Kritik

Veröffentlicht am 9.10.2020 | von Helena Barth

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VERGIFTETE WAHRHEIT – Filmkritik

„The system is rigged. They want us to believe that it´ll protect us, but that´s a lie. We protect us. We do. Nobody else. Not the companies, not the scientists, not the government. Us.“

(Robert Bilott – Dark Waters)

Foto © FOCUS FEATURES

Cincinnati in den späten 1990er. Robert Bilott (Mark Ruffalo) ist Wirtschaftsanwalt und gerade zum Partner in einer großen renommierten Anwaltskanzlei befördert worden, als ihn ein Farmer (Bill Camp) aus seinem Heimatort um Hilfe bittet. Hunderte seiner Kühe vegetieren an einer unbekannten Krankheit dahin und er sieht die Schuld in dem benachbarten Chemiekonzern DuPont. Dieser hat über Jahre hinweg Unmengen an toxischen Abfall in der Umgebung, vermeintlich illegal, entsorgt. Bilott, dessen Kanzlei unter anderem auch für DuPont arbeitet, möchte diese Anschuldigungen zunächst völlig vorbehaltlos aufklären. Doch bei seiner Recherche stößt er auf immer mehr belastende Indizien, die ihn zu einem Umweltskandal sondergleichen führen.

Den Anstoß und realen Hintergrund für Dark Waters, im Deutschen Vergiftete Wahrheit, lieferte der in der New York Times erschienene Artikel The Lawyer who became DuPont´s Worst Nightmare aus dem Jahre 2016. Dieser schildert eine David gegen Goliath Geschichte, die vor zwei Jahrzehnten ihren Anfang nahm und noch kein Ende gefunden hat. Eine Geschichte, die nicht nur den zermürbenden und scheinbar ausweglosen Kampf eines Mannes erzählt, sondern die gesamte Menschheit betrifft. Regisseur Todd Haynes und Hauptdarsteller und Produzent Mark Ruffalo inszenieren ein klassisches Justiz- Drama, das zeigt in welch ungeheurem Ausmaß Menschen fähig sind aus puren kommerziellen Profit die Umwelt zu verschmutzen und Mitmenschen einer enormen gesundheitlichen Gefährdung auszusetzen. Da es sich hierbei um eine so wichtige, weittragende und vor allem komplexe Angelegenheit handelt, wird die Handlung von Todd Haynes komplett chronologisch und geradlinig wiedergegeben und sich primär auf Fakten und Wissenschaft gestützt. Trotz dieser Zugeständnisse ist der Filme weder leicht zu verfolgen noch zu verstehen. Der Zuschauer lernt, dass DuPont ein künstlich hergestelltes chemisches Gemisch entwickelt hat, das eine überaus hohe Widerstandsfähigkeit aufweist und sich quasi überall einsetzen lässt, so auch als Bestandteil einer Antihaft- Beschichtung für Bratpfannen, als prominentestes Beispiel wird im Film Teflon genannt. Diverse Tests und wissenschaftliche Studien haben jedoch ergeben, dass diese synthetisch hergestellte Substanz, deren Rückstände Menschen und Tiere über Nahrung aufnehmen jedoch nicht ausscheiden können, hochgradig krebserregende Eigenschaften mit sich führt. Und diese Fakten waren DuPont lange genug bekannt um die Produktion dieser gefährlichen Chemikalie einzustellen. Was, da unter anderem das Geschäft mit Teflon so profitabel war, niemals geschah. Nun können hier Vergleiche zu anderen bekannten Dramen und Thriller gezogen werden, die ebenfalls meist einen Einzelkämpfer portraitieren, der einen gewaltigen Umweltskandal aufklärt, hinter dem sich ein großes Unternehmen befindet. Und wer weiß, wie viele unbekannte und lebensbedrohende Stoffe ein so namenhafter Konzern wie DuPont, der in Dark Waters stellvertretenden für womöglich die gesamte Chemielobby stehen wird, nebenher entwickelt hat. Umso wichtiger ist es, dass es solche Filme wie Dark Waters gibt.

Obwohl der Handlungsverlauf fast überhaupt nicht spannungsgeladen daherkommt, ist Dark Waters im gewissen Sinne ein Thriller. Wenn auch ohne die typischen Merkmale, die sich sonst durch das Genre ziehen. Keine schnellen Tempowechsel, keine markanten Schnitte, keine dröhnende Musik. Dazu kommt die Farbgebung durch einen intensiven Blaufilter, der sich fast durch den kompletten Film zieht und das ohnehin schon trübe und bedrückende Gefühl verstärkt. Und so „blue“ fühlt man sich auch als Zuschauer die ganze Zeit über. Man wartet gespannt auf einen positiven Ausgang des Geschehens und kämpft sich regelrecht mit Mark Ruffalo durch den zähen und langwierigen Prozess, der gleichermaßen die Arbeit von Robert Bilott als auch den Film beschreibt. Als Robert Bilott portraitiert Ruffalo einen zunächst untypischen jedoch realistischen Helden, der auf den ersten Blick introvertiert wirkt, aber unermüdlich für Gerechtigkeit einsteht und dabei nicht nur körperlich, sondern auch seelisch von den Windmühlen, gegen die er kämpft, zermürbt wird. Das Drehbuch und vor allem die schauspielerische Leistung aller Beteiligten ist exzellent, während die Inszenierung leider eher gediegen und schleppend und einige Minuten zu lang ist. Umso schockierter ist man als Zuschauer, dass man nicht wenigstens mit einem Happy End belohnt wird. Doch genau dies ist mitunter die wichtigste Botschaft des Filmes, der Kampf ist eben noch nicht vorüber.

Vergiftete Wahrheit leistet exquisite Aufklärungsarbeit über eine gewichtige Thematik, die, so wie es im Abspann zu lesen ist, 99% aller Menschen betrifft. Und deshalb ist es so unabkömmlich diese Geschichte in jeglicher medialen Form erzählen zu können, damit im kollektiven Bewusstsein verankert wird, dass die Erde und somit fast alle ihre Lebensformen tagtäglich vergiftet werden und es an uns liegt, ein Heilmittel dagegen zu finden.

„Dark Waters“ (2019)
Regie: Todd Haynes
Cast: Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, Bill Camp, Victor Garber
Kinostart: 8. Oktober 2020

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