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Veröffentlicht am 18.08.2010 | von Dominik

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MY SISTER GRENADINE – Interview

Manchmal ist es leicht für uns tolle Bands und Künstler zu entdecken und mit ihnen in Kontakt zu treten. Da postet man eine Konzertankündigung und am selben Tag bekommt man digitale Post vom Künstler höchstpersönlich – True Story! So geschehen Anfang Juli mit My Sister Grenadine, dem mittlerweile zu einem Trio angewachsenem Projekt von Vincenz Kokot, das diese Woche das zweite Album herausbringt. Das Debüt konnte sich schon über ein sehr gutes Kritikerfeedback freuen, es fielen Sätze wie „Singer-Songwriter Platte des Sommers“ (Die Zeit) oder aber auch Vergleiche mit Nick Drake und Jose Gonzales (Intro) – also Grund genug dem neuen Werk „Subtitels & Paper Planes“ mit gebührender Erwartung entgegen zu treten. Aber keine Angst – das Doppelalbum erfüllt auch die gesteigerten Erwartungen bzw. überrascht auch mit einer Hälfte, die sich bei notwistischen Elektro-Samples bedient. Also alles im Wandel – Grund genug mal im Mailprogramm auf „Antworten“ zu drücken und den Herren via Mailinterview auszuquetschen! Hier nun das Ergebnis: My Sister Grenadine im Bedroomdisco-Interview!

1.) Steckbrief:

Bandname: MY SISTER GRENADINE
Bandmitglieder: VINCENZ KOKOT; FELIX KOCH; ANGELINA KARTSAKI
Gründungsjahr: 2007
Standort: BERLIN
aktuelles Album: „SUBTITLES & PAPER PLANES“

2.) Fragenkatalog:

Wie hast du angefangen Musik zu machen, was war der Grund?
Als Kind sang ich viel und nahm viel Musik aus meinem Umfeld in mich auf. In meinem Kopf hörte ich immer verschiedene Klänge, habe Arrangements und Harmonien erfunden. Später, als Teenager, kam ich auf Umwegen an eine Gitarre, die jahrelang auf dem Dachboden meiner Großmutter lag. Ich begann, mir selbst ein paar Akkorde beizubringen, schrieb die ersten ganz einfachen Songs und bastelte Sound-Collagen, die ich auf einem alten Tonband aufnahm. Über die Jahre hat sich das dann mehr und mehr entwickelt.
Die hauptsächlichen Gründe fürs Musizieren: Zum einen konnte ich mich auf diese Weise ausdrücken und entfalten, der Phantasie einen Raum geben. Zum anderen brachte es mir eine Menge Freude und Bewegung.

In deinem ersten selbstgeschriebenen Song ging es um…?
Wahrscheinlich, wie so oft, um zwischenmenschliche Beziehungen. Der erste Song bestand aus zwei Akkorden & klang sehr nach den ganz frühen Tocotronic.

Nachdem du in verschiedenen Bands gespielt hast, hast du mit deinem Soloprojekt „My Sister Grenadine“ angefangen – wie kam es dazu?
MY SISTER GRENADINE entstand zu einer Zeit, als ich viel elektrische Gitarre spielte, in einer Postrock-Band. Einerseits wollte ich beim Soloprojekt Musik machen, die vollständig meinen Vorstellungen entsprach – als Gegenpol zur Konsensarbeit innerhalb der Band. Beide Arbeitsweisen haben ja Vor- und Nachteile und mir war es wichtig, verschiedene Ansätze auszuprobieren und zu schauen, was dabei entstehen kann.
Ein weiterer Grund war die Tatsache, dass ich wieder akustische Gitarre spielen wollte und ein wenig zu dem zurückkehrte, was mich Jahre vorher inspiriert hatte: Songwriter wie Nick Drake oder Elliott Smith. Als die erste CD von Jose Gonzales erschien, war ich sehr beeindruckt davon, wie gut solche Musik auch in die Gegenwart passte. Eine der Grundideen meines Debuts „Shine in the Dark“ war es auch, mit minimalen Mitteln Songs zu schreiben, die jenseits von fetter Produktion oder aufwendiger Instrumentierung funktionieren können und eine Art karger Schönheit vermitteln. Dazu kam die Idee, über eine imaginäre Person zu singen.

