Kritik

Veröffentlicht am 17.11.2020 | von Julius Tamm

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GRETEL & HÄNSEL – Filmkritik

„Gretel, will we be allright?“ 

(Hänsel – Gretel & Hänsel)

Was eignet sich besser für einen Horrorfilm als eine Geschichte, die schon kleinen Kindern das Gruseln lehrt? Richtig adaptiert kann so aus einem düsteren Märchen ein noch viel düsterer Film werden. Regisseur Osgood Perkins bringt mit Gretel & Hänsel eine visuelle Meisterleistung auf die Leinwand, die leider an ihrer Story scheitert.

Gretel (Sophia Lillis) und ihr kleiner Bruder Hänsel (Samuel Leakey) führen ein gequältes, armseliges Leben. Die Mutter am Rande des Wahnsinns, so gut wie kein Essen und außer lüsternen Grafen niemand, der das Mädchen anstellen möchte. Am Tiefpunkt angelangt werden die beiden Kinder von der Mutter vor die Tür gesetzt mit der Aufforderung, selbst für ihr Wohl zu sorgen. Diesmal gibt es keinen Vater, der die Kinder in den Wald bringt, keine Brotkrumen, die den Weg nach Hause verraten und auch kein Lebkuchenhaus bedeckt mit Süßigkeiten. Auf der Suche nach Obdach und Essen begeben sich die beiden Aussetzlinge in den düsteren Wald, wo sie im Hungerdelirium auf ein einsames, schwarzes Haus treffen. Wer als Kind dem Grimm-Märchen aufmerksam gelauscht hat weiß, dass sich die Lage für Gretel und Hänsel ab jetzt noch verschlimmern wird. Doch Osgood Perkins lässt nicht alles in bekannten Bahnen verlaufen. So birgt die Hexe nicht nur Gefahr, sondern auch Erleuchtung für die Kinder und gibt nicht einfach nur das Abbild des Bösen.

Zwar schafft es Perkins auf diese Weise, Altbekanntes neu zu erzählen, doch es ist nicht die Story, wodurch Gretel & Hänsel strahlt. Es sind die Bilder, die dieser Film zeigt und die ihn so sehenswert machen. Perkins ordnet seine Szenen in symmetrischen Strukturen, die im völligen Kontrast zur chaotischen, wirren Handlung des Films stehen. Grade Linien, Achsensymmetrie und Darsteller*innen, die perfekt an den Bildmittelpunkt gestellt werden machen den Film zu einem optischen Genuss. Doch nicht nur aus ästhetischen Gründen wirkt die Symmetrie, sondern auch aus symbolischen. Kaum eine Szene vergeht, ohne dass in ihr ein Dreieck zu finden ist. Wahlweise steht das aufrechte Dreieck mit Spitze nach oben für eine höhere Macht oder männliche Energien – beides passende Elemente in dem feministisch angehauchten Werk. Doch leider reicht dieser wohldurchdachte visuelle Aufbau nicht, um den ganzen Film zu tragen. Zu lange braucht die Story, um sich zu entfalten, zu langatmig sind die anfänglichen Sequenzen bis es dann endlich in den Wald geht und zu viele Handlungsstränge werden nicht ausgenutzt. Was passiert mit der Mutter von Gretel und Hänsel? Wieso baut sich erst so spät eine Beziehung zwischen Hexe und Gretel auf? Und warum wird nicht differenzierter über das Hexenbild im Mittelalter gesprochen?
Gretel & Hänsel eignet sich dadurch weniger für einen gemütlichen Filmabend, für leidenschaftliche Cineast*innen hat er aber doch einiges zu bieten.

Regie: Osgood Perkins
Darsteller: Sophia Lillis, Samuel Leakey, Alice Krige, Charles Babalola
Heimkino-Start: 13. November, Capelight Pictures

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Über den Autor

Hat irgendwas mit Medien studiert, schaut gerne Filme und trinkt zu viel Tee. Schreibt für bedroomdisco, FRIZZ Darmstadt und bei hr-iNFO Online



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