Auskunft darüber, dass es bislang noch kein in sich geschlossenes musikalisches Werk zu Georg Elser gebe und meines das erste war. Mitte letzten Jahres hatte ich daher beschlossen, die Songs auch für den englischsprachigen Markt umzudichten. Auch diese sind bereits in komplett neuen Arrangements aufgenommen und liegen nun bereit für eine Veröffentlichung Ende des Jahres.
Den zweiten Teil deiner Frage muss ich verneinen. Es gibt keinen pädagogischen Auftrag. Ich verstehe mich als Künstler dem Werk verpflichtet und arbeite nur an Themen und Songs, die mich inspirieren. Wie bereits der späte Bob Dylan einmal sagte: Die Welt braucht keine neuen Songs. Ich schreibe sie, weil mir eben doch genau diese in meinem Universum fehlen. Mit jedem Song, den ich schreibe, wird meine Welt ein Stück vollständiger. Natürlich wurde sowohl Bernd Wengert als auch mir während der Arbeit am Theaterstück bewusst, dass wir an etwas arbeiteten, das beinahe täglich an Aktualität gewann. Wir beschäftigten uns mit einer Welt von vor 80 Jahren, während ich mir manches Mal die Augen rieb, wenn ich vom Songwriting zurück in die Realität kam – nur um festzustellen, dass sich diese zunehmend anfühlte wie die Parallelwelt, die ich gerade verlassen hatte. Weder das Theaterstück noch das Album haben jedoch aufklärerische oder pädagogische Ansprüche. Ich schreibe Songs, weil mich etwas bewegt, und die Geschichte von Georg Elser hat mich tief bewegt. Sie ist ein mehrdimensionales menschliches Drama, das bis in unsere Zeit hineinreicht.
„Im Unterschied zur geschichtlichen Aufarbeitung kommt es für dem Songwriter darauf an, das Ungesagte zu sagen“, schreibt der Historiker Frank Brunecker in seinen Liner-Notes zu Georg. Das Album ist nach meinem Eindruck mosaikartig angelegt – also nicht streng chronologisch, obwohl am Ende Elsers Tod im KZ kurz vor Kriegsende 1945 und seine letzten Gedanken stehen. Zwischendurch geht es um die frühere und heutige Sicht auf Elsers Heldentum, seinen visionären Antrieb für den Tyrannenmord, seine Höllenmaschine, also die selbstgebaute Bombe für das Attentat 1939, seine Beziehungen zu geliebten Menschen, die er zu schützen versuchte. Ein anspruchsvolles Konzept. Hast du nicht Sorge, den normalen Hörer einer Folk-Platte damit zu überfordern?
Das ist eine interessante Frage. Offen gesagt, bei keinem meiner Alben habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie sie beim Publikum ankommen und ob sie es überfordern könnten oder nicht. Mein einzig konkretes Ziel ist es, einen guten Song zu schreiben. Wenn mich die Songs, die ich schreibe und vor Publikum spiele, selbst begeistern, ist das der beste Gradmesser für die Ansprüche, die ich als Musiker, Songwriter und Hörender habe. Die Reihenfolge der Songs auf dem Album entspricht tatsächlich nicht der Chronologie im Theaterstück. Aber auch im Theaterstück selbst spielen wir mit dem Instrument, dass wir chronologisch hin und her wechseln.
Die Songs müssen für mich als Album funktionieren können – ich denke da oldschool immer auch in Seiten A und B. Bei einer Vinylpressung muss man darauf achten, dass es nicht die lautesten Songs mit dem höchsten Pegel sind, die eine Seite beenden, weil das zu Qualitätseinbrüchen führt, die sich vermeiden lassen. Es gibt also auch technische Anforderungen für die Anordnung der Songs. Und dann müssen sie auch noch als CD oder digital funktionieren, wenn sie auf einmal durchgehört werden. Es muss interessant bleiben, die Hörerin und den Hörer fesseln und obendrein stimmig sein. Tempo, Tonart, Instrumentierung und so weiter. Das alles spielt – das eine mehr, das andere weniger – eine Rolle bei der Anordnung der Songs. Selbst ein Konzeptalbum orientiert sich an diesen Ansprüchen. Und wenn man es gut anlegt, dann kann die Erzählung trotzdem als solche funktionieren.