Am neuen Doppelalbum „Subtitles & Paper Planes“ haben wiederum noch andere Musiker mitgearbeitet – worin lagen die Gründe in der Aufstockung des Solo-Projekts?
Nachdem das erste Album aufgenommen war, gab es eine intensive Tourphase, um die akustischen Songs auch live zu spielen. Da ich vorher sehr viel mit meiner Band polaroid liquide auf Tour war, empfand ich es als eine angenehme Herausforderung, plötzlich allein auf der Bühne zu stehen und die ganze Spannung halten zu müssen. Nach und nach veränderte sich das jedoch, zum einen fand ich es sehr monoton, nur mit mir allein Musik zu machen, zum anderen waren die vielen Live-Termine in 2008 und 2009 sehr kräftezehrend. In mir entstand daher der Wunsch, die zweite Platte gemeinsam mit vielen verschiedenen Leuten einzuspielen – Leuten, die ich menschlich und musikalisch sehr schätze. Auch hatte sich der Fokus von my sister grenadine innerhalb der zwei Jahre verschoben: Nachdem mit dem Debut die Idee karger Songwriter-Songs umgesetzt war, interessierte mich jetzt mehr eine gewisse Verspieltheit, eine Vielschichtigkeit in der Musik und den Texten. Dazu kam, dass sich die my sister grenadine auf organische Weise zu einer mehrköpfigen Band entwickelte. Zuerst begann ich, die Ukulele-Stücke mit Felix Koch zu arrangieren, er spiele Kinderinstrumente, Xylophon und Trompete. Dann lernte ich Angelina Kartsaki kennen und aus der Idee, Geige für die Aufnahmen zu spielen wurde dann ein Trio, was seit Anfang diesen Jahres unplugged auftritt. Wir selbst fanden es amüsant, plötzlich eine „Band“ zu sein, ohne bewusstes Handeln in diese Richtung, aber dennoch irgendwie logisch für das Projekt.

Doppelalben sind mittlerweile auch nicht unbedingt häufig – welche Gründe gab es, die Songs auf zwei CDs zu teilen?
Ja, das neue Album ist ein Doppelalbum, weil es neben dem erwähnten Akustiktrio auch noch eine andere neue Seite an my sister grenadine gibt: Nach der ersten CD und den Touren war ich auch etwas müde, immer akustische Gitarre zu spielen und so nahm ich mir meine elektrische Gitarre, ein Loopgerät und ein paar Soundeffekte und bastelte erstmal elektrische Versionen der akustischen Lieder des Debuts – einfach, um es spannend für mich zu halten. Dabei bemerkte ich, dass es zum einen gar nicht so sehr einen Original-Song für mich gibt, sondern eher verschieden Variationen eines Liedes – dazu hatte auch das Remixalbum, welches ein knappes Jahr nach dem Debut erschien, beigetragen. Zum anderen machte es mir viel Spass, mit den Loops zu experimentieren und Soundflächen zu bauen und eine andere Art von Dramaturgie zu entwickeln. Ich folgte dem, was mir gefiel und so entstanden viele neue Songs.
Die Trennung des Albums in zwei CDs fand ich inspirierend. Sie ist bewusst gewählt, da es einerseits zwei verschiedene Klangwelten sind, zum anderen der Schwerpunkt jeweils etwas anders ist – während die Ukulele-Lieder mehr Leichtigkeit und Geschichten transportieren, sind die Tracks mit der elektrischen Gitarre ernster und assoziativer. Außerdem ist my sister grenadine mit der Ukulele ein Unplugged-Trio, während die Gitarrenstücke nach wie vor von mir allein gespielt werden.

