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Veröffentlicht am 28.03.2022 | von Dominik

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Bedroomdisco Top Alben – April

Foto-© Max Wanger

Der Konzertkalender im April ist pickepackevoll – und auch der VÖ-Kalender hat das ein oder andere Highlight zu bieten – unsere Lieblingsalben des Monats:

1. Lucius – Second Nature (VÖ: 08.04.)

Seit 2007 schreiben Holly Laessig und Jess Wolfe, alias Lucius, ihre Songs, in dem sie sich in einer Art Kaffeeplausch zusammensetzen und miteinander besprechen, was ihnen derzeit durch den Kopf geht. Und während ihre beiden Alben Wildewoman (2013) und Good Grief (2016) zwar Allgemeinhin sehr wohlwollend aufgenommen wurde, uns aber nicht so wirklich zu packen wusste, scheinen die beiden bei den Arbeiten im Frühjahr 2020 so richtig unseren Sweetspot getroffen zu haben. Denn ihr neues Album Second Nature (VÖ: 8. April via Second Nature Records) trieft nur so von überschwänglichen Pop-Hymnen, die einen mit großer Geste umgarnen und so gar nicht mehr aus dem Gehör gehen wollen. Das von Dave Cobb und Brandi Carlile produzierte Album ist ein Porträt der Sängerinnen und Songwriterinnen Holly Laessig und Jess Wolfe, in dem sie ihre gegenseitigen Lebensveränderungen – Mutterschaft, Scheidung, ungeplante Karrierepausen – aufzeichnen und in Musik umsetzen. Berauscht vom Leben, voller starker Ohrwurm-Melodien!

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2. Wet Leg – Wet Leg (VÖ: 08.04.)

Der Spaß kommt beim britischen Newcomer-Duo Wet Leg nie zu kurz – und so zieht sich auch ein trockener Sinn für Humor durch das selbstbetitelte und heiß erwartete Debüt von Rhian Teasdale und Hester Chambers, die mit ihren beiden Singles Chaise Longue und Wet Dream kurzerhand zum heißesten neuen Eisen der Hype-Szene wurden. Doch bei aller kauziger Gassenhauerigkeit, sind Wet Leg alles andere als belanglose Eintagsfliegen – die Songs des Duos kathartisch, fröhlich, mitreißend punkig, werfen immer einen schonungslosen Blick auf Trends des heutigen Lebens, egal, ob es um Dating-Apps, Schönheitsideale oder die deprimierenden Momente zwischenmenschlicher Kommunikation im digitalen Zeitalter geht. Letztlich ragen die beiden ersten Singles auch im Album-Format weit über die restlichen Songs hinaus – trotzdem ist dem Duo eines der geschmackssichersten Debüts des noch jungen Jahres gelungen, das sie jetzt schon ganz weit oben in der Liste der Alben des Jahres-Anwärter einsortiert.

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3. Kae Tempest – The Line Is A Curve (VÖ: 08.04.)

Kae Tempest hat sich über die letzten Jahre als eine der künstlerischen Stimmen dieser Zeit etabliert – in Form der Veröffentlichung von vier Studioalben, einem Roman, einem Sachbuch, drei Theaterstücken und fünf Gedichtsammlungen. Nachdem ihr letztes Theaterstück Paradise 2021 am National Theatre in London wieder mit Lobeshymnen überschüttet wurde, kehrt Tempest im April wieder zurück zur Musik und veröffentlicht ihr neues Album The Line Is A Curve. Und für dieses hat Kae einen spannenden neuen Weg eingeschlagen: Tempest beschloss, an einem Studiotag je drei Gesangsaufnahmen in Anwesenheit dreier Generationen von Menschen zu machen: „Einem 78-jährigen Mann, den ich noch nie getroffen hatte, einer 29-jährigen Frau, der Dichterin Bridget Minamore, die eine gute Freundin von mir ist, und dann drei jungen Fans im Alter von 12, 15 und 16 Jahren, die auf einen Social-Media-Post geantwortet hatten.“ Außerdem sollte das neue Album ein „kommunizierendes“ Album werden, weshalb darauf auch Gäste in Form von Grian Chatten von Fontaines DC, Lianne La Havas, ássia, Confucius MC und Kevin Abstract von BROCKHAMPTON zu hören sind. Das lockerte letztlich die Songs auf, gibt dem Ganzen mehr Raum für Variationen, abseits von Kaes wie immer einnehmender Präsenz.

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4. Father John Misty – Chloë and the Next 20th Century (VÖ: 08.04.)

Am 8. April erscheint endlich das fünfte Father John Misty Album Chloë and the Next 20th Century! Der Nachfolger des 2018 erschienenen God’s Favorite Customer entstand zwischen August und Dezember im vergangenen Jahr und wurde von Joshua Michael Tillman geschrieben und aufgenommen, wofür er auch die langjährige Zusammenarbeit mit dem Produzenten und Multi-Instrumentalisten Jonathan Wilson wieder aufleben ließ. Auch Dave Cerminara kehrt als Toningenieur und Mischer zum kleinen Team zurück, das von Produzent Drew Erickson ergänzt wurde. Wir konnten selbst leider auch noch nicht mehr hören als die bisher veröffentlichten Singles, sind aber bei Tillman gewohnt zuversichtlich, dass uns da Großes ins Haus steht!

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5. HVOB – TOO (VÖ: 08.04.)