Wie schwer war es, für Georg von deiner gewohnten Singer-Songwriter-Sprache Englisch auf Deutsch umzuschwenken? Denn die Gefahr, sich damit in Klischees, Floskeln und Phrasen zu verheddern, ist ja nicht gering – du hast es nach meinem Eindruck aber ganz großartig hinbekommen.
Es war eine Herausforderung. Mein Anspruch war, eine Sprache zu finden, die eben keine Klischees bedient und dazu noch zeitlos ist. Eine Sprache, die zu Georg Elser hätte passen können und die auch heute zu einem modernen musikalischen Medium passt. Von der Bildersprache her, dem poetischen Anspruch, dem Fluss, den Strophen nehmen und wie sie sich auflösen sollen, bediente ich mich meiner Fähigkeiten als englischsprachiger Songwriter. Ich war zu jeder Zeit bereit, das Projekt abzubrechen, sollte es mir nicht gelingen, meinen Ansprüchen zu genügen.
Ein Schlüsselmoment war, als ich meinen ersten Song Joachim Ziller von der Gedenkstätte vorspielte. Es war bei unserem ersten Treffen. Im Vorfeld hatte ich ihm mein Album November zukommen lassen, mit zusätzlichen Infos zu unserem Moby-Dick-Theaterstück, damit er sich eine Vorstellung davon machen konnte, wie wir arbeiten. Nach einer ausführlichen Führung durch die Ausstellungsräume setzten wir – Joachim Ziller, Bernd Wengert und ich – uns in das Café der Gedenkstätte. Ziller kam auf das Album „November“ zu sprechen. Er sagte, dass ihn die Songs darauf berührten und er das Stück gerne einmal sehen wollte. Er fragte sich, ob deutschsprachige Songs über Georg Elser funktionieren würden und eine ähnliche Wirkung entwickeln könnten, wie es die Songs zu Moby Dick taten. Ich hatte diesen einen Song, Alles ist gut, auf meinem Mobiltelefon. Ich nahm das Telefon und suchte die Aufnahme, die ich als Demo für Bernd aufgenommen hatte. Dann legte ich das Gerät auf den Tisch und spielte es ab. Nachdem der Song ausgespielt war, schaute ich Ziller an und bemerkte, dass er Tränen in den Augen hatte. Er schaute mich an und sagte: „Ja, das funktioniert.“ Der Moment war für mich entscheidend. Erstmals hatte eine neutrale Person einen meiner Elser-Songs gehört.
Das Schreiben der Songs war das eine. Das andere Problem war, dass ich sie auch singen sollte. Meine erste spontane Idee war, dass ich sie zwar schreiben, sie aber Bernd Wengert singen sollte. Der fand meine Idee bescheuert. Also blieb mir nichts anderes übrig. Auch hier musste ich mich neu finden. Die Phrasierung und das Spielen mit der Melodie unter den Worten war für mich im Englischen kein Problem. Es brauchte jedoch einige Zeit, bis ich selbst damit zufrieden war, wie ich auf Deutsch sang.
Musikalisch ist Georg ein erstaunlich leichtes, dabei aber natürlich nie leichtgewichtiges Album. Eine trotz des schweren Stoffs gar nicht überwiegend schwermütige oder gar pathetische Platte. Deine Band Electric Traveling Show spielt meist sehr zurückhaltend, die Texte stehen klar im Zentrum. Inwieweit unterscheiden sich der reduzierte Sound, die Arrangements, die Produktion dieses Konzeptalbums von bisherigen Moravek-Werken wie November, Lost, Dream oder zuletzt Night Songs?
Ich würde sagen, dass sich bereits das Album Night Songs von den vorherigen unterscheidet. Dem liegt zugrunde, dass es die Elser-Songs waren, die den Sound von Night Songs geprägt haben. Ich sagte ja bereits, dass ich das Elser-Album nicht veröffentlichen wollte, obwohl die Songs ja bereits im Theaterstück von mir gespielt wurden. Mit Thomas Fuchs, mit dem ich einige der Vorgängeralben aufgenommen hatte, besprach ich, dass ich ein spontanes Album aufnehmen wollte. Das wurde dann „Night Songs“. Keine komplizierten und ausgetüftelten Arrangements, wenig Instrumente. Mein Vorbild war „Nebraska“, ein Album, das aus Demos bestand und mein Lieblingsalbum von Bruce Springsteen ist. Ich ging also mit dem reduzierten Sound der Elser-Songs im Ohr, wie ich sie damals im Stück spielte, ins Studio. Der erste Song, den ich aufnahm, „Peace Of Mind“, beginnt sogar mit einer Reminiszenz an Georg Elser: „Would I have to keep quiet? If it means I save her, yes!“. Ich würde also sagen, dass Night Songs und Georg eine direkte Verbindung haben und ein reduzierter und transparenter Sound die Grundlage für beide Alben ist, in dem klar die Texte im Vordergrund stehen.
