Kritik

Veröffentlicht am 23.09.2020 | von Helena Barth

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DAVID COPPERFIELD – EINMAL REICHTUM UND ZURÜCK – Filmkritik

Love and loss are forever side by side.

(David Copperfield – David Copperfield)

The Personal History of David Copperfield erzählt, wie der Titel es bereits verrät, die Lebensgeschichte von David Copperfield. Von Geburt an über seine Kindheit und Schulzeit bis hin ins Erwachsenenalter. Eine Geschichte über das einfache Leben im frühen viktorianischen England, das Leben und die Menschen an sich auf ihren Wegen zu Glück und Selbstbestimmung. Im Zentrum der Erzählung steht zwar David Copperfield selbst, der von früh an das Schreiben und Beschreiben seines Umfelds und seiner Mitmenschen zelebriert, dabei sind es gerade die Menschen in seinem Leben, die es verdient haben Gehör zu finden und die ihn zu dem machen werden, der er sein will.

So wie einige klassische Werke der englischsprachigen Literatur, jüngste Beispiele sind Little Women (2019) und Emma. (2020), kommt nun auch die klassische Erzählung von Charles Dickens in einem neuen und aufregend farbenfrohen Gewand daher. Und so wie bei Little Women von Greta Gerwig und Emma. von Autumn de Wilde bleibt der Regisseur Armando Iannucci dem Stoff zwar weitestgehend treu, verleiht den Figuren und ihrer filmischen Umsetzung aber seinen ganz eigenen Charme. Wir folgen der titelgebenden Hauptfigur, die Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist. Copperfields moralische und charakterliche Entwicklung von Kindheit bis ins Erwachsenenalter wird dabei von den wichtigsten Menschen, die ihn zu unterschiedlichsten Phasen in seinem Leben begleiten, nachhaltig geprägt. Nicht jeder Mensch, den er trifft, ist auf Anhieb als klassisch gut oder böse zu kategorisieren. Am Beispiel verschiedener Figuren zeigt uns der Film, dass es ab und an bloß die Lebensumstände sind, die die Menschen dazu verleiten vermeintlich richtige oder falsche Entscheidungen zu treffen. Was richtig oder falsch ist, muss dabei jeder für sich selbst herausfinden und so auch David Copperfield, der von Dev Patel äußerst enthusiastisch verkörpert wird. Patel schafft es die Figur so überaus menschlich darzustellen, mit all seinen Fehlern und Eigenarten und lässt ihn mal mehr mal weniger sympathisch wirken, und dabei zu einem herzensguten und liebevollen Charakter auf dem Weg zur Selbsterkenntnis evolvieren. Die gesamte Besetzung, die ausschließlich aus britischen Darstellern besteht, überzeugt durch ihr Schauspiel und verleiht jeder Figur das gewisse Etwas. Sei es nun Copperfields schrullige Tante, gespielt von Tilda Swinton, die zu Beginn als unnahbar und zurückweisen auftritt, weil sie auf eine Nichte anstelle ihres Neffen gehofft hatte oder ihr liebenswerter und kauziger Untermieter/Cousin Mr. Dick, überaus charmant dargestellt von Hugh Laurie, der augenscheinlich an einer psychischen Störung leidet, diese jedoch nie der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Das gesamte Ensemble lässt ihre Figuren durch Mimik und Gestik zu unverwechselbaren Persönlichkeiten entfalten. Und dabei muss und kann man nicht alle ins Herz schließen, aber man versteht sie und ihre Handlungen.
Neben den stilistischen Elementen, die einen regelrecht in die Geschichte eintauchen lassen, wenn Copperfield den Zuschauer bildlich an seinen kreativen Schreibprozess teilhaben und seine Notizen für die anderen Figuren scheinbar unbewusst zur Realität werden lässt, sind es die Dialoge, die herausstechen und schlicht wunderbar sind. Da Copperfield sich im Verlauf der Handlung von den Menschen um ihm herum und ihren Worten inspirieren lässt, lässt er keine Möglichkeit aus viele seiner Gedanken zu verschriftlichen. Dabei entstehen überaus exzellente Wortspiele, die teilweise sehr subtil und fließend in die Dialoge übergehen.

The Personal History of David Copperfield ist ein herzlicher, positiver und überdrehter Film, der besonders Liebhabern des geschriebenen Wortes zu empfehlen ist. Teilweise wirkt der Film viel zu hektisch und man wünscht sich mehr Zeit um die zahlreichen Eindrücke an Bildern und Handlungssträngen intensiver wirken zu lassen. Doch ist es einfach eine Wonne den Figuren bei ihren verbalen Ergüssen zu lauschen. In der Kombination mit den farbenfrohen und lebendigen Bildern erschafft Iannucci ein Märchen voll von schönen Kulissen und prachtvollen Kostümen. Einzig das Ende wirkt dann doch zu märchenhaft und ein wenig forciert. Eine unkonventionelle Herangehensweise an eine klassisch zeitlose Erzählung, dessen Umsetzung vielleicht zu viel verspricht und sich dabei zu wenig Zeit lässt, doch sehr viel Liebe und vor allem Verständnis für die einzelnen Charaktere mit sich bringt.

The Personal History of David Copperfield (USA, 2019)
Regie: Armando Iannucci
Darsteller: Dev Patel, Tilda Swinton, Hugh Laurie, Ben Whishaw, Peter Capaldi, Aneurin Barnard, Morfydd Clark
Kinostart: 24. September 2020, Entertainment One Germany

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