Kolumne

Veröffentlicht am 12.03.2012 | von Doris

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MONTAGSGEDANKEN – Die Alterungsformel

So ein Geburtstag bringt nicht nur mit sich, dass in jedem Zimmer der eigenen Wohnung ein Strauß Tulpen das Raumklima verbessert, nein es führt auch zu verstärkter AWD nach den Festlichkeiten (sollten der Jahrestag auf das Wochenende gefallen sein) und Zukunftsfantasien, natürlich mit erneuertem Altersbezug, jetzt wo man so ganz plötzlich und unerwartet ein ganzes Jahr mehr auf dem Buckel hat.
Ich denke, es ist der Fluch eines DJs, dass man selbst immer älter und „die anderen“ immer jünger werden, hinzu kommt eine Potenzierung dieses Phänomens je nach dem wo man in Darmstadt auflegt. Nach dieser Formel (normaler Alterungsprozzes + DJ + Schlosskeller[1]) altere ich jährlich 3 Jahre schneller als der „normale“ Darmstädter.
Wie soll das und ich in ein paar Jahren aussehen? Klar, es gibt in Darmstadt genug erfolgreiche DJs die man auch nicht mehr zum jungen Gemüse zählt. Mit Schrecken habe ich nun festgestellt- Verdammt, das sind alles Männer!

Schickt es sich denn für eine Frau in den Vierzigern noch hinter den Turntables zu stehen?

Was ist mit der Familie, dem hungrigen Mann, dem Herd, dem Haushalt und der Erziehung, schreit Eva Herman erzürnt?
Klar, im Hillstreet Club[2]  ginge das Auflegen bis ins hohe Rentenalter, denn sobald man dort auflegt ändert sich die eigene Alterungsformel. Alterungsprozess + DJ + Hillstreet Club bedeutet dann, dass man ganz normal mit Gleichaltrigen altert. Lebender Beweis: DJ Nouki (obwohl der etwas vergesslich zu werden scheint, seitdem er nicht einmal mehr weiß wer DontCanDJ ist).
Da Emma, meine bessere DontCan-DJ-Hälfte, zusätzlich noch in einer Band spielt, ach was, sogar in zwei, kann man ihre Alterungsformel auch umstellen (Alterung + DJ + Schlosskeller – 2x Band) und jährlich sogar Jahre abziehen. Band Groupies verjüngen den Star mental nämlich wieder. So kommt es auch, dass Emma am Mittwoch, den 29.02. genau neun Jahre alt wurde. Meine Güte, das sind echt eine ganze Menge Groupies.
Das Publikum im Schlosskeller wird wie Emma also immer jünger und hipper und die treuen und gleichaltrigen Begleiter schwinden über die Jahre und lassen sich nur noch selten und auch nur in bestimmten altersneutralen Locations blicken .
Früher kannte ich gefühlte 50 Prozent des nächtlichen Elektroschule[3] Publikums beim Namen, doch jetzt wo das Thekenpersonal, bis auf wenige Ausnahmen, zum dritten mal komplett neu besetzt wurde, kenne ich nicht mal mehr die Angestellten.

Wenn ich es mir aber recht überlege, einen Handstand mache und die Dinge auf den Kopf stelle, ist das alles und der beobachtete nächtliche demographische Wandel gleichzeitig ein sehr gutes Zeichen. Die Studenten und Partypeople mögen uns nach wie vor und es ist ein Beweis für unser Vorankommen, dass ständig junge rosige Gesichter bei unseren Gigs auftauchen. Es ist ein Fehler zu denken man könne die alten Sympathisanten über Jahre halten. Neue zu begeistern ist ein Muss, der Wechsel von Publikum und verschiedenster Meinungen zu uns, der Veranstaltung und der Musik ist unerlässlich. Ohne neue und vielleicht auch kritische Sichtweisen gibt es keine Bewegung, keine positive Entwicklung, nur Stillstand und langsames Sterben einer jeden Veranstaltung. Wir haben uns doch echt gut gehalten und mein heutiger Montagsgedanke macht mich wieder um einige Jahre jünger.

Alterungsprozess + DJ + Schlosskeller – Montagsgedanke = 26

Sie lesen Montagsgedanken – Tagebuch einer DJane. Mein Name ist Doris Vöglin.


[1] Der Schlosskeller ist ein autonomes Gewerbe des AStA der TU-Darmstadt. Sein erklärtes Ziel ist es, kulturelle und politische Veranstaltungen, Konzerte, Parties und Clubabende zu studentenfreundlichen Preisen zu ermöglichen. Organisation und Durchführung liegen fast ausschließlich in den Händen fleissiger Studentinnen und Studenten, die Getränke und Eintrittspreise werden niedrig gehalten. Natürlich zieht demzufolge der Schlosskeller ein jung-studentisches und alternatives Publikum an. Einige Physik- und Geschichtsstudenten bilden hierbei die Ausnahme.

[2] Der Hillstreet Club versteht sich als klassische American Bar, mit Cocktails, puristisch und zeitlosem Interieur (was natürlich auch für die DJs gilt) mit unaufdringlichem und sehr aufmerksamem Service für Clubmitglieder. Man kredenzt hier die feinsten Spirituosen, regionale und europäische Weine, verschiedene Biersorten und Kaffespezialitäten. Der wochenendliche musikalische Rahmen wird von wohlbekannten und kultigen DJs gestämmt, die alle zeitlosen Musikchambres bedienen.

[3] Die Elektroschule ist eine Veranstaltungsreihe des Schlosskeller Darmstadt in Zusammenarbeit mit DontCanDJ. Seit 2007 liefern wir einmal monatlich Elektro, Techno und Breaks abseits des Mainstreameinheitsbrei.

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