Wie und wo fand die Produktion zu „Subtitles & Paper Planes“ statt? Welche Probleme gab es?
Die Produktion fand in Berlin statt, in den Echoplex Studios. Ich arbeitete dort vor allem mit Nikola Jeremic zusammen, einem serbischen Musiker und Musikproduzenten, der seit ein paar Jahren in Berlin lebt und viele verschiedene musikalische Projekte hat. Einen Teil der Songs haben wir noch ein wenig bearbeitet, mit Beats oder Klavier unterlegt, am Arrangement geschraubt – er hat mir auch oft hilfreiche Hinweise gegeben und insgesamt war es ein sehr angenehmes Arbeitsklima.

Wie arbeitest du normalerweise an deinen Songs?
Das ist sehr unterschiedlich und lässt sich schwer verallgemeinern. Es gibt Lieder, die sehr schnell & spontan entstehen, aus einem Impuls heraus. Dann gibt es auch jene, an denen ich sehr lange und vertieft arbeite, die Stück für Stück entstehen. Dann ist natürlich auch entscheidend, welches Instrument ich benutze, das bestimmt Form und Inhalt mit. Generell sehe ich die Lieder immer weniger als fertige Stücke an, sondern verändere oft auch noch viel später Details oder Facetten. Ich versuche auch, eine gute Mischung aus regelmässigen Proben und situativem Musizieren zu finden – die Balance von Ordnung und Unordnung ist fürs kreativ sein sehr wichtig.

Was inspiriert dich zu den Texten bzw. in welchen Situationen schreibst du?
Oft ist der Auslöser ein bestimmter Moment, eine gewisse Atmosphäre. Ein Detail, eine kleine Geschichte, etwas Absurdes. Das beginnt und endet meist bei Menschen und bei dem, was sie tun, was ihnen wichtig ist, was sie wahrnehmen, wie sie leben. So komme ich zu ersten Songzeilen, zu Ideen einer bestimmten Persona für das Lied, oder für eine ganz bestimmte Welt, die ich zugleich zu erfinden und zu beschreiben versuche. Außerdem gibt es auch Themen, die mich beschäftigen und wo ich dann sozusagen Private Studies betreibe. Auch das landet ind er Musik, vor allem in den Texten.
Musikalisch gesehen ist es oft ein Akkord oder ein Intervall, der mir gefällt und um den herum ich dann etwas zu bauen versuche. Auch weiss ich oft, welche Sachen mir an Musik nicht gefallen und so versuche ich dann über den Weg der Vermeidung solcher Schemata an einen anderen Ort mit der Musik zu kommen, wo es aber durchaus noch für viele Leute funktioniert. Auch zu versuchen, Dinge zu kombinieren, die auf den ersten Blick nicht passend erscheinen. Das ist sehr interessant für mich. Und natürlich fliesst auch mein persönliches Leben und Erleben sowohl in die Musik als auch in die Worte mit ein.

Eines unserer Lieblingslieder ist „I Turn Into An Obstacle“ – worum geht es darin, wie ist der Song entstanden und was ist die Geschichte dahinter?
Oft geht es bei den Grenadine-Songs um verschiedene Themen gleichzeitig. „I turn in to an obstacle“ ist zum Beispiel ein Lied darüber, wie es sich anfühlt, für einen anderen Menschen plötzlich etwas Schweres zu sein, ein Ballast. Ein Lied über Abhängigkeit und Abgeschlossenheit, über Aufbruch und über Wut; über den Kampf gegen eine Struktur und über die Hoffnung, durch einen Bruch auch Platz für Hoffnung zu schaffen. Vielleicht auch über die Romantik des Unmöglichen, die soviel Energie freisetzt, dass es doch ein wenig möglicher wird.

Hast du dich der Musik als Lebensweg verschrieben oder hast du noch andere Interessen?
Ich interessiere mich für viele verschiedene Sachen, die jedoch oft in die Musik einfliessen. Es war mir zum Beispiel wichtig, nicht Musik zu studieren oder nur mit musikmachenden Menschen Zeit zu verbringen, weil ich da immer das Gefühl einer Einengung und einer Monotonisierung hatte. Ich beschäftige mich gern mit andere Dingen, die in meiner Musik auftauchen, welche dann wiederum andere Bereiche meines Lebens bereichert. Es ist sozusagen ein vielfältiges und gegenseitiges Ding. Gleichzeitig ist Musik für mich so elementar wie atmen. Wenn ich einige Tage nicht musiziere, fehlt mir etwas Grundlegendes und Notwendiges, ich würde quasi krank werden ohne Musik.

