Interviews

Veröffentlicht am 15.05.2020 | von Liv

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JEREMIAS – Interview

Fotos © Isabel Hayn

Als wir bei Jere und Olli von Jeremias für’s Interview durchklingeln, sind die Jungs gerade dabei zu kochen. Heute gibt es Allerlei: Ananas, Mais, Kartoffeln, Champignons und ’nen Gürkchen.
Während die Jungs fleißig schnippeln, haben wir über ihre neue EP Alma, Hannover als Musikstadt und dem momentan wohl leidigsten, aber auch aktuellsten & dringlichsten Thema für alle Musiker – Corona – gesprochen.

Ich würde mal sagen, wir fangen einfach in eurer Geschichte ganz vorne an. Wie seid ihr jeweils zur Musik gekommen? Welche Verbindung habt ihr zu Musik? Gab es da vielleicht einen Moment, der alles geprägt hat?Olli: Ich glaube, das ist bei uns allen echt unterschiedlich. Aber meine Musiksozialisierung hat damit angefangen, dass ich mit drei oder so eine alte VHS von meiner Ma gesehen habe, wo jemand jemand Akustik Gitarre gespielt hat. Dann habe ich meine Eltern so lange genervt, bis ich eine E-Gitarre bekommen habe und seitdem mache ich Musik. Bei Jerre ist es so, dass er einfach in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen ist. Das stand bei dir gar nicht wirklich so zur Diskussion, ob du’s machst oder nicht?

Jere: Ich hatte schon sehr viel Mucke um mich herum, aber alles eher klassisch.

Und wie habt ihr euch innerhalb der Band kennengelernt?
Jere: Olli und ich kennen uns schon über eine gute Freundin, das war 2015 auf einer Feier. Und dann war das am Anfang auch erst so’n Beschnuppern, noch gar nichts konkretes. Dann wurde man gute Kumpels und irgendwann hatten wir Bock auf Musik. Mit Ben und Jonas, den anderen Beiden, war das dann recht pragmatisch, dass wir gesagt haben, wir brauchen jetzt einen Basser, wir brauchen einen Drummer. Die Leute waren plötzlich da und das sind jetzt unsere besten Freunde. Also das war da dann eher andersherum.

Schön, dann hat sich so eine richtige Freundschaft entwickelt.
Jere: Ja, das geht auch, glaube ich, gar nicht anders. Wenn du irgendwie neun Stunden, sieben Tage die Woche aufeinander hockst und zusammen Pläne schmiedet, also sowohl wirtschaftlich als auch im anderen Sinne, dann muss man sich schon sehr gut verstehen.

Ja, oder wenn du dann auf Tour fährst. Das stelle ich mir auch krass vor, wenn du in so einem kleinen, engen Bus sitzt und das dann mit Leuten, mit denen du dich nicht mal so super verstehst, […]
Jere: Ja, das ist scheiße.

Olli: Ich glaube tatsächlich, dass im Bus sitzen das privateste an so einer Tour ist, weil jeder seine Kopfhörer aufsetzt, ein paar Stunden Netflix guckt. Also, klar, man sitzt viel auf einander, aber ich denke, dass da noch jeder so für sich ist.

Jere: Stimmt schon.

Ihr kommt alle aus Hannover, wie kann man sich die Musikszene dort vorstellen? Ich kann da zum Beispiel so’n paar Hardcore Bands, die von da kommen, aber das ist ja so gar nicht eurer Genre.
Olli: Hannover ist ja keine riesengroße Stadt und dafür gibt es aber heftig viele kreative Menschen. Wenn man die Geschichte wie wir Benni, unseren Bassisten, kennengelernt haben ausweiten würde, dann lief es eigentlich genau über diese Szene in Hannover. Über Jam-Sessions in der Glocke.

Jere: Wir haben auch unseren Proberaum in einem riesigen Komplex in Herrenhausen. Da sitzen bestimmt zehn Bands, mit denen wir super dicke sind, die wir alle persönlich kennen, die uns kennen und es ist einfach mega schön. Also sehr viele junge Leute, sehr viele musikalisch talentierte Leute, die alle Bock auf die weite Welt haben. Das befruchtet sich gegenseitig total gut. Und nicht nur in diesem Hardcore-Ding, auch voll viel Indie, Electro, Hip Hop – mega schön.

