Foto-© Charlie Weinmann
White Denim. Eine Band, die es mittlerweile zwanzig Jahre lang gibt. Dass sie lange durchhalten könnte, ahnte man von Anfang an. Auf den ersten Alben von Workout Holiday bis Fits jonglierte das damalige Trio mit einer Vielzahl von Einflüssen. Garage Punk, Free Jazz, Psych Rock, Prog, Dub, Funk und Stoner Rock kamen bei ihnen in kurzen, fixen Anfällen zum Vorschein. Es war eine Band, die vor schierer Kreativität zu bersten drohte und am Ende alles wie durch ein Wunder zusammenhielt.
Inzwischen ist James Petralli mit White Denim beim 13. Album angekommen und man kann sagen, dass sich im Prinzip nichts geändert hat. Wilde Randale wie im Blues-Rock-Keller? Klar. Soul-Pop? Gerne. Dub-Reggae? Sicher. Country? Unbedingt. Das Ganze funktioniert noch immer, weil White Denim keine fest besetzte Band ist. Petralli ist ihr Anführer, ihm folgt Steve Terebecki treu am Bass, der Rest kommt je nach Belieben wie im offenen Forum zum Einsatz. So bleibt Routine außen vor. Geholfen hat dem Leader auch der Umzug von Austin, Texas nach Los Angeles. Dort trotzt man dem Trumpismus, solidarisiert man sich mit der multiethnischen Gesellschaft und lässt man ganz nebenbei Sonne in die Seele scheinen. Es ist eine Freude, dieser Band zu folgen. Und mit Petralli zu sprechen.
Ich erinnere mich an den Herbst 2018, da wart ihr meines Wissens das bisher letzte Mal in Deutschland auf Tour. Ihr hattet zu der Zeit zwei Platten bei einer deutschen Firma veröffentlicht und eine Richtung eingeschlagen, die sich sehr an technischen Könnern orientierte. Man dachte mehr an John McLaughlin als an John Lennon. Wie kam es zum für Indie-Verhältnisse ungewöhnlichen Mehr an Profihaltung?
Das hatte mit den Leuten zu tun, die in der Band Gitarre und Schlagzeug spielten. Um 2011 herum waren das Austin Jenkins und Josh Block. Mit ihnen änderte sich der Stil von White Denim zum ersten Mal auf den Alben D und Corsicana Lemonade. Plötzlich klang alles versierter und geradliniger, nicht mehr so verspielt, schnell, seltsam getaktet und prog-artig wie am Anfang. 2015 verließen Austin und Josh die Band und wurden durch zwei Leute ersetzt, die technisch noch ein paar Klassen besser waren. Plötzlich stand ich unter Druck, musste ich mich angesichts ihrer Energie und Virtuosität neu behaupten. Ich probte wie besessen und wurde so in allem präziser. Deshalb ergab sich in der Band damals eine besondere Gewichtung. Songwriting war genauso wichtig wie musikalisches Handwerk.
Dann kam die Pandemie, dadurch änderte sich wieder alles.
Ja, ich war plötzlich alleine im Studio und hatte Zeit, über den Aufbau der Songs nachzudenken. Ohne die anderen war der Aspekt der Fertigkeit nicht mehr so wichtig, ich achtete mehr auf die Substanz. Alles wurde direkter und beschränkte sich auf das, was der Song braucht, immer auf Basis meiner Fähigkeiten. Schon klang es entkrampfter.
Wie würdest du die Covid-Zeit darüber hinaus beschreiben?
Es gab gute und schlechte Seiten. Mir wurde wie vielen anderen klar, dass wir mit Musik in so einer Phase kein Geld verdienen können. Bald würden die Leute wegen der vielen Live-Streams nur noch genervt sein, außerdem kann ich nicht zwei Alben pro Jahr machen. Ich habe Menschen in meinem persönlichen Umfeld verloren, das war schwer. Auf der anderen Seite verstärkte sich die Bindung zur Familie. Während der ersten achtzehn Monate der Pandemie habe ich meine Kinder zu Hause unterrichtet. Meine Partnerin hat ihre Karriere genauso wie ich neu bewertet, dadurch entwickelte sich eine größere Nähe, seitdem kommunizieren wir besser.
Es hat geholfen. Die Band klingt runderneuert und frisch wie am ersten Tag. Man hört größeren Einfluss von schwarzer Musik. Gab es bei dir in letzter Zeit etwas, das dich näher zu diesem Sound gebracht hat?
Das ist für mich ein wichtiges, aber auch kompliziertes Thema. Kompliziert deshalb, weil ich immer etwas zu verschlossen war, was diese Musik angeht. Ich bin da jetzt selbstbewusster und lasse Musiker wie Stevie Wonder als Inspiration durchschimmern. Viele meiner persönlichen Helden sind schwarze Künstler*innen, wenn es um Gesang, Gitarrenspiel oder Songwriting geht. Man muss den Menschen, die einem viel bedeuten, schon dankbar sein. Auch der Mord an George Floyd war ein Auslöser dafür, dass ich mich missionarischer verhalten will. Die Entscheidung, nach Los Angeles zu ziehen, hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass es ein ethnisch gemischter Ort ist. In Austin, Texas ist das in dieser Form nicht gegeben, da ist vieles engstirniger und konservativer. Ich brauche für mich und meine Kinder einen Platz, der offen für alle ist und mich als Musiker repräsentiert.

