Interviews

Veröffentlicht am 6.12.2017 | von Sophia Kahlenberg

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GRANDBROTHERS – Interview

Wenn wir vom neuen Album der Grandbrothers schon restlos begeistert waren, haben sie uns mit ihrem Auftritt im Berliner Funkhaus wirklich komplett verzaubert. Während der sanften Töne von Circonflexe sind wir beinahe kurz abgehoben, durch den Raum geflogen und haben uns irgendwann wieder verträumt auf unseren Plätzen eingefunden. Wir haben Erol und Lukas getroffen und mit ihnen über ihr Projekt Flügel gesprochen, darüber wie es ist, zwischen den Stühlen verschiedener Kategorisierungen zu stehen und gefragt, was sie für Pläne für die Zukunft haben.

Ihr habt in Düsseldorf zusammen Ton- und Bildtechnik studiert. Wie war das erste Kennenlernen? War schnell klar, dass ihr gemeinsam Musik machen wollt? Oder hat sich eure Kooperation Schritt für Schritt entwickelt?
Erol: Wir haben uns 2007 im Rahmen der Aufnahmeprüfung zum Studiums kennengelernt. Also waren wir quasi erstmal Konkurrenten, wobei wir uns dann beim Ersti-Tag direkt wiedergesehen und natürlich gefreut haben, dass es bei uns beiden geklappt hat. Wir sind schnell Freunde geworden, aber die Zusammenarbeit hat sich eigentlich erst 2011 ergeben. Damals hatten wir beide keine feste Band aber Lust darauf Musik zu machen. Der Fokus Klavier stand direkt fest und wir hatten das große Glück an der Hochschule Flügel zur Verfügung stehen zu haben, an denen wir uns austoben konnten.

Erol du spielst das Klavier im klassischen Sinne, während Lukas die elektrischen Module überblickt. Wie kam es dazu?
Lukas: Ich habe zwar während dem Studium auch Klavier gespielt, aber längst nicht auf einem so hohen Niveau wie Erol. Außerdem habe ich mich auf eine Entwicklung in die technische Richtung konzentriert, wodurch sich unsere Rollen, dass Erol am Klavier saß und ich erstmal am Laptop aufgenommen habe, ganz natürlich gefügt haben.

Ihr benutzt keinen Synthesizer und könnt durch euer Setup alle Töne selbst produzieren und quasi gleichzeitig das selbe Instrument bespielen. Also entsteht wirklich alles was man auf der Platte hört direkt im Flügel? Wie hat man sich das vorzustellen?
Lukas: Ganz am Anfang haben wir viel mit Live-Sampling herumprobiert. Es war gleich klar, dass wir keine Synthesizer benutzen wollen, denn wir haben das Projekt als Experiment gesehen, um zu testen was man alles aus dem Flügel herausholen kann. Wir haben also erstmal aufgenommen, wieder abgespielt und verfremdet und wollten dann zusätzlich zum normalen Spielen noch andere Töne direkt am Flügel erzeugen. Dann haben wir angefangen einfach mal rumzuklopfen und uns mit anderen Künstlern zu beschäftigen, die bereits in diese Richtung experimentiert hatten. Und die Idee mit den Hämmerchen, die von mir gesteuert werden können, hat sich entwickelt. Die ersten Stücke haben Form angenommen und wir haben gemerkt, dass die Pattern das normale Spielen sehr gut ergänzen. Zum einen vom Klang her, aber auch vom Musikalischen, denn das Spiel wird sehr akkurat und repetitiv.
Erol: Ab diesem Moment ist der Grundsatz keine Synthesizer zu benutzen unser Dogma geworden. Wir haben gemerkt wie schwierig es zum einen ist nur dieses eine Material zu haben, aber zum anderen auch wie inspirierend es eben ist, sich was das angeht zu beschränken.

Gab es auch mal den Moment, an dem ihr gesagt habt, Mensch wir machen uns das Leben hier richtig schwer?

Erol: Doch, schon. Klar kann man sagen, man macht es sich einfacher und kreiert selbst die fettesten Basssounds am Synthesizer. Aber sich in dieser Beschränkung voll auszutoben war für uns gerade die Herausforderung. Und wir waren bereit dazu, dafür viel Zeit zu investieren und das Projekt mit diesem Eigenen eben auch sehr speziell zu bekommen. Bis jetzt ist das so geblieben; zwei Alben haben wir mittlerweile rausgebracht, die sich nur auf Klaviersound beschränken. Und wir werden sehen wie es weitergeht.

