Kritik

Veröffentlicht am 20.11.2013 | von Sebastian Ladwig

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DIE TRIBUTE VON PANEM: CATCHING FIRE – Filmkritik

Vergiss nicht, wer der Feind ist.

(Haymitch Abernathy – Die Tribute von Panem: Catching Fire)

Der zweite Teil einer großen Film-Trilogie ist in etwa so kompliziert wie das zweite Album einer aufstrebenden Popband: Wer Teil eins mochte, wird mit hohen Erwartungen an Teil zwei gehen und ein strenger Rezipient sein. Er wird eine Entwicklung erkennen wollen und trotzdem die Elemente erwarten, die ihn Teil eins haben lieben lassen. Und wenn ihn Teil zwei nicht zu begeistern weiß, wird er Teil drei erst gar nicht mehr beachten. ‚Die Tribute von Panem: Catching Fire‚ schafft jenen Brückenschlag zwischen Anfang und Ende der Trilogie und kann sich dabei trotzdem als eigenständiges Werk mehr als sehen lassen.

Katniss (Jennifer Lawrence), die im Zuge der ersten Hungerspiele bereits ihrer Kindheit beraubt wurde, muss nun die einzelnen Distrikte auf der sogenannten Tour der Sieger bereisen und sich von den Angehörigen der toten und teilweise von ihr selbst ermordeten Kinder feiern lassen. Doch der unterdrückerische Zweck der Tour geht nicht auf. Katniss, die während der ersten Hungerspiele fast Selbstmord begangen hätte, was einen Affront gegenüber dem allmächtigen Kapitol darstellte, wird immer mehr zum Symbol eines möglichen Widerstands und damit zur Gefahr für die Diktatur. Sie wird daher unter dem falschen Vorwand besonders spektakulärer Spiele erneut in die Arena verbannt und muss diesmal gegen frühere Sieger antreten. Wer nun lediglich einen lauwarmen Aufguss der Handlung des ersten Teils erwartet, wird glücklicherweise enttäuscht. Die Romanvorlage von Suzanne Collins ist der stärkste Panem-Band und die Autorin versteht es sehr geschickt, die Weiterentwicklung ihrer Charaktere vor dem Ablauf scheinbar paralleler Ereignisse aufzuzeigen.

Regisseur Francis Lawrence meistert die oft undankbare Aufgabe Romanverfilmung mit Bravour, erzählt den Beginn elliptisch, das dramatische Ende als ausschweifenden Thriller. Er findet die richtigen Bilder anstelle der langen Schlüssel-Monologe der Vorlage und lässt das dystopische Panem durch wenig subtile KZ-Assoziationen, exaltiert kapitalistische Partyszenen und Orwellsche Paranoia Wirklichkeit werden.

Catching Fire‚ paraphrasiert auf der visuellen Ebene hier und da seinen Vorgänger, gibt den störrischen Handkamerastil dann aber auf, um endgültig zum Epos anzuheben. Totalen des dystopischen Panem mit seinem Sci-Fi-Protz und raumschiffartigen Palästen wechseln sich ab mit romantischen Naturmotiven von Katniss bei der verbotenen Jagd im Wald hinter dem Grenzzaun. Die Protagonistin selbst erinnert im Kostüm des brennenden Spotttölpels an Jeanne DʻArc, trägt aber auch Züge von Steve McQueen in ‚Papillon‚ und Charlton Heston in ‚Ben Hur‚. Jennifer Lawrence ist mittlerweile so eng mit Katniss verknüpft, dass die frisch gekürte Oscar-Preisträgerin die einzige zu sein scheint, die diese Rolle jemals hätte spielen können. Auch die neuen Parts sind durch die Bank gut besetzt. Charakterdarsteller wie Phillip Seymour Hoffmann und Jeffrey Wright positionieren den Film abseits bloßen Popcorn-Kinos und Jenna Malone in der Rolle der Johanna Mason ist hinreißend odd. Nur Liam Hemsworth muss noch immer einfach nur gut aussehen, aber das tut er dann auch sehr überzeugend.

Wo das andere Teenager-Phänomen, die unsägliche Twilight-Reihe, jener frauenverachtende feuchte Traum einer unbegabten Autorin ohne Horizont, eine Heldin mit der Entscheidungsfreudigkeit eines Taschenrechners in die Mitte zweier Männer stellt, deren beider Schutz sie bedarf, bleibt Jennifer Lawrenceʻ Katniss in Liebesdingen immer im Zentrum der Macht. Sie küsst Gale, dann küsst sie Peeta, dann wieder Gale und dann nochmals Peeta. Sie springt hin und her, mag sich bei vollem Bewusstsein der garantierten Zuneigung der beiden nicht entscheiden und bemerkt an einer Stelle fast lakonisch, dass dies nun wirklich nicht die Zeit sei, sich emotional zu involvieren. Nötig hat sie keinen von beiden, das einzige was für Katniss unverzichtbar erscheint, sind ihr Pfeil und Bogen.

Die Bücher sind bereits jetzt Klassiker, die Filme auf dem besten Weg dorthin. Vielleicht vergeben wir der Produktionsfirma Lionsgate ihre kapitoleske Unersättlichkeit und freuen uns, dass Teil 3 ein Doppelalbum wird.

Die Tribute von Panem: Catching Fire (USA 2013)
Regie: Francis Lawrence
Darsteller: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Liam Hemsworth, Elizabeth Banks, Woody Harrelson, Donald Sutherland
VÖ: 21. November 2013, StudioCanal

 


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