Im August letzten Jahres traf ich mich mit Andrej Polanský (Bratsche, Mandoline, Banjo) und Tomáš Skřivánek (Bass) in Prag, wo wir an einem Nachmittag unterschiedliche Arrangements der Elser-Songs versuchten. Meine halbe Band kommt aus Prag. Im November, am Tag nach der Preisverleihung des Ravensburger Kulturpreises, kamen Christian Krischkowsky (Schlagzeug), Wibke Becker (Gesang) und Štěpán Vodenka (Klavier, Orgel) hinzu, und wir nahmen den ersten Teil von „Georg“ auf. Am 10. Januar trafen wir uns für 16 lange Stunden am Stück, um den Rest des Albums aufzunehmen. Ich weiß noch, wie wir morgens um vier Uhr im Schneetreiben vom Studio wegfuhren, zu einem Hof, wo wir bei Freunden übernachten konnten. Es war eine hochkonzentrierte und fokussierte Arbeit an Songs, deren Bedeutung allen bewusst war.
Dabei ist mir der Prozess des Aufnehmens sehr wichtig. Es war nicht so, dass alles vorgegeben war. Meine Band besteht aus Musikerinnen und Musikern, die sich unerschrocken auf eine Situation einlassen – im Studio und live. Die wissen, dass es für mich einen besonderen Reiz hat, wenn Dinge ungeplant und im Moment passieren. Im Studio haben wir die meisten Songs zum ersten Mal gemeinsam gespielt. Vor jedem Song sprachen wir über die Inhalte und diskutierten die jeweilige Stimmung. Dabei kam dem nimmermüden und inspirierenden Thomas Fuchs, der uns aufnahm, eine wichtige Rolle zu. Bei jedem Zweifel, den er bei einem von uns aufkommen sah, motivierte er uns dazu, dranzubleiben und es nochmal zu versuchen. Es war niemand im Studio anwesend, der das als reinen Job betrachtete. Dann spielten und entwickelten wir die Songs zwischen zwei und vier Takes.
Das Andenken an Georg Elser hat sich zum Glück über die Jahre gewandelt, er ist inzwischen nicht mehr „verleumdet und vergessen“, wie du im Lied Georg Elser kritisch über die Jahrzehnte nach Kriegsende singst. Was hat uns dieser einfache Mann und tapfere, verschwiegene Widerstands-Einzelkämpfer heute zu sagen, was sollte er diesem Land 81 Jahre nach seinem Tod am 9. April 1945 mitgeben? Und was bedeutet diese historische Figur dir persönlich?
Wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hat, bis Georg Elser offiziell als Widerstandskämpfer wahrgenommen wurde, so ist das schon eine sehr lange Zeit nach Ende des 2. Weltkrieges. Nicht einmal die Entdeckung der Verhörprotokolle im Jahr 1964 und deren Veröffentlichung wenige Jahre später hatte zunächst in der öffentlichen Wahrnehmung grundsätzlich etwas geändert. Es sollte bis in die Neunziger-Jahre dauern, bis Georg Elser die ihm und seiner Tat angemessene öffentliche Wahrnehmung zuteil wurde. Ich denke, Elser war unbequem für die junge Bundesrepublik. Sich seiner zu erinnern hätte bedeutet, sich mit dem oft bemühten gebetsmühlenartigen Narrativ Wir wussten von nichts kritisch auseinanderzusetzen. Es war bequemer, sich auf die Unwissenheit zu berufen und das öffentliche Gedenken des Widerstands dem Kreis um den 20. Juli zu überlassen. Vergessen wir nicht, das war fast fünf Jahre später. Georg Elser hatte, wie dem Verhörprotokoll zu entnehmen ist, im Jahr 1938 seinen Entschluss gefasst und die Tat 1939 umgesetzt. Sicher aber hat ihn das alles schon zuvor beschäftigt und seine Vorahnungen wurden durch die politischen Entwicklungen bestätigt.
