Kritik

Veröffentlicht am 7.09.2020 | von Helena Barth

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LA VÉRITÉ – Filmkritik

„Aber ist es die Wahrheit oder ist es nicht die Wahrheit?“

(Charlotte – La Vérité)

Die alternde Schauspielerin Fabienne Dangeville (Catherine Deneuve), eine der Ikonen des französischen Films, veröffentlicht ihre Memoiren. Grund genug für ihre entfremdete Tochter Lumir (Juilette Binoche), die als Drehbuchautorin in New York lebt und arbeitet, samt Ehemann (Ethan Hawke) und Tochter (Clementine Grenier) nach Paris zu reisen um die Autobiographie ihrer Mutter auf Unwahrheiten zu prüfen.

Der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda beschäftigt sich in seiner ersten Auslandsproduktion abermals mit der in seinen japanischen Filmen oft verarbeiteten Thematik der Familie und ihrer vielfältigen Konstellationen. In La Vérité greift er diese familiäre Bindungen mit Fokus auf eine schwierige Mutter- Tochter- Beziehung auf. Fabienne, gespielt von Catherine Deneuve, ihres Zeichens selbst eine der großen Damen des französischen Films, lebt und brennt seit eh und je für ihre Schauspielkarriere. Dabei macht sie keinen Hehl daraus, dass sie eine der besten ihrer Zunft ist und selbst ihr Privatleben wird von ihrer Passion zum darstellenden Spiel dominiert. Ihre Tochter wirft ihr dabei vor nie Zeit für sie gehabt und sie seit Kindheitstagen zurückgewiesen zu haben, ganz anders als Fabienne es in ihrer Autobiographie mit dem plakativen Titel La Vérité, die Wahrheit, beschreibt. Wann, wenn nicht jetzt ist es an der Zeit die schwellenden Konflikte zwischen Mutter und Tochter zu lösen? Und wie das Leben so spielt, wird in Fabiennes aktuellster Produktion, einem Science- Fiction Film, ein Mutter- Tochter Konflikt thematisiert, in dem Fabienne jedoch ironischerweise die Tochter spielt.

Kore-eda schafft mit dem Film im Film-Schema mehrere Metaebenen in das eher unaufgeregte Familiendrama zu packen. Dabei wirkt die Handlung nie verkopft oder konstruiert. Deneuve spielt eine klassische Diva, die sich ihrer Vergänglichkeit als Schauspielerin bewusst wird und dennoch vor Hochmut strotzt. Ob und wie weit hier Parallelen zu Deneuves eigenen Schauspielkarriere gezogen werden können, ist jedem selbst überlassen, doch lässt sie es sich nicht nehmen mit diesem Image zu kokettieren. Binoche spielt die vernachlässigte Tochter, die ihre Mutter nun endlich zur Rede stellen will. Im Verlauf der Handlung schwindet jedoch ihre Wut und ihr Frust, die zu Beginn in ihr brodelten. Für eine kurze Zeit wird sie sogar die Assistentin ihrer Mutter und unterstützt sie in fast allem, was diese tut. Bis die Tochter der Mutter schließlich regelrecht die Worte in den Mund legt, indem sie für Fabienne das Skript für den Film, der ihr Leben ist, schreibt. Auch wenn tiefergehende Gefühle und große Worte im Spiel sind, die große Tragödie bleibt aus. So wie der Film selbst, der in der Metropole Paris spielt, auf große Aufnahmen verzichtet und uns in typischer Kore-eda Manier die alltäglichen Banalitäten, wie das gemeinsame Essen, das alle Beteiligten immer wieder zusammenbringt und verbindet, zelebrieren lässt. Dabei kommen Fragen nach Selbstdarstellung, Vereinsamung, Verantwortung, Schuld und Sühne auf, doch fokussiert sich Kore-eda nicht darauf Antworten auf diese zu finden, sondern auf die Menschen, die mit diesen Fragen zurecht kommen müssen.

La Vérité ist ein harmonischer und bedacht erzählter Film, der das Augenmerk auf die zwei Hauptdarstellerinnen und ihre großartige Leistung legt. Wie in vielen seiner Filme nutzt der Regisseur in die Geschichte eingebaute Interviews um die Menschen, die so wichtig sind, im wahrsten Sinne des Wortes in den Mittelpunkt zu setzen. Es wird viel geredet, vieles beobachtet und viel sinniert. Über die Schauspielkunst, über zwischenmenschliche Beziehungen und über das Leben an sich und wann das Leben beginnt die Kunst zu imitieren. Und fast immer in einem leicht lockeren und teilweise schon unbeschwertem Ton.

Kore-edas letztes Meisterwerk Shoplifters (2018), zeigte uns wie aus Fremden eine Familie wird, dass Seelenverwandtschaft manchmal Blutsverwandtschaft überwiegen kann und in wie weit man sich vor der Wahrheit verschließen darf. La Vérité, als eine eher heitere Ergänzung, bringt uns nahe wie verwandte Fremde wieder zu einander finden können und dass kleine erfundene Unwahrheiten, die man nicht allzu ernst nehmen sollte, dabei helfen. Für Fans von Autorenfilmen, von Kore-eda und allen, die es noch gerne werden möchten, ist La Vérité als Einstieg zu empfehlen. Wie Fabienne es in einer für den Film so charakteristisch doppeldeutigen Aussage beschreibt, kann dieser hervorragend zusammengefasst werden: „Auf Poesie kann man im Kino nicht verzichten.“ Wie auch im Leben.

La Vérité“ (Frankreich, 2019)
Regie: Hirokazu Kore-eda
Darsteller: Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Ethan Hawke

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