Was machst du, wenn du nicht Musik machst?
Ich studiere beispielsweise Kunst- und Kulturwissenschaften sowie Ethnologie. Ich arbeite auch an einem Forschungsprojekt eines Professors mit, der sich mit der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie in Deutschland befasst. Außerdem lese ich viel und beschäftige mich mit Stadt und Politik. Oft treffe ich Menschen, gehe in den Park oder ins Kino. Manchmal schaue ich in den Himmel, manchmal schlafe ich.

Welche Schwierigkeiten siehst du für kleine Bands in Deutschland?
Es wird oft schwieriger, passende Orte für Auftritte zu finden. Das liegt sowohl an der Politik der GEMA, die es kleinen Locations finanziell schwer macht, als auch am Abbau der Ausgaben für kulturelle oder jugendkulturelle Arbeit. Auch dadurch, dass seit der so genannten Krise der Musikwirtschaft das Geld weniger über Plattenverkäufe verdient wird, sondern verstärkt im Livebetrieb steckt, gibt es eine starke Konkurrenz um Auftrittsmöglichkeiten. Dazu kommt, dass es zumindest in Berlin schwer ist, eine szeneübergreifende Aufmerksamkeit zu bekommen. Ansonsten sehe ich die Gegenwart aber als recht gute Zeit für Musiker an, ich habe das Gefühl, dass zwar niemand Geld verdient, aber sehr viele spannende Sachen passieren.

Kann man als kleine deutsche Band „nur“ von der Musik leben? Wie?
Ich denke als kleine deutsche Band kann man schwer von der Musik leben. Es ist gut, wenn man kostendeckend arbeiten kann oder etwas Geld für die nächsten Ausgaben verdient, aber richtigen Gewinn machen nur große Bands und die Industrie, in die sie eingebunden sind. Das heisst für kleinere Künstler*ìnnen aber auch, dass sie sich gar nicht so sehr kompromittieren müssen, sondern künstlerisch ihren Weg gehen können – was meines Erachtens mehr Spass macht und auch dem Publikum oft besser gefällt.

Das hast du 2009 gelernt?
Neu anfangen.

Deine weiteren Pläne für 2010?
Wir werden das neue Album rausbringen und noch viel live unterwegs sein. Es war schon jetzt ein sehr tolles Jahr für uns: Wir haben das Doppelalbum aufgenommen, schon zwei Touren gespielt, viele tolle Menschen getroffen und uns bewegt gefühlt. So soll es noch weitergehen. Am 20. August erscheint das Album, ab 1. September sind wir unterwegs.

Welcher Song passt zu deiner aktuellen Stimmung?
Blumfeld: „Verstärker“

Wie würde deine persönliche „Bedroomdisco“ aussehen?
Don´t know. Always different i guess,

Wer hat den Fragenkatalog ausgefüllt?
Vincenz & Grenadine.

http://www.mysistergrenadine.com
http://www.myspace.com/mysistergrenadine

httpvh://www.youtube.com/watch?v=KLCvntCpUrY

My Sister Grenadine on tour:

01.09. Berlin / Schokoladen – RecReleasePArty
03.09. Dresden / Ostpol
04.09. Göttingen / Pools-Club
05.09. Hildesheim / Trillke Gut
06.09. Hamburg / Sweet Home
07.09. Kiel / Prinz Willy
08.09. Rostock / Peter-Weiss-Haus
09.09. Hamburg / Hasenschaukel
10.09. Erfurt / Stadtgarten
14.09. Fürth / Babylon Kino
15.09. Wien / Fledermaus
18.09. Stuttgart / Café Galao
19.09. Frankfurt / Ponyhof (15h)
19.09. Darmstadt / Hoffart-Theater (20h)

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