Seine Geschichte macht deutlich, dass es zu jeder Zeit in der Geschichte Menschen gab, die sahen, verstanden und spürten, dass sich die Dinge nicht gut entwickelten. Mich persönlich bewegen seine Klarheit, sein Wille und sein Mut. Mich bewegt sein Schicksal, dass er noch viele Jahre im KZ verbrachte und nur wenige Tage vor Kriegsende ermordet wurde. Ich bin weder Politiker noch Historiker. Daher vermag ich nicht zu sagen, was Georg Elser einem kollektiven WIR heute zu sagen hätte. Das kollektive Wir lernt nicht aus der Geschichte. Für mich stehen seine menschlichen Eigenschaften im Vordergrund. Sein Schicksal erinnert an griechische Tragödien, die nie gut ausgehen. Für mich verkörpert Georg Elser nicht den Helden, sondern das, was es heißt, ein Mensch zu sein.
Eine grundsätzliche Frage noch zu deiner persönlichen Entwicklung: Markiert Georg eine stärkere Hinwendung von Michael Moravek zum deutschsprachigen Song, oder bleibt das eine thematisch bedingte Ausnahme? Und hast du Hoffnung, eine späte Wende zum Guten in deiner Karriere zu erleben, einen unerwarteten Erfolg, wie zuletzt etwa Tristan Brusch? Verdient wäre er ja längst.
Vielen Dank! Da denke ich unwillkürlich einen Satz, den mir einmal mein Freund, der Geiger Steve Wickham, unter anderem von The Waterboys, gesagt hat: Michael, we’re artists, we’ve got to have hope! Die Aufmerksamkeit, die Tristan Brusch neuerdings erfährt, freut mich sehr. Das Elser-Album ist kein bewusster Karriere-Move, vielmehr bin ich überrascht, wie gut es gelungen ist, und glücklich, dass die Songs nun in der Welt sind. Ich kann mich nur auf etwas einlassen, wenn ich absolut davon überzeugt bin. Wenn mich eine Sache nicht überzeugt, lasse ich sie aus. Daher kann ich im Moment nicht voraussehen, wohin mich mein Weg führen wird. Vielleicht klingt das seltsam, aber ich gehe bei jedem neuen Album davon aus, dass es mein letztes sein wird. So geht es mir auch mit jedem Konzert. Darin steckt nichts Pessimistisches, sondern die Erkenntnis, dass das, an dem ich gerade arbeite, von so großer Bedeutung ist, dass meine ganze Konzentration darauf gerichtet ist. Ich betrachte nichts als selbstverständlich.
1. Postkarten aus München
Bei seiner Verhaftung in Konstanz am städtischen Grenzübergang zur Schweiz musste Georg Elser seine Taschen leeren. Gefunden wurden unter anderem eine Beißzange, Teile eines Zünders und eine unbeschriebene Postkarte, die den Bürgerbräukeller zeigte. Auf die Frage, was er damit wollte, sagte Elser, er habe sie an seinen Vater schreiben wollen. Zu dem hatte Elser ein schwieriges Verhältnis. Zu dieser Zeit war die Bombe im Bürgerbräukeller noch nicht detoniert. In der Schriftenreihe der Georg-Elser-Gedenkstätte Königsbronn wird Georg Elsers Schwager Karl Hirth zitiert: „Durch die Vernehmung erfuhr ich, dass Georg in Konstanz nach seiner Festnahme zunächst gar nicht verdächtig war. Er hatte aber eine Postkarte vom Bürgerbräukeller bei sich, die er an seinen Vater schreiben wollte. Erst dadurch kam er in Verdacht, der Attentäter zu sein.“

2. Georg Elser
Das Lied thematisiert die Tatsache, dass Georg Elser von der Planung bis zur Ausführung niemanden ins Vertrauen gezogen hatte. Unter dem Vorwand, er habe eine Arbeit in München gefunden, zog er 1938 dorthin. Seine Grundkenntnisse im Uhrenbau hatte er aus seiner Zeit in einer Uhrenfabrik in Kostanz. Sprengstoff entwendete er aus einem Steinbruch, in dem er kurze Zeit gearbeitet hatte. Die Nazis konnten nicht glauben, dass es sich bei Georg Elser um einen Einzeltäter handelte, der völlig unbemerkt diese Tat hatte ausführen können. Sie vermuteten den englischen Geheimdienst dahinter. Für Hitler wurde das zu einer fixen Idee. Elser wurde am Leben gehalten, um nach dem Krieg in einem Schauprozess gegen Churchill als Hauptzeuge auszusagen. Der Song verbindet Elsers prophetische Ahnungen, seine Entschlusskraft und die Einsamkeit, in der alles geschah, miteinander.