Wer nach all der Melancholie und der Stubenhocker-Stay-@-Home-Lockdown-Platten mehr nach etwas tanzbarem Exzess ist, der bekommt im April mit dem fünften Studioalbum von Anna Müller und Paul Wallner, alias HVOB genau das richtige Album gereicht! Ein wütender, zärtlicher, verletzlicher aber auch entschlossener Bericht über den Seelenzustand einer Generation, die sich auf der Suche nach innerer und äußerer Zugehörigkeit befindet. Das Album fängt ein Leben in der Zwickmühle ein, von eigenen und fremden Erwartungen bestimmt zu werden, mit dem permanenten Drang, sich aus diesem Konstrukt zu lösen. Soundtechnisch erkunden die beiden einen Raum der Extreme zwischen Aufbruch und Rückzug, zwischen Entschlossenheit und Selbstzweifel, der sich in düsteren Elektro-Beats und sphärischen Soundwelten entlädt, die mit den Vocals der Produzentin geschmückt werden.

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Newcomer:

1. Paula Hartmann – Nie verliebt (VÖ: 08.04.)

Der größte Pop-Hype hierzulande ist auf jeden Fall Paula Hartmann, emanzipierte sich die Schauspielerin doch mit ihren ersten Singles Nie verliebt, Truman Show Boot sowie Fahr uns nach Hause direkt zu einer der spannendsten Newcomerin, zeitgemäßer Sound und Sturm-und-Drang-Gefühlschaos inklusive. Von Oldschool Hip-Hop Samples bis hin zu modernen Trap Elementen, die von eingängigen Popmelodien mit Auto-Tune Charakteristik zusammengehalten werden, Paula Hartmanns Musik offenbart so viele Seiten wie sie selbst. Mit Geschichten, die sie selbst als „moderne Märchen in der Großstadt“ beschreibt. Irgendwo zwischen Tristesse und Euphorie.

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2. The Linda Lindas – Growing Up (VÖ: 08.04.)

The Linda Lindas spielten zunächst zusammen als Mitglieder einer Pickup-New-Wave-Coverband, die von Kristin Kontrol (Dum Dum Girls) für Girlschool LA im Jahr 2018 zusammengestellt wurde, und gründeten dann bald darauf ihre eigene Garage-Punk-Gruppe. Die Schwestern Mila de la Garza (Schlagzeugerin, jetzt 11) und Lucia de la Garza (Gitarre, 14), ihre Cousine Eloise Wong (Bass, 13) und eine Freundin der Familie, Bela Salazar (Gitarre, 17), entwickelten ihre Fingerfertigkeit als Stammgäste bei All-Age-Matinees in Chinatown. Dort spielten sie mit Original-L.A.-Punks wie The Dils, Phranc und Alley Cats und traten als Vorband für die Riot-Grrrl-Legenden Bikini Kill und Architect Alice Bag sowie die DIY-Heavyweights Best Coast und Bleached auf, und waren schließlich in einem Film von Amy Poehler zu sehen. Nun nutzten sie die Lockdown- und Homeschooling-Zeit, um nach einer gefeierten EP all die überflüssige Energie in den eigenen vier Wänden in ihr Debütalbum zu pressen, Mission accomplished! Zeitlos eingängige und coole Songs, die von allen vier Mitgliedern gesungen werden – jede mit ihrem eigenen Stil und eigener Energie.

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3. Pillow Queens – Leave The Light On (VÖ: 01.04.)

2020 gehörte die irische Indie-Rock Band Pillow Queens schon mit ihrem Debüt In Waiting zu unseren liebsten Entdeckungen, die Pandemie verhinderte allzu großes Wachstum, weshalb wir die Band mit ihrem Zweitwerk gerade noch so in der Newcomer-Kategorie aufführen. Für Leave The Light On hat sich die Band ausgiebig mit sich selbst auseinandergesetzt. Es ist ein einsames Album, das Gefühle von nächtlichen Autofahrten auf kleinen Nebenstraßen hervorruft, bei denen man die Ereignisse des Tages verarbeitet. Aber Einsamkeit bedeutet in diesem Fall nicht zwingend Alleinsein. Auf Leave The Light On wird die Einsamkeit ein warmer Raum zum Nachdenken, zum Meditieren. Das neue Album klingt gewaltig, aber es ist gleichzeitig sanft und intim. Es öffnet neue klangliche Perspektiven der Band aus Dublin – und lässt hoffen, dass die Band nun auch endlich die endgültigen Durchbruch schafft!

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Wiederkehrer: caroline – caroline

Seit 2017 entwickelt sich unter dem Namen caroline in London eine Band, die großzügig mit ihren Einflüssen umgeht und sich stetig in der (Weiter-)Entwicklung befindet. Midwestern Emo, Appalachen-Folk, minimalistische Klassik und die abwegigsten elektronischen Auswüchse finden sich als Einflüsse auf der Genre-Palette – da verwundert auch nicht, dass die Band, die 2020 in der Kategorie „Ones To Watch“ bei den AIM Awards gerade noch so von Arlo Parks überflügelt wurde, mittlerweile ganze acht Bandmitglieder zählt. Das diesjährige, selbstbetitelte Debütalbum der Londoner ist ein ungeschliffenes Insider-Tipp-Juwel, das man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man für ausartende Folk-Versatzstücke ein offenes