Das klingt echt mega! Lebt ihr denn auch noch allein in Hannover und wollt dableiben, oder könnt ihr euch auch vorstellen in “typische“ Musikstädte wie Berlin oder Köln zu ziehen?
Jere: Ich glaube momentan ist es richtig geil. Also wirklich. Wir haben alle viel zu tun, haben unseren Raum, kennen die Leute und man kann sich hier gut konzentrieren, weißt du? Man wird nicht abgelenkt. Ich glaube erstmal ist das gut noch hier zu wachsen. So behütet. (lacht)

2019 war ja euer Jahr, ihr habt eure Debüt-EP releast, habt auf Festivals und verschiedenste Support-Shows gespielt. Und dann Anfang 2020 sogar eure eigene Headliner Tour gespielt. Wahnsinn. Das ging doch alles echt schnell oder habt ihr das gar nicht so empfunden?
Olli: Ich glaube keiner von uns hat das schon so richtig gecheckt. Das ist noch bei keinem richtig angekommen. Ich glaube aber, dass wenn man selber da so drinsteckt und jeden Tag neun Stunden ackert – also selbst wenn man nicht Musik zusammen macht, ich war z.B. mit Jonas im Baumarkt und habe was für unseren Proberaum besorgt – man sitzt immer zusammen und heckt irgendwelche Pläne aus und deswegen kommt einem das immer viel kleinschrittiger vor als es vielleicht nach außen wirkt. Einfach weil man jeden Tag 24 Std. im Kopf dabei ist.

Jere: Ja, aber du hast schon Recht. Ich kann für mich sprechen, dass ich’s überhaupt nicht checke, dass wir eine Deutschland-Tour gespielt haben und die zu 90 % ausverkauft war, das ist der Wahnsinn. Das Leute in Leipzig, in Dresden waren und uns zugehört haben. Das vergisst man auch. Ich finde durch Corona ist man auch gerade wieder so für sich in seiner kleinen Blase, dass man voll vergessen hat, was schon alles war. Total interessant. Ein bisschen demütig, das tut dem Ganzen vielleicht auch ein bisschen gut.

Ja, ich fand das echt beeindruckend: Ihr seid auf einmal da gewesen und habt komplett durchgezogen und wart einfach absolut präsent, überall hat man von euch gehört. Verrückt wie schnell das manchmal geht.
Jere: Ey man, und jetzt stell dir mal vor, wir hätten diesen Festival-Sommer gespielt. Das wäre der Wahnsinn. Wir waren so on Fire, das glaubst du nicht.Musik und Frieden in Berlin die letzte Show, dann ins Studio und dann ab in den Sommer rein und jetzt dieses. Wir wären kein Wochenende zuhause gewesen. Das hat seine Gründe, aber man kann sich schon im Selbstmitleid suhlen, wenn man darüber nachdenkt, was dieses Jahr alles hätte passieren können.

Absolut. Natürlich weiß man, dass es das Richtige ist, die Konzerte, Festivals abzusagen, aber es tut schon im Herzen weh. Klar, ich kann jetzt nicht aus der Künstler-Sicht sprechen, aber ich kann es mir ungefähr vorstellen wie das weh tun muss.
Jere: Trotzdem muss man sagen, dass wir unfassbar privilegiert waren. Wir hatten dieses Jahr 18 Shows. Ich glaube keine deutsche Band konnte dieses Jahr so viel spielen wie wir.

Wahnsinn! Hattet ihr für euch selber denn eigentlich von vorne rein geplant, dass ihr mit eurer Musik irgendwann mal so einen „Durchbruch“ erleben wollt? Bzw. das Ganze auf so eine professionelle Schiene machen wollt?
Olli: Als wir das erste Mal mit Jonas zusammengesessen haben & gejammt haben, meinten wir zu ihm, dass wir es wirklich ganz oder gar nicht machen wollen, weil wir alle an so einem Punkt waren, wo es sich einfach richtig angefühlt hat. Keiner von uns hatte auch Lust auf irgendwas anderes. Es war einfach immer dieser Drang da, das Ganze so weit zu bringen wie es irgendwie geht und die Chance wirklich einmal zu ergreifen. Es war schon eine Intention. Aber keiner von uns hätte gedacht, dass es so schnell klappt. Ich will nicht sagen, dass wir auf irgendeinem krassen Level sind, aber keiner hätte gedacht, dass wir das jetzige Level, wenn man es so nennen will, erreichen.