3. Wie spät ist es wo du jetzt bist
Dieses Stück imaginiert Georg Elsers Zwiesprache mit Elsa Härlen und spielt mit der Dimension von Zeit und der Verortung von Liebe und ihrer Unerreichbarkeit. In einem umfangreichen Untersuchungsverfahren der Staatsanwaltschaft München sagte Elsa Härlen 1950 über das Ende der Beziehung: „Wir haben uns nur noch wenig geschrieben, und es wurde immer mehr offensichtlich, dass wir uns auseinandergelebt hatten. Im Januar 1939 habe ich mich das letzte Mal mit Elser getroffen.“ Es sei nicht mehr wie früher von Heirat gesprochen worden, Georg Elser habe nur noch davon geredet, dass er nach München gehen wolle, die Gründe aber nicht näher erklärt.

4. Marie
Hier geht es um Elsers Zwiesprache mit Maria Schmauder, mit der er ein kurzes Verhältnis hatte. Am 4. Mai 1939 zog Georg Elser nach Heidenheim-Schnaitheim zur Familie Schmauder in der Benzstraße 18. Seine Wohnung und provisorische Werkstatt befanden sich in der Doppelhaushälfte der Tochter Frau Schaad in der Benzstraße 16. Nach einem Arbeitsunfall im Mai widmete Elser sich ausschließlich der Vorbereitung des Attentats: Zeichnerische Lösung der technischen Probleme seiner „Höllenmaschine“, Bau eines Modells und Sprengversuche im elterlichen Obstgarten in Königsbronn. Am 5. August 1939 zog Elser von Schnaitheim nach München um.

5. Schlaf, müder Mann
In dem Lied stelle ich mir vor, wie Georg Elser Nacht für Nacht sich hatte im Bürgerbräukeller einschließen lassen. Wie er akribisch und vorsichtig die Säule aushöhlte, das unsichtbare Türchen verschloss, das er eigens entwickelt hatte und damit Nacht für Nacht alle Spuren verwischte, die darauf deuten könnten, dass etwas verändert worden war. Wie er in der Besenkammer ausharrte, bis der Bürgerbräukeller wieder öffnete und die ersten Gäste eintrafen. Wie er sich unter sie mischte, einen Kaffee trank und danach an die Isar spazierte, um dort unauffällig den Sack Schutt aus der Säule zu entleeren. Er musste müde gewesen sein. Tagsüber versuchte er in seinem gemieteten Zimmer bei der Familie Lehmann in der Türkenstraße zu schlafen, rechtfertigte sich aber zunehmend mit der Erklärung, dass er nachts als Erfinder arbeiten müsse. Am 31. Oktober beendete er das Mietverhältnis und schlief bis zum 8. November, dem Tag des Attentats, behelfsmäßig in einer Schreinerwerkstatt, wo er seine Sachen aufbewahren durfte.
Heute denke ich, dass Elsers Müdigkeit ihm letztendlich zum Verhängnis wurde. Er war so fokussiert auf die perfekte Umsetzung seines Plans und hatte alles so gut bedacht, dass es ihm wahrscheinlich die Zeit raubte, sich genauer mit seiner Flucht zu beschäftigen. Vielleicht dachte er, nach der Detonation im Bürgerbräukeller würde sich alles von selbst ergeben. Doch als er am Grenzübergang in Konstanz stand, unschlüssig und im Halblicht einer Laterne stehend, wurde ihm klar, dass er nicht gut genug vorbereitet war. Die Papiere, die er bei sich trug, waren abgelaufen. Ein Grenzbeamter sprach ihn an und die Ereignisse nahmen ihren Lauf – der Rest der Geschichte ist bekannt. Der Song spiegelte das München wider, in dem Georg Elser viele Monate erbracht hatte: Eine Stadt, aus der Züge in alle Richtungen fuhren; ein Ort, der die vergangene Weltoffenheit einer Metropole atmete, in der nur fünfzig Jahre zuvor Buffalo Bills „Wild West Show“ Station gemacht hatte. Elser hätte auch einen Zug nach Venedig nehmen können. Mit diesen Bildern spielt der Text, und die Musik verwandelt ihn in die Nachtgedanken eines übermüdeten, einsamen Menschen.

