Kolumne

Veröffentlicht am 16.04.2012 | von Doris

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Montagsgedanken – Das Phänomen des Off-Beat Tänzers

Ihr könnt euch nicht vorstellen, was man da oben auf dem DJ-Pult alles zu Gesicht bekommt. Nicht nur, dass ich, in so erhobener Position, eine gute Sicht über die komplette Szenerie habe, nein, ich habe diesen ‚Jäger-Hochsitz’ den ganzen Abend, die ganze Nacht, stunden lang. Ich könnte, wenn ich interessiert und aufmerksam das Treiben eine Weile beobachten würde, ganze Geschichten über manche Partygäste erzählen:

Der ist mir dem da, beide finden sie gut.
Sie keinen von beiden, ihr gefällt der da drüben.
Er is schwul.
Bumm!

Was ich damit sagen möchte ist, dass man beim DJ in der Regel nicht in der ersten Reihe stehen muss, um auf sich aufmerksam zu machen. Mädels, wenn eine von euch dem DJ gefällt, sieht er sie auf der Tanzfläche inmitten von 100 anderen, in 15 Meter Entfernung im Strobo-Blitzlichtgewitter, wenn sie sich gerade bückt, um sich die Schuhe zu binden. Ach und wenn ihr wirkliches Interesse am DJ habt, dann zeigt einmal Durchhaltevermögen und bleibt gefälligst bis zum Schluss! An dieser Stelle möchte ich mich ganz besonders bei den ersten mutigen Tänzern bedanken, die den Anfang machen. Ihr seid die Besten.

Am liebsten, über den Abend verteilt, sind mir die Off-Beat[1]– und Ausdruckstänzer, aber ganz besonders die Schranzer[2], die sich schnell ausmachen lassen, und die ich minutenlang anstarren könnte. Ausgeprägte geschlängelte Arme und Ravereien erlebt man meist erst zu späterer Stunde, doch Dampflock und Off-Beat gibt’s die ganze Nacht gratis zum Auflegeerlebnis hinzu.

Das Phänomen des Offbeat-Tänzers zieht sich durch sämtliche Generationen, jung und  alt, Männlein wie Weiblein sind davon betroffen. Ich frage mich ernsthaft, ob es sich um einen Gendefekt handelt. Mir ist es ein Rätsel wie man sich derart unrhythmisch bewegen kann. Jetzt mal ehrlich, es ist verdammt schwer einen ordentlichen Off-Beat-Tanz nachzuahmen. Wie machen die das? Was sind das für komische Moves und Verrenkungen? Ständig muss ich mir vorstellen, wie diese Menschen rhythmisch animalischen Sex haben und wie viele blaue Flecken sie ihrem Partner zufügen. Besonders überrascht bin ich dann, wenn ich feststelle, dass die Koordination beim Laufen oder die Feinmotorik z.B. beim Schreiben einer SMS einwandfrei funktionieren.
Am Lustigsten ist allerdings, wenn sich ein Offbeat-Tänzer mit einem „normal rhythmischen Tänzer“ zusammen tut und diese/n versucht von hinten sexy anzutanzen. Meine Güte. Köstlich. Was für ein Gerangel.

Und dann stellt sich mir eine ganz bedeutende Frage: Merken die das eigentlich selbst, wissen sie, dass sie anders sind? Gerade Off-Beat- und Ausdruckstänzer haben oft diese unschuldige kindliche Ausstrahlung, dieses „Ich tanze, jippie und lass mich voll gehen, juch entschuldigung, war das dein Fuss …“. Sie lassen Bewegungen und spontane Emotionen einfach laufen. Sie scheren sich nicht darum, ob andere schauen, sie bewegen sich ohne sich ständig zu mäßigen oder Blicke und Reaktionen der anderen Tänzer zu kontrollieren. Für diese Fähigkeit beneide ich sie tatsächlich sehr. Seitdem ich auflege komme ich mir auf Tanzflächen ähnlich verloren wie in einem Swinger-Club vor. Schon beim Gedanken mitten ins Getümmel zu müssen, wird mir ganz schwindelig. Ich glaube, es ist eine DJ-Krankheit immer vom Rand alles im Blick haben zu wollen.

So wie die „Checker“, die sich gerne in Pultnähe aufhalten und den DJ um seinen Überblick mit Sicherheit beneiden. Sie tragen häufig dunkle Lederjacken oder Longsleves aus sehr dünnem Stoff, damit sich die Frage nach einer Mitgliedschaft im Fitness-Studio erübrigt.
Auf den ersten Blick sehen die Checker echt cool aus, sie sind sehr männlich und haben das Tanzen ohne zu tanzen perfektioniert. Schaut man jedoch etwas genauer hin, kann man sehen wie nervös und getresst sie sind, weil sie alles und jeden permanent im Auge und unter Kontrolle haben müssen. Der Kaugummi fliegt von rechts nach links, es wird abgecheckt und ständig mit einer lässigen Handbewegung über die stählerne Brust gestreichelt („Hier schau, steinhart“). Jede Geste scheint einstudiert und vorher auf Coolnessfaktor vorm heimischen Spiegel geprüft worden zu sein. Das perfekte Gegenbeispiel zum Offbeat und Ausdruckstänzer eben, doch mit bedeutend weniger Unterhaltungspotential.

Zum Schluss möchte ich aber unbedingt noch eine Sache loswerden und ich denke, ich kann sogar im Namen aller DJs sprechen, wenn ich sage, dass sich der DJ über jeden Gast freut, der tanzt. Egal wie!

Ihr lest Montagsgedanken- Tagebuch einer DJane. Mein Name ist Doris Vöglin.


[1] Englisch wörtlich übersetzt bedeutet Off-Beat ‚weg vom Schlag’ und das gilt offensichtlich nicht nur für den rhythmischen Bereich. Man könnte auch „weit ab vom Schlag“ oder „ein ganz besonderer Schlag“ dazu sagen.

[2] Besonders Frauen, die Schranzen sind bewundernswert. Hier eine sehr seltene Gattung: Der ‚Offbeat-Schranzer‘.

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