Im Mittelteil des Albums gibt es Stücke, die unterschiedlich sind und aufeinander folgen. Earth To ist ein psychedelischer Dub-Track. That’s Rap hat, wie der Titel sagt, mit Hip-Hop zu tun. Hired Hand #2 ist eine Honky-Tonk-Nummer. Welche Verbindung siehst du zwischen diesen Stücken?
Die Verbindung liegt darin, dass ich gerne mit verschiedenen Elementen arbeite und von ihnen lerne. Ich liebe die Dub-Produktion bei Lee „Scratch“ Perry. Zurzeit höre ich viel von Sugar Minott und Junior Murvin. Ich finde es spannend, ihren Sound mit meinem Equipment nachzuempfinden. Hoffentlich wird es als Ehrerweisung verstanden, nicht als Anbiederung. So ist es intendiert. That’s Rap hat musikalisch viel mit mit Funkadelic zu tun. Als ich an dem Instrumental saß, fiel mir ein, wie sich Kendrick Lamar und Drake eine öffentliche Schlammschlacht lieferten. Da dachte ich mir, dass ich aus dem Stück einen Diss-Track machen könnte. Ich bin natürlich kein MC, aber einen Versuch war es wert. Vielleicht kann man sich alles wie bei Caetano Veloso vorstellen. Er schöpft aus verschiedenen Quellen und reiht alles, was ihm in den Sinn kommt, in Vignetten-Form aneinander. Er schafft es, dass sich alles wie durch Zauberhand miteinander verbindet. Das ist vorbildlich.
Im tollen Track Chew Nails erkennt man Glam-Rock-Einfluss. Was interessiert dich an diesem Genre?
Schlimm, oder? Ich konnte mir einen Seitenhieb auf britische Musik wieder nicht verkneifen. (lacht) Ja, das ist definitiv eine Richtung, die in diesem Stück vorkommt. Ich habe es aufs Vibrato von Marc Bolan abgesehen, die coole Art seines Vortrags gefällt mir. Ich verneige mich hier aber auch vor Lou Reed. Mir schwebte Charley’s Girl von seinem Album Coney Island Baby vor. Zu dieser Zeit war er etwas lockerer drauf, schielte er auf die Fünfziger, auf den Pop von Girlgroups wie The Crystals. Vor seiner Zeit bei The Velvet Underground war er fester Songschreiber bei einem Verlagshaus, da hat er sich mit Stoff aus der Bubblegum-Ära beschäftigt. Das finde ich bei ihm spannend.
Das Album 13 beginnt mit einem Paukenschlag. „My daddy is fucking Norman Bates“, blökst du in (God Created) Lock And Key. Der Song klingt wie bei Jack White und Funkadelic im Keller bei einer Jam-Session. Was ist da in dich gefahren?
Tja, was ist bloß los mit mir? (lacht) Das kann man als Rückblick-Moment bezeichnen. So wild und chaotisch klang es bei White Denim früher, als Alben wie Fits entstanden. Es fühlt sich wie ein echter Wutanfall an, mit Blut, Schweiß und Tränen drin. Aber es ist keine sinnlose Aggression. Es gibt auch dieses Gefühl von Erleichterung und Befreiung. Diese Zufriedenheit, alles mal gesagt zu haben. Ich war mit erst nicht sicher, ob dieses Stück wirklich zum Album passt, ich wollte es erst weglassen, aber beim Label fand man es total gut. Erstaunlich, denn es ist wirklich nicht der Titel, der viel Radio-Airplay beschert. Mich reizt es manchmal, die Dinge aus den Angeln zu heben.
Natürlich hast du schon Ideen für dein nächstes Album im Kopf, das sicher 14 heißen wird. Kannst du schon sagen, was dir in etwa vorschwebt?
Ich weiß noch nicht, ob es mit den fortlaufenden Nummern im Titel weitergehen wird. Erst einmal kommt außer der Reihe eine Vinyl-Only-Veröffentlichung mit zwei Stücken, die 15 Minuten lang sind. Man muss sich das wie bei italienischer Produktionsmusik von Alessando Alessandroni, Roberto Cacciapaglia oder Ennio Morricone vorstellen, es sind größtenteils Instrumentals mit vielen Samples, so dass es sich so anhört, als hätten sich die Beastie Boys oder Dust Brothers mit der Musik dieser Komponisten beschäftigt. Ich schicke das morgen zum Mixen raus und bin gespannt, wie es ankommt.
Du bist schon mal unter dem Namen Bop English aufgetreten, könntest dieses Material also unter dem Namen Beppe Italiano veröffentlichen.
Weißt du was, vor ein paar Wochen war ich aus Anlass des 20jährigen Jubiläums von White Denim mit der Originalbesetzung im Studio. Mit Steve Terebecki am Bass und Josh Block am Schlagzeug. Es wird ein neues Album in dieser Besetzung geben, allerdings unter anderem Namen, den ich ich noch nicht verraten kann. Es wird also mindestens zwei weitere Platten von mir geben. Ich bin echt gerade glücklich mit allem.