6. Von der Freiheit ein Mensch zu sein
Der Song handelt von Haltung in Zeiten der drohenden Finsternis.

7. Höllenmaschine
Georg Elser nannte seine Zeitbombe „Höllenmaschine“. Anhand der von ihm gemachten Angaben beim Verhör in Berlin baute sein Neffe Rudolf Hangs den Apparat später originalgetreu nach. Dieser steht heute in der Georg-Elser-Gedenkstätte in Königsbronn. Für unser Theaterstück „13 Minuten – Wie Georg Elser beinahe die Welt verändert hätte“ ließen wir die Höllenmaschine anhand der Pläne und Fotos von Hangs Nachbau von einem Schreiner aus Stockach für die Bühne als zentrales Requisit nachbauen. Der Song verknüpft technische Details mit der damit verbundenen Hoffnung auf ein Leben ohne Krieg und Leid.

8. Und brechen die Finger
Der Song beleuchtet die Situation, wie die Mörder trotz ihrer offensichtlichen Liebe und Zuneigung zu ihren Familien täglich ihrem mörderischen Handwerk nachgingen. Ich musste an Hannah Arendt und die „Banalität des Bösen“ denken, als ich den Song schrieb. Ich denke, dass es das ist, was uns fühlende Menschen am meisten beschäftigt. Wie ist das, wie war das möglich? Noch habe ich kein Buch gefunden, das mir erklären konnte, warum das möglich war und ist. Es bleibt ein ungelöstes Rätsel, ein Paradoxon, wie ein Mensch seinen Nächsten Liebe und Zuneigung weitergeben und gleichzeitig ein unmenschliches Monstrum sein kann. „Und brechen die Finger“ ist einer der Songs, die mir während der Arbeit daran den Schlaf raubten.
Elsers Schwager Karl Hirth wurde, wie auch der Rest der Elser-Familie, in einem eigens abgetrennten und von der Gestapo bewachten Zugabteil nach Berlin gebracht. Dort wurden alle Angehörigen vernommen und einzeln Elser gegenübergestellt. Hirth wird so zitiert: „Nach diesen Vernehmungen wurde ich in einem Zimmer meinem Schwager Georg gegenübergestellt. Sein Gesicht war angeschwollen und das eine Auge blau unterlaufen.“

9. Alles ist gut
Es geht hier um Georg Elser im KZ Dachau und wie er in Gedanken einen Brief an seine Geliebte Elsa Härlen schreibt.

10. Ich hör die amerikanische Artillerie
Das ist ein Instrumental auf der Zither, das ich für das Bühnenstück gefunden habe und hier wieder einsetze. Es handelt sich um Fischers Mandolinette, eine Zitherart aus den späten 1930er Jahren – einer Autoharp ähnlich. Mit einem Überbau über den Melodiesaiten, die über Knöpfe Schlegel bedienen, die auf die Saiten schlagen – ähnlich wie beim Klavier. Der Titel spielt auf die Tatsache an, dass Elser nur knapp 20 Tage vor der Befreiung des KZ Dachau ermordet wurde. In dieser Zeit waren die Geschützfeuer der amerikanischen Artillerie nach Zeugenberichten im KZ hörbar – und damit die Hoffnung auf Befreiung verknüpft.

11. Ich hab dich geträumt, Elsa Härlen
Georg Elsers letzter Gang zu seiner Hinrichtung im KZ Dachau war am 9. April 1945. Der Song fiktionalisiert seine letzten Gedanken, während er zur Richtstätte geführt wird. Was geht einem Menschen durch den Kopf, der weiß, dass es unmittelbar zu Ende geht? Auf Weisung aus dem Führerhauptquartier wurde Elser von SS-Oberscharführer Theodor Bongartz am Morgen des 9. April 1945 aus seiner Zelle geholt und per Genickschuss getötet. Elsers Leiche wurde unmittelbar nach der Hinrichtung im Krematorium des KZ verbrannt. Am selben Tag ergingen übrigens weitere Tötungsbefehle, unter anderem der Befehl zur Hinrichtung von Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg.