Kommen wir nochmal auf das leidige Corona Thema zurück. Jetzt wurde ja irgendwie plötzlich die Notbremse gezogen, die gesamte Musikbranche gerade ins Stocken. Wie geht’s euch? Was macht ihr? Habt ihr für euch einen Rhythmus gefunden, wie ihr damit umgeht?
Jere: Ich glaube, für uns alle war es am Anfang ziemlich gut, vielleicht entspannt. Es waren zwei Monate nur gehustle, nur durchgepowert, recht anstrengend auch. Geil natürlich, aber anstrengend. Da war es dann auch eigentlich schön diese Zeit zu haben und sagen zu können, jetzt chille ich mal. Jetzt gerade ist es einfach nur scheiße. Seit zwei Wochen ist es einfach nur eine Qual. Wenn man darüber nachdenkt, was hätte sein können. Die ersten Festival sind jetzt abgesagt worden [Stand des Interviews Ende April] oder sind jetzt verstrichen. Wir hätten jetzt schon in Köln gespielt. Das wäre jetzt alles passiert und dann wird es leider immer schmerzvoller. Aber wir versuchen das Beste daraus zu machen. Wir renovieren jetzt unseren Proberaum, wir schreiben ganz viel, sind kreativ und hören nicht auf weiter zu denken und weiter zu ackern. Aber das ist natürlich auf jeden Fall nochmal was anderes.

Bei mir ist es auch so, dass ich so kleine Momente zwischendurch habe, wo ich einfach nur hart abgenervt bin. Ich habe jetzt versuche mir so’n Rhythmus aufzubauen, wie ich meinen Tag am besten strukturiere. Weil ich persönlich kann nicht einfach nur rumhängen und nichts zu tun. Aber es kommen immer wieder die Momente, wo einfach alles reinkickt und ich nur genervt bin und mich frage, was das alles eigentlich soll.
Jere: Ja, das kann doch nicht sein, nä? Ich finde es so krass, dass die Welt bzw. die Natur uns f*ickt. Dass wir als Mensch merken, dass wir nichts wert sind, man hat nichts in der Hand. Ich finde das auch irgendwie gut mal zu merken. Man ist als Mensch bei sowas einfach nur ein ganz, ganz kleines Puzzleteil. Ich finde es auch heftig, als es so recht strikt wurde und es das erste Mal Kontaktverbot gab, da hat man es ja noch ernster genommen als ohne hin schon. Und da war ich drinnen, gucke raus und der Himmel sieben Tage lang blau, aber auch so ein blau, was ich noch nie gesehen habe. Das fand ich Wahnsinn, das war echt heftig.

Das stimmt, ich bin auch gerade in der Heimat, an der Nordsee und hier ist meist schlechtes Wetter, aber die letzten Wochen war einfach so gutes Wetter wie gefühlt seit ewigen Zeiten nicht.
Jere: Ja, man.

Passend in die momentane Zeit, auch wenn vielleicht nicht so geplant, habt ihr eure aktuelle Single “mit mir“ veröffentlicht, eine Trennungsballade. Es geht um das Allein sein und der Moment einer Schockstarre nach der Trennung. Auch die anderen Songs der neuen Alma-EP passen sich dem Liebes-Thema an, oder? Wie würdet ihr das beschreiben, gab es hier einen roten Faden, dem gefolgt wurde, wo lag der Fokus?
Jere: Also man schon sagen, dass es ein komplett Liebe-basiertes Ding ist. Textlich ist es ausschließlich die Verarbeitung einer Beziehung. Aber hoffentlich halt nicht in diesem Kitsch-Gewand. „schon okay“ war der Vorreiter der EP – im Januar schon und „mit mir“ ist jetzt der Anschluss. Jetzt folgt ziemlich bald wieder eine neue Single, „keine liebe“ wird sie heißen, am 15. Mai wird sie veröffentlicht und dann geht’s ab: Turn up 2021! (alle lachen)

