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Veröffentlicht am 5.04.2018 | von Silvia Silko

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ADAM BARNES – Zwischen Umzugskartons und großen Gefühlen

So eine Europa-Tour kann man durchaus auch zweitverwerten. Wenn man schon mal den großen Lieferwagen zur Verfügung hat wird nebenher halt auch der Umzug erledigt. „Meine Klamotten bringen wir zwischen Soundcheck und Auftritt noch schnell in meine neue Wohnung. Ab nächsten Monat lebe ich dann wohl komplett in Berlin!“ Adam Barnes scheint sich diese Tatsache selbst noch nicht so ganz zu glauben. „Am Ende ist es sowieso egal wo ich lebe – ich bin so viel unterwegs. Und ein leerstehendes Zimmer in Berlin ist weitaus günstiger, als eines in Oxford.“

Das ewige Unterwegssein und das Leiden eines Musikers thematisiert Barnes häufig in seinen Songs – oder eben das Resultat dieses Lebens. Es scheint ein bisschen so, als würden seine Füße immer unterwegs sein, aber seine Seele nicht so ganz hinterherkommen. Herzzerreissende Textzeilen wie die Folgenden sind dann wohl die Versuche, das Vermissen und die Ruhelosigkeit zu verarbeiten:

I miss the little parts of the day we get to share when we’re alone
We never talk in the evening
I’m always playing a show
Playing sad songs to strangers that I hardly know

(Adam Barnes – Reykjavik)

„Unterwegssein ist als würde man in ständigem Transfer leben und als sei die Zeit angehalten, nur dass sie für alle anderen eben weitergeht.“ erklärt Barnes. Derjenige, der unterwegs ist, befindet sich an einem Nicht-Ort, zwischen den Zielen und ist eigentlich niemals da. Er glänzt durch ständige Abwesenheit im Leben anderer aber auch im eigenen Leben. „Das klingt jetzt alles sehr negativ, ich bin aber eigentlich sogar sehr gerne unterwegs, ich liebe es, auf Tour zu sein und zu spielen.“ Barnes lacht häufig. Er hat eines dieser Gesichter, die vermutlich niemals so richtig alt werden. „Meine Songs sind eher traurig, weil ich meistens genau dann schreiben kann, wenn ich traurig bin. Einsamkeit kann einen sehr betrüben. Aber eigentlich bin ich kein grundlegend melancholischer Mensch.“

 

Ein Beweis dafür sind Barnes Ansagen zwischen den Songs auf der Bühne, die einem Standup-Comedian Konkurrenz machen können. „Es ist halt eben nur diese Parallelwelt in der man unterwegs ist. Die fasziniert mich total.“ erklärt er. Die Faszination geht so weit, dass Barnes’ aktuelles Album sich mit genau dem Gefühl, weit weg von allem zu sein, beschäftigt. Der Brite hat es Vacancy At NASA getauft und entlarvt sich auf selbigem als „true pioneer of DIY-astronomy“ und verspricht, dass er am liebsten einen freien Platz in seiner selbstgebauten Rakete einbauen würde. Einen freien Platz für die große Liebe, die bisher das viele Unterwegssein nicht überlebt hat. Man muss es schon mal beim Namen nennen: Adam Barnes macht Songs für kitschigen Herzschmerz, für den Moment als Jack neben Rose erfriert (obwohl beide genug Platz auf dem bescheuerten Holzschrank gehabt hätten) und sie sich ihres gebrochenen Herzens bewusst wird. Momente, in denen man eben doch noch mehr Streicher und noch mehr markerschütternde Stimmen braucht. Adam Barnes liefert genau das und tut dies so erschreckend schön, dass man es nicht mal als guilty pleasure abtun muss, dass man sich seinen hübschen Kompositionen hingibt.

Barnes hat sich als Musiker entwickelt. Sein mittlerweile drittes Album hat sich von dem reinen Akustik-Sound entfernt, spielt ein bisschen mit Mehrstimmigkeiten, mit Streichern und ist insgesamt luftiger produziert. „Ich merke auch ständig, dass ich als Musiker gereift bin, dass aber auch jedes Album wichtig war auf dem Weg. Als Künstler ist man innerlich ja auch auf der Reise.“ Hauptsache kein Stillstand? „Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann mal gesetzter werde und bleibe.“ Irgendwo ist halt immer das nächste Ziel und mit diesem vielleicht auch der nächste Song, der entsteht, weil Barnes aus dem Fenster eines fahrenden Vans geblickt hat. Vielleicht schaut er über Asphalt und leere Weiten und erinnert sich an das Lächeln seines Mädchens oder an die Stimme seines besten Freundes, während im Kofferraum seine Möbel und Kisten hin und her rutschen.


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