Kritik

Veröffentlicht am 4.06.2020 | von Tobias

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WIE EIN FREMDER – Filmkritik

Im Dezember 2005 erklärt das legendäre Musik-Magazin Rolling Stone den hochbegabten Musiker und Frontmann Roland Meyer de Voltaire und seine Band Voltaire neben den Arctic Monkeys zur „schönsten Aussicht auf das Jahr 2006“. Es folgen weitere Vorschusslorbeeren, ein großer Plattenvertrag bei Universal und am Ende doch das grandiose Scheitern. Der Kopf der Band erleidet finanziellen und mentalen Schiffbruch und steht vor dem Nichts. Als er sich entscheidet, seine Wohnung aufzugeben und ohne festen Wohnsitz zu leben, kommen die Dinge wieder in Bewegung.

Ach, man erinnert sich noch ganz genau – 2005 war da plötzlich so eine Band: Voltaire. Tolle Songs, ein Frontsänger mit einer außergewöhnlichen Ausstrahlung und alle Indie-Kids waren sich einig, dass die Songs von Voltaire großartig sind. Man hörte die erste Singles, kaufte das erste Album, besuchte womöglich sogar ein Konzert der Band. Doch dann wurde es still und um ehrlich zu sein, richtig vermisste man Voltaire auch nicht. Zu groß war die Schwemme an neuen Bands aus UK, vielleicht hatte man auch einfach zu viel mit der eigenen Pubertät zu tun, um sich mit dem weiteren Werdegang der Band zu beschäftigen, wenn es nicht eh im Musikexpress oder dem Rolling Stone abgedruckt wird.

Die Dokumentation Wie ein Fremder, begleitet nun Roland Meyer de Voltaire auf dem Weg nach dem Hype und was aus dem Menschen geworden ist, der kurz davor war wirklich durchzustarten. Eine deutsche Popmusik-Geschichte ist deswegen auch der Untertitel dieses 5-teiligen Serien-Film-Doku. Unglaubliche 6 Jahre begleitete Regisseur Aljoscha Pause Roland, zeigt den Künstler ganz unten, seine Unsicherheiten und die Ideen wieder Fuss in der Musikbranche zu fassen.

Die Dokuserie zu schauen ist ein unglaublicher Spaß. Die Bilder sind wunderschön gestaltet, strahlen schon fast. Die Thematik ist wirklich schnell erzählt, doch was Pause hier geschaffen hat, lässt den Zuschauer gebannt zurück. Hier ist nichts langweilig, überzeichnet oder peinlich. De Voltaire spricht ehrlich, ohne großen Frust über den Absturz oder sagen wir besser: die verpasste Chance. Gleichzeitig wird aber auch viel über die Musikindustrie erzählt, in der nicht große Kunst im Vordergrund steht, sondern wie überall das liebe Geld. Wie kann jemand vermarktet werden, der eigentlich nicht vermarktet werden kann und nichts hat außer unglaubliches Talent. De Voltaire hat auch wirklich nicht viel mehr außer seine unglaubliche Musikalität. Kein großartigen Geschäftssinn, kein Wunsch sich in ein Getriebe zu ergeben. Musik, Musik, Musik – daran steckt die Tragik aber auch die Schönheit von dieser musikalischen Geschichte.

De Voltaire heißt nun Schwarz, schreibt englische Songs und nach dem Betrachten der Doku schämt man sich ein wenig, die alte Voltaire CD so lange nicht mehr eingelegt zu haben und mit geballter Faust wünscht man dem Künstler vielleicht jetzt, für immer von seiner Musik leben zu können.

Regie: Aljoscha Pause
Mitwirkende: Roland Meyer De Voltaire, Schiller, Madsen, Megaloh, Enno Bunger, Alina, Christian Neander.
DVD-VÖ: 5. Juni 2020, mindjazz pictures

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Über den Autor

Tobias ist 31, Schwabe aus Überzeugung, trägt aus Prinzip keine kurzen Hosen. Liebt Musik, Bücher, Filme und Schnitzel.



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