Foto-© Hannah Jane Murrell
Die Australier von Radio Free Alice gehören zu diesen Bands, die man einmal hört und sofort das Gefühl hat, sie hätten irgendwo zwischen den düsteren Kellerclubs der frühen 80er und dem aktuellen Post-Punk-Revival ein geheimes Zeitportal entdeckt. Doch statt bloßer Nostalgie liefert die Band aus Melbourne ihrer Generation einen eigenen Soundtrack: nervös, elegant, tanzbar und immer mit einem leicht entrückten Blick auf die Welt. So auch bei ihrer neuen Single Kick in the Shins, mit der sie ihren beeindruckenden Lauf der vergangenen Jahre fortsetzt. Nachdem Radio Free Alice zunächst in der australischen Indie- und Post-Punk-Szene für Aufmerksamkeit sorgten, haben sie sich mit Songs wie Paris Is Gone, Dreamland, Toyota Camry oder zuletzt Lunch Money Schritt für Schritt ein internationales Publikum erspielt. Dabei fällt vor allem auf, wie selbstverständlich die Band Einflüsse aus New Wave, Post-Punk und Indie-Rock miteinander verbindet. Irgendwo zwischen den nervösen Bassläufen von Joy Division, der Coolness von The Smiths und der modernen Dringlichkeit aktueller Acts wie Fontaines D.C. oder Yard Act haben Radio Free Alice ihre eigene Nische gefunden.
Anders als viele ihrer Genre-Kollegen verlassen sich die Australier dabei nicht allein auf kantige Gitarren. Das immer wieder auftauchende Saxophon sorgt für eine zusätzliche Dynamik und verleiht den Songs eine leicht fiebrige Atmosphäre, die perfekt zu Frontmann Noah Learmonths rastlosen Geschichten passt. Auch auf Produktionsseite setzt die Band weiterhin auf die Zusammenarbeit mit den beiden Produzenten Ewan Pearson (Depeche Mode, Franz Ferdinand) und Peter Katis (Interpol, The National), die dem Sound eine angenehme Balance aus Druck, Klarheit und Melancholie verleihen. Kick in the Shins klingt zunächst wie ein ausgelassener Indie-Hit für verschwitzte Sommerabende. Je länger man zuhört, desto deutlicher wird allerdings, dass unter der euphorischen Oberfläche einiges brodelt. Der Song entstand aus zwei unterschiedlichen Songideen, die für sich genommen nie wirklich fertig wirkten. Erst als die Band die Strophe des einen und den Refrain des anderen zusammensetzte, ergab plötzlich alles Sinn. Dass man diesem ungewöhnlichen Entstehungsprozess das Ergebnis nicht anhört, spricht für das Gespür der Band. Statt Stückwerk bekommt man einen kompakten Dreieinhalb-Minuten-Ritt, der von Anfang bis Ende nach vorne drängt.
Musikalisch ist Kick in the Shins vielleicht der bislang unmittelbarste Song der Band. Die Gitarren hüpfen förmlich durch die Strophen, der Bass treibt unermüdlich nach vorne und mittendrin setzt Michael Phillips‚ Saxophon immer wieder kleine Nadelstiche. Das Ganze wirkt wie eine hyperaktive Stadtrundfahrt durch überfüllte Straßen, soziale Absurditäten und das allgemeine Chaos des modernen Lebens. Passend dazu beschreibt Noah Learmonth den Song als Auseinandersetzung mit dem Gefühl, von der Kultur und der Welt um einen herum überfordert und verwirrt zu sein. Diese Verunsicherung zieht sich durch den gesamten Text. Die skurrilen Beobachtungen, die scheinbar zusammenhanglosen Szenen und die leicht absurden Bilder erzeugen das Gefühl, als würde man durch einen besonders seltsamen Tag stolpern und versuchen, dabei irgendwie den Überblick zu behalten. Gleichzeitig steckt in den Zeilen aber auch eine Einsamkeit, die viele Menschen kennen dürften: das Gefühl, dass alle anderen den Durchblick haben, während man selbst noch nach dem Handbuch für die Gegenwart sucht.
Genau darin liegt die Stärke des Songs. Kick in the Shins will keine großen Antworten liefern. Stattdessen feiert er die Verwirrung, macht sie tanzbar und verwandelt sie in einen mitreißenden Indie-Hit. Das erinnert ein wenig an die besten Momente britischer Post-Punk-Bands der letzten Jahre, wirkt bei Radio Free Alice aber weniger verkopft und deutlich lebensfroher. Mit Lunch Money hatten die Australier zuletzt bereits angedeutet, dass sie ihren Sound weiter schärfen. Kick in the Shins geht nun noch einen Schritt weiter und zeigt eine Band, die inzwischen genau weiß, was sie kann. Die Melodien sind größer, die Hooks sitzen tiefer und die Mischung aus Nervosität und Euphorie funktioniert besser denn je.
Kurz gesagt: Wenn Radio Free Alice dieses Niveau halten, dürfte der Sprung vom vielversprechenden Geheimtipp zur festen Größe der internationalen Indie-Landschaft nur noch eine Frage der Zeit sein. Mit Kick in the Shins liefern sie jedenfalls einen der charmantesten, cleversten und mitreißendsten Post-Punk-Songs des Sommers ab.

