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Veröffentlicht am 28.05.2012 | von Doris

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Montagsgedanken – Tanztreff Heidelberg

Schon früh fiel uns, auf der noch nicht sehr gefüllten Tanzfläche, ein Off-Beat Tänzer auf. Nerdig mit schwarzem Knopfhemd und braver Stoffhose, einer seiner Kumpels, wie man später beobachten konnte, lag bereits seinem offensichtlichen Alkohol Vollrausche erlegen auf einer der Bänke auf den billigen Plätzen.

Wir waren gerade in der Halle 02 in Heidelberg angekommen, tranken gemütlich unseren ersten Radler und sollten so um eins, halb zwei anfangen aufzulegen, als der junge Tänzer auf mich zu steuerte.

„Entschuldigung“ begann er, ich beugte mich etwas zu ihm, um ihn bei der lauten Musik besser zu verstehen und erwartete eine der obligatorischen Fragen wie bspw.: „Seid ihr heute Abend die DJs?“ oder „Wann legt ihr denn auf?“, doch ich sollte eines Besseren belehrt werden. Die Bässe dröhnten und die Musik hatte an Progressivität zugelegt. Er sagte also: „Entschuldigung, hast du Lust einen Discofox mit mir zu tanzen?“

Ich hatte genau verstanden und fragte trotzdem vorsichtshalber noch einmal nach um Missverständnissen vorzubeugen. Er wiederholte ganz selbstverständlich und mir ruhiger selbstbewusster Stimme:

„Möchtest du einen Discofox mit mir tanzen?“

Leute, ich sag euch, so was denkt man sich nicht aus.
Der Bursche fragte auf eine so charmante und naive Weise, dass ich mir sofort darüber bewusst war „der meint das tot ernst“. Das war keine Verarsche, niemand lachte, das war kein dummer Anmachspruch, keine Masche und er löste mit Sicherheit auch keine verlorene Wette ein. Nein, dieser Mann wollte aufs Ehrlichste einen Discofox aufs Parkett legen.

Ich antwortete, nein und erklärte, dass ich keinen Discofox tanzen kann und er nahm meine Absage etwas enttäuscht entgegen und verabschiedete sich wieder. Es dauerte einige Sekunden bis ich das verdaut hatte und schließlich brach ein ungläubiges Gelächter aus mir heraus.

Doch das Lachen blieb mir im Hals stecken. Wieso hatte er gerade mich gefragt? Ich beobachtete ihn und musste mit erschrecken feststellen, dass er nach mir keine der anderen Frauen zum Discotanz bat. Er muss mich also ausgewählt haben, da ich wohl am ehesten so aussah, als hätte er bei mir die größte Erfolgswahrscheinlichkeit. Scheiße!

Trotzdem fühlte ich mich ein wenig geschmeichelt und bedauere fast, dass ich mich nicht einfach einmal darauf eingelassen hatte. Einige Minuten brachte ich damit zu, mir auszumalen, was wohl passiert wäre, wenn ich dieses fast schon unmoralisch anmutende Angebot angenommen hätte. Ich hätte der Star des Abends sein können. Chance kläglich vertan. Manche warten ihr Leben lang auf den oder die Richtige, auf die große Liebe und den perfekten Heiratsantrag. Mir kam es in diesem Moment so vor als wartete ich zeitlebens unwissend auf jene Frage.

Jetzt erinnere ich mich an eine Begegnung im Schlosskeller als ein unbekannter Gast hinters DJ-Pult trat und mich fragte, ob ich schon immer so auditiv veranlagt gewesen sei, um dann auszuführen, dass englische Wissenschaftler erforscht hätten, dass der Intelligentsquotient nach einem Strandurlaub messbar abnimmt und bei einem Wanderurlaub steigt. Physikstudent.
Mich haut so bald nichts mehr vom Hocker und gleich morgen, nachdem ich wandern war, melde ich mich bei der nächsten Tanzschule zum Grundkurs an.

Ihr lest Montagsgedanken. Tagebuch einer DJane. Mein Name ist Doris Vöglin.

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