Interviews

Veröffentlicht am 10.01.2020 | von Silvia Silko

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BIG MOON – Interview

Bilder © Pooneh Ghana

The Big Moon bringen ihr zweites Album raus. Auf „Walking Like We Do“ klingen sie einerseits aufgeräumter, andererseits aufgewühlter als noch vor drei Jahren. Grund genug, mit den Musikerinnen zu quatschen. Ein Gespräch über das Chaos der Welt, Schlafanzüge und Weiblichkeit.

Sprechen wir den Elefanten im Raum doch direkt mal an: Ja, The Big Moon sind eine All Female Band. Frauen, die Musik machen. Ja, wir haben 2020 und eigentlich ist das doch alles längst kein Problem mehr – zumindest wenn man ganz kurz schwach wird und sich in schöne, aber naive Utopien begibt. Die Realität sieht nämlich doch etwas anders aus: Die Musikbranche ist nach wie vor männlich dominiert – was man sehr schön an Festival-Line-Ups sieht, die bis auf wenige Ausnahmen immer noch mindestens 80 % Würstchenparties veranstalten. 

 

Muss man das erwähnen? Würde man der Emanzipation nicht in die Hände spielen, wenn man The Big Moon einfach wie eine Band behandeln und nicht über die Tatsache sprechen würde, dass sie eine Vagina haben? Sicher, nur sind wir noch nicht so weit. „Für manche Journalisten ist unsere Genrebezeichnung ‚weiblich‘ – das reicht denen schon. Wir wurden in Texten schon mal knallhart mit Warpaint und ähnlichen Bands verglichen. Wir klingen null wie die. Die einzige Gemeinsamkeit die wir haben ist, dass wir weiblich sind,“ erzählt Drummerin Fern Ford. Das Runterstampfen auf diese Eigenschaft ist nicht nur sehr fauler Journalismus, wie Fern es nennt, sondern wird der ganzen Sache mit der Musik auch nicht gerecht: „Man bemüht sich bei den Aufnahmen ja auch, möchte seinen eigenen Sound etablieren, sich entwickeln – und dann ist das völlig egal, weil wir ja Frauen sind,“ führt sie weiter aus. Frontfrau Juliette Jackson fügt hinzu: „Dabei gibt es echt so viel Spannenderes über uns zu sagen, als dass wir weiblich sind!“

Tatsächlich könnte man da aktuell über einiges sprechen: Das neue Album beispielsweise. Die vier Frauen haben sich drei Jahre Zeit genommen, um die Fortsetzung ihres Debüts „Love in the 4th Dimension“ fertigzustellen. Ihre hübsches Pop-Songwriting, dass dank erdiger Instrumente und Mehrstimmigkeit so richtig schön organisch daher kommt, haben sie sich beibehalten. Entwickelt haben sie sich dennoch: Aufgeräumter sind sie geworden. Ganz dezidiert haben sie mehr strukturiert, mehr komponiert. Auf dem ersten Album wurde noch mehr drauf los gespielt, wie Jackson beschreibt. „Dieses Mal haben wir uns beispielsweise auch nicht davor gescheut, ruhige Momente zuzulassen. Wir haben gelernt, auch mit Stille klarzukommen. 

Was klingt, als hätten The Big Moon einen supi-dupi Soundtrack für die nächste Meditation kreiert ist in Wirklichkeit eine ambitionierte Platte, die hier und da mit Elektronik spielt, die Stimmen der vier Britinnen herrlich saftig herausarbeitet und im Großen und Ganzen einfach sehr guten Poprock abliefert. So richtig viel Stille findet man hier ehrlich gesagt nicht. Vor allem inhaltlich betätigt Jackson so manche Alarmanlage. Auf dem Song Dog Eats Dog etwa heißt es „Tragedies eventually turn into memes, you only built bridges when it wets your feet.” Der Song war eigentlich als Reaktion auf den brennenden Grenfell Tower in London geschrieben worden. Jackson kritisiert, dass der Turm hätte durch einfache Maßnahmen abgesichert werden können, durch nachlässige Politik jedoch abgebrannt ist. Aus den anschließenden Pressekonferenzen, in denen Teresa May mit fadenscheinigen Entschuldigungen das Unglück hat rechtfertigen wollen, sind innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Memes im Netz gelandet. Das Unglück an sich war schnell vergessen. Das Beispiel und die Aussage des Songs lassen sich bestens allgemeiner fassen: „Ich habe das Gefühl, aus allem wird kurzerhand ein Meme, es wird nichts mehr ernst. Uns ist einfach alles egal,“ erklärt Jackson frustriert. „Es ist ermüdend, wenn man das Gefühl hat, dass eigentlich nur sehr wenige Reiche und Mächtige die Welt kreieren in der wir alle leben müssen.“ Damit spricht sie auch auf den Klimawandel, Rassismus, Hass und Ausgrenzung an. „Wir leben in turbulenten Zeiten. Seit ich das letzte Album geschrieben habe, hat sich die Welt sehr verändert. Ich habe mich verändert. 

Mit „Walking like we do“ haben The Big Moon künstlerisch versucht, das Chaos, dass unsere Welt mit sich bringt ein wenig zu ordnen. Vielleicht ist es deshalb so gut strukturiert ausgefallen – wenn man seine Kunst in Ordnung bringt, wirkt sich das am Ende ja vielleicht sogar auf die restliche Welt aus. Jackson lacht „Wer weiß?“, und sagt abschließend: „Ich schreibe die Songs immer noch ganz alleine, mit meiner Gitarre, meistens im Schlafanzug. Das ist keine Revolte in dem Moment, aber es ist meine Art und Weise mit der Welt umzugehen und meinen Beitrag zu leisten.“

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