Was eure Musik ja ausmacht sind meiner Meinung nach das starke Songwriting. Mögt ihr mal vielleicht mal erzählen, wie so’n Text oder auch Song bei euch entsteht?
Jere: Die Texte schreibe ich alleine, die sind schon ausschließlich autobiographisch. Einfach weil es wahrscheinlich am einfachsten ist und es ist bestimmt auch voll der egozentrische Move, aber ich habe eben ein Mitteilungsbedürfnis und das ist irgendwie tief verankert und die Kombination mit meinem Hang zur deutschen Poesie formt das Ganze. Maeckes feiere ich zum Beispiel unfassbar, Clueso finde ich stark. Heisskalt ist krass. Das was Matze textlich da fabriziert, hat mich nachhaltig so stark geprägt und umgehauen. Und musikalisch entsteht alles im Proberaum. Wir jammen einfach ganz viel und probieren Sachen aus. Inzwischen hat jeder seinen Arbeitsflow und jeder weiß was zu tun ist, um unseren Sound gewünscht zu konstruieren. Jeder weiß einfach Bescheid, was so abgeht. Aber es setzt sich wie so ein Puzzle zusammen. Es ist nicht so, dass ein Song schon komplett fertig ist.

Und was hört ihr privat für Mucke? Was braucht Musik, um euch so richtig zu catchen?
Olli: Ich finde es mega wichtig, dass Songs so eine Atmosphäre schaffen, einen Vibe. Tom Misch hat gerade ein neues Album rausgebracht „What Kinda Music“ und ich höre das den ganzen Tag rauf und runter. Ich finde es so genial. Es ist viel, viel muckeriger als sein erstes Album, aber es sind einfach so geile Vibes und jeder Song hat so eine Mood und das mögen wir alle gerne. Keiner von uns ist auf irgendein Genre festgelegt. Jeder hat so ganz viele unterschiedliche Dinge, aber was uns alle abholt sind Vibes und gutes Songwriting.

Jere: Ich finde es geil eine gute Hook zu haben. Eine richtig gute Hook und das ist nicht nur Eingängigkeit. Den Charakter einer guten Hook finde ich super interessant. Beispiel „Don’t Look Back In Anger“ von Oasis, das ist eine WAHNSINNS-Hook. Überleg mal, das ist so krank absurd geil. Und ich meine damit nicht die klassischen Schlager-cheesy-Dinger, sondern in einem neuen Gewand einen Ohrwurm zu entfalten, der nicht nervig, sondern cool ist. Und das geht auch nur in Kombination mit dem Vibe, den Olli angesprochen hat. Das sind auf jeden Fall so die zwei Hauptaugenmerke.

Wenn ihr den Newcomern da draußen noch einen Tipp mit auf den Weg in die große Musikwelt geben könntet, welcher wäre das?
Jerre: Das wissen wir selber noch nicht. (alle lachen)
Olli: Ich hätte gesagt nicht so laut schmatzen. (lacht) Ne, ist schwierig, weil ich glaube, dass wir selber gerade an dem Newcomer-Status kratzen, ich würde nicht sagen, dass wir den erreicht haben, Geschweige denn darüber hinaus sind.

Jere: Ja, ich weiß nicht, nach außen hin ist es immer nochmal was anderes: Wir haben jetzt die ersten EP, die erste Tour. Wenn man was sagen kann, dann durchziehen und nicht hängen. Es gibt so viele Hänger, gerade in unserer Generation. Die pennen lang, dann eine Runde Netflix.

Olli: Das Problem ist dann, dass sie eigentlich echt gute Musiker sind. Ich kenne so viele Leute, wo der gute Musiker in ihnen am Hänger in ihnen verloren geht. Wichtig ist da, jeden Tag den Arsch hochkriegen, jeden Morgen aufstehen, einen Kaffee machen und Songs schreiben.

Jere: Und dann passieren Dinge von ganz alleine. Wir sagen ja gar nicht, dass das Hängen an sich scheiße ist, es ist auch super berechtigt, aber wenn man Bock auf die Sache hat, dann einfach durchziehen, egal was es ist.

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Für die Bühne hat es leider nicht gereicht, deshalb schreibt Liv jetzt einfach über Musik.



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