Reviews Jason Molina © Steve Gullick

Veröffentlicht am 5.08.2020 | von Elias Ott

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JASON MOLINA – Eight Gates

Jason Molina Eight Gates
Foto-Credit © Steve Gullick

Blackbird and thistle blue
Whose wilderness has my heartbreak wandered through?
Whose questions have I left to go unanswered?
It’s late, I know

(Jason Molina – Thistle Blue)

Was Jason Molina wohl über die USA im Jahr 2020 gesungen hätte? So sehr die Situation auch dazu herausfordert, stellt sich die Frage nicht etwa in Erwartung scharfzüngiger politischer Kommentare. Nein, den Folk-Songwriter zeichnete viel eher die Fähigkeit aus, den geisterhaften Schatten seines Mittleren Westens eine Gestalt zu geben, in die er innere und äußere Dämonen bannen konnte. Dass er 2013 seinen Kampf gegen erstere verlieren sollte, zurückgezogen aus dem Musikgeschäft und verschuldet für die Behandlungskosten seines Alkoholismus (wie etwa die Hälfte seiner Landsleute war er nicht krankenversichert), war 2008, als die Aufnahmen für das jetzt posthum veröffentlichten Solowerks Eight Gates entstanden, noch nicht abzusehen. Auch wenn Molina einen Teil der Songs in völliger Abgeschiedenheit schrieb – nach einem mysteriösen Spinnenbiss und nie bewiesenen Krankenhausbesuchen, die ihn nach seinem Umzug nach London in die Isolation zwangen: die Aufnahmen von Eight Gates stammen, ebenso wie das 2009 mit seiner Band Magnolia Electric Co. veröffentlichte Josephine bereits wieder aus dem Studio.

Zum Auftakt der teils fertiggestellten, teils nur skizzenhaften Aufnahmen erinnert nun Whisper Away mit seiner düsteren Spiritualität an den Grimm Nick Caves, eines weiteren zwischenzeitlichen Wahl-Londoners. Im Hintergrund wummert eine Orgel, darüber glimmt die E-Gitarre und lässt viel Platz für Molinas zerbrechlichen Tenor. Der kommt ganz ohne pastoralen Furor aus: ohnehin wandert Molina nicht nur mit seinen Spinnenbiss-Storys lieber auf den mystischen Spuren von Talk Talk’s Laughing Stock, als auf dem elektrischen Stuhl Platz zu nehmen. Dass auch ausgereiftere Tracks wie Shadow Answers the Wall, das mit seinen Drums und Bass noch am ehesten nach Band-Besetzung klingt, so reduziert bleiben, lässt vermuten, dass er hier die musikalische Brücke zwischen seinem Solo-Vorgänger Let Me Go Let Me Go Let Me Go (2006) und den Songs mit Magnolia Electric Co. suchte.

Auch Be Told the Truth oder Thistle Blue mit ihrer großen Leere und ihrem reduzierten Tempo kann man sich ohne Weiteres als Soundtrack eines JimJarmusch-Films vorstellen. Von all der Zeit, die sich die Stücke nehmen, hätte es doch noch viel mehr gebraucht – kaum in der einfachen Instrumentierung versunken, verklingen ein Song nach dem anderen schon wieder unter Vogelgezwitscher. Übrigens kein aus der Luft gegriffener Trick, sondern eher eine produktionstechnische Verneigung an die überlieferten Bänder und ihrer Entstehungslegende: so behauptete Molina, in seinem Hof eine Schar grüner Papageien, die Nachkommen einst von Jimi Hendrix in London freigelassener Ziervögel, gefüttert und mit dem Vierspurrekorder aufgenommen zu haben.

Auch in London ist er den morbiden Landschaften eines nächtlichen Mid-West-Amerika nicht entkommen: Fire on the Rail beginnt wie ein klagender Gospel, der dann von einer dunkel schimmerndern Gitarre eingefangen wird: „Fire on the rail / Engine, oh, my engine / Fire on the prairie / Dawn, who have we failed?“ Noch am beseelten, satter produzierten Americana von Magnolia Electric Co. orientiert, stößt Molina hier in die surrealen Welten vor, aus denen in den nächsten Jahren die Kanadier von Timber Timbre berichten sollten: „Blackbird and thistle blue / Whose wilderness has my heartbreak wandered through?“

Es fällt angesichts der kargen Zeilen von The Mission’s End („We’re all equal along this path“) oder der mahnenden Cello-Begleitung auf Old Worry schwer, die Songs nicht vor der Folie seines frühen Todes zu beurteilen. Umso mehr bedrückt es da, ihn zu Beginn von She Says mit dem Toningenieur scherzen zu hören: „The perfect take is just as long as the person singing is still alive“. Was darauf folgt, ist schnell in eine traurige Reihe mit Nick Drake oder Elliott Smith gestellt. Doch Molinas sparsames Songwriting, so kraftvoll wie berührend, steht für sich selbst. Sechs Zeilen können genügen, um eine Geschichte zu erzählen:

„Me“, she says, „was I the mistake?“
„Me“, she says, „was I the one?
The last full moon of the saddest year?“
„No, the saddest one’ll come“, she says
She says, „Has the whole world forgotten now?“
Closes her eyes“

Ihrem skizzenhaften Charakter geschuldet, eignet sich die halbstündige Sammlung wohl kaum für den Einstieg in Molinas reiches musikalisches Schaffen. Wer einen solchen sucht, wird eher auf dem im Januar veröffentlichten Konzertalbum Live at La Chapelle fündig. Auf dem mit einem einzigen Mikrofon aufgenommenen, außerplanmäßigen Auftritt aus dem Jahr 2005 gibt Molina einen ähnlich minimalistischen Einblick in die Werke von Magnolia Electric Co., mit denen er damals durch Europa tourte, und dem Vorgänger Songs: Ohio.

Trotzdem ist die Veröffentlichung des ungeschliffenen Materials gerechtfertigt – schließlich entstand schon ein Großteil der Aufnahmen mit Songs: Ohio außerhalb eines professionellen Studios, bevor Molinas Zusammenarbeit mit dem Produzenten Steve Albini begann. Jenseits jeder Legendenbildung erinnert Eight Gates an einen beeindruckenden Songwriter und seine Arbeit an einem vollwertigen, wenn auch nie beendeten Album. Schließlich können auch neun kurze Songs genügen, um (s)eine Geschichte zu erzählen.

Jason Molina – Eight Gates
VÖ 07. August 2020, Secretly Canadian
www.jasonmolina.com

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