Könnt ihr euch vorstellen in Zukunft weitere Instrumente zu integrieren? Vielleicht sogar Gesang?
Erol: In irgendeiner Weise schon. Es gibt die Ideen und den Wunsch vielleicht mal was mit Sängern zu machen. Daraus könnte eine Kollaboration entstehen, also nicht in Richtung Band. Wir bringen unseren Sound und jemand anderes bringt seinen Sound, das ist völlig denkbar und dem sind wir nicht abgeneigt. Bis jetzt ist noch nichts passiert, mal sehen wie sich das entwickelt. Bei uns steht der Wunsch im Vordergrund weiter mit dem Flügel zu forschen, als großes Experiment. Und wenn der Punkt kommt an dem wir merken, dass wir nichts mehr zu erzählen haben, dann sehen wir weiter. Mal was für einen Film zu machen wäre interessant…

Hört sich nicht so an, als würde dieser Punkt demnächst kommen?
Erol: Na mal gucken, wir machen das ja nun auch schon eine Weile. Und dieser erste Moment, an dem wir sofort interagieren konnten war sehr inspirierend aber irgendwann nutzt sich das ja auch ein bisschen ab. Also werden wir schon versuchen noch neue Sachen draufzusetzen.

Ólafur Arnalds hat mal gesagt, dass die Klassikwelt in sehr eingefahrenen Mustern denkt und er das Gefühl hat, dass sein experimenteller Ansatz nicht unbedingt als gut angesehen wird und er auch deshalb der klassischen Ausbildung den Rücken gekehrt hat. Wie seht ihr das? Kennt ihr diesen mangelnden Respekt und fühlt ihr euch manchmal zwischen den Stühlen verschiedener Kategorisierungen?
Lukas: Das auf jeden Fall. Wir finden es schwierig uns einzuordnen, wobei wir das auch gar nicht versuchen. Wir sehen uns, als Unterschied zu Olafur, auch gar nicht so sehr aus der Klassik kommend und daraus ausbrechend. Was es auf eine Art schon ist, weil der Flügel ein sehr klassisches Instrument ist. Natürlich haben wir auch klassische Sachen gespielt und ich habe zum Beispiel im Chor gesungen und solche Geschichten. Aber wir hatten im Studium zum Beispiel auch beide Jazz Klavier und sind aus verschiedenen Richtungen beeinflusst – und da doch auch eher elektronischer Art.
Erol: Ich glaube ich verstehe wo das, was Olafur sagt, herkommt. Man kriegt diese Diskussion schon mit. Er und Nils Frahm stehen ja ganz vorne. Und dass diese Musik von der extremen Klassikszene ein bisschen belächelt wird, habe ich schon öfter mitgekriegt. Wobei es dort nach meiner Meinung manchmal vielleicht gar nicht mehr um die Musik geht, sondern fast ein Wettbewerbsgedanke vorherrscht und die Superpianisten ihr Leben lang 10 Stunden am Tag üben. Ich kann schon verstehen, dass man eher den Abstand zu diesem Publikum sucht. Und auf der anderen Seite gibt es dann immer auch die, die eben die Nase rümpfen. Dass das was wir machen, den Flügel so zu bearbeiten, nicht allen gefällt kriegen wir auch mit. Und es wird uns auch Respektlosigkeit vorgeworfen, aber da reinzugehen ist für uns auch spannend.

Seit der Veröffentlichung von Dilation sind 2,5 Jahre vergangen. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Wovon habt ihr euch während der Produktion von Open inspirieren lassen?
Erol: Als Dilation im Mai 2015 auf Film rauskam, ging es eigentlich erst richtig los mit Konzerten. Im Jahr darauf kam dann die Tour zum Album und in der Zwischenzeit hatten wir auch schon an neuen Stücken gearbeitet, die wir teilweise schon auf der 2016 Tour ausprobiert haben. Nach der Tour haben wir uns dann die Zeit genommen an neuen Stücken zu arbeiten und Open haben wir tatsächlich schon im September 2016 aufgenommen. Dann gab es irgendwann den Kontakt zu unserem label City Slang und damit den nächsten großen Schritt. Dominik unser Manager vom ersten Label ist mit uns mitgekommen und hat uns sehr geholfen alles zu professionalisieren und am Ende auch den Kontakt zu City Slang hergestellt.

Wie kam es dazu, die Platte Open zu nennen?

Lukas: Das war eine längere Findungsphase. Es fällt uns gar nicht so leicht die Sachen zu benennen. Weil unsere Stücke nie im sprachlichen Kontext entstehen, sondern auf musikalischen Ideen basieren und wir eigentlich fast nie schreiben, um eine Story auszudrücken. Dann kam beim Brainstormen irgendwann Open auf den Tisch und wir hatten das Gefühl, dass das passt. Titel sind oft sehr intuitiv und das, was uns gerade in den Sinn kommt und sich gut anfühlt. Für einen Songtitel braucht man nicht unbedingt eine Story, aber für einen Albumtitel ist das dann doch wichtig. Open also Öffnung, passt als Weiterführung von Dilation. Übertragen auf uns also das Öffnen des Flügels.

Umso länger man darüber nachdenkt, umso mehr Zusammenhänge lassen sich dann erkennen?
Erol: Ja genau. Es gibt dann Dinge, die man dazu erzählen kann, obwohl das gar nicht der Ursprungsgedanke war.
Lukas: Dinge, die assoziativ sind und zu denen sich die Leute auch selber etwas überlegen können. Es ist schön das so offen zu lassen.

Open klingt elektronischer, noch emotionaler, noch tiefer als Dilation. Habt ihr viel weiter experimentiert oder eher daran gearbeitet euer eigenes System zu perfektionieren?
Erol: Beides eigentlich.
Lukas: Wir hatten keine Vision oder Richtung in die es gehen sollte, sondern es war eine natürliche Entwicklung. Wir haben weiter mit den Aufnahmen gearbeitet und entfremdet und zusätzlich mit Effekten und Verzerrung experimentiert. Von der elektronischen Seite her mehr zu machen und sie mehr in den Vordergrund zu setzen hat sich einfach ergeben. Quasi um dem lieblichen Klavier fast ein zerstörerisches Kontra zu geben. Honey zum Beispiel fängt sehr lieblich an und wird immer mehr vom Sampler zerstört. Als weiteres Element sind sogenannte Bows hinzugekommen. Sie sitzen über den Saiten, schlagen diese aber nicht an, sondern versetzen sie ohne Berührung in Schwingung. Man kennt das Prinzip von Gitarren und wir haben es für den Flügel adaptiert, wodurch der Sound flächiger und dichter geworden ist. Man hört das Element ansich oft gar nicht so sehr raus, aber es trägt sehr zum Gesamtklang bei.

Das beinahe Mystische des ganzen Albums taucht auch im neuen Video zu From a Distance auf. Dan Medhurst hat es gefilmt. Ich habe gelesen, dass es um das Konzept der ewigen Rückkehr geht. Darum, dass alles Existente schon einmal da war und bis in alle Unendlichkeit wieder auftreten wird. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und zu der Idee das Stück so zu visualisieren?
Erol: Das Video für Bloodflow wurde als Vorankündigung zum Album veröffentlich und wir wollten ein weiteres Video rausbringen. In den Produktionsprozess waren wir gar nicht so sehr involviert, sondern die selbe Produktionsfirma hat den Kontakt zu Dan Medhurst hergestellt. Wir hatten eine ungefähre Vorstellung von seiner Idee und fanden sie super. Bevor uns die Story erreicht hat, ging es um die Idee eine Drohne mit LEDs und Lichtern durch die Landschaft fliegen zu lassen, wodurch diese wunderschönen Lichtverschiebungen und Schattenspiele entstanden sind.

 

Man findet euch auf Elektrofestivals und in Konzerthäusern. Wie passt ihr euch an ein solch unterschiedliches Publikum an?
Lukas: Wir passen die Setlist schon ein bisschen daran an wo wir spielen, aber trotzdem spielen wir auch mal in einem Club was ruhigeres und schauen wir das funktioniert.
Ich finde es auch schwierig sich vorher zu sehr darauf einzustellen, weil die Stimmung oft gar nicht so sehr nur an der Location hängt, sondern ob die Leute jetzt mitgehen doch von vielen anderen Faktoren abhängt. Manchmal ist es unberechenbar, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass beides funktioniert und beides Spaß macht. Im Club zu sehen, wie die Leute richtig abgehen und tanzen ist genauso schön, wie das sitzende Publikum auf Tribünen, das sich zurücklehnt und die Augen schließt und sich von der Musik flashen lässt. Das hat beides seinen Reiz.

Habt ihr eine klare Set-list oder wird auch viel improvisiert? Wisst ihr mittlerweile intuitiv, was der andere vorhat?
Erol: Mittlerweile passiert tatsächlich sehr viel intuitiv. Man weiß mittlerweile ungefähr, was man vom anderen erwarten kann. Es gibt ein paar Stücke, die viel Raum für Improvisation lassen und mit denen wir theoretisch alles machen könnten. Wir wissen was funktioniert und um auf Nummer Sicher zu gehen, bewegen wir uns zumindest im ähnlichen Rahmen. Groß kommunizieren müssen wir gar nicht mehr. Gerade wenn wir jetzt auf Tour sind und fast 15 Konzerte am Stück gespielt haben groovt sich alles noch besser ein.

Also die großen Überraschungsmomente, gibt es auch nicht mehr?
Erol: Ne, eigentlich nicht. Gerade das Live-sampling hängt sehr vom Timing ab. Millisekunden spielen manchmal eine große Rolle und wenn etwas genau getimt ist und sich was ergibt, was man vielleicht gar nicht vorhersehen kann freuen wir uns. Es hängt viel davon ab, wie die Einstellungen am Computer sind und solche Momente sind dann ein Erfolg für einen selbst, wobei das dem Publikum wahrscheinlich gar nicht auffallen würde.

Ihr tourt gerade quer durch Europa, auch zusammen mit Bonobo. Wie ist diese Zeit des Tourens für euch? Verarbeitet ihr die Eindrücke auch in neuem Material?
Erol: Auf Tour eigentlich überhaupt nicht. Beim Soundcheck haben wir manchmal ein bisschen Zeit rumzublödeln und ein bisschen drauflos zu spielen. Daraus haben sich auch schon kleinere Ideen entwickelt.
Lukas: Das Ding ist halt, dass wir nicht einfach am Rechner im Hotelzimmer schreiben können, weil wir dazu die ganze Maschine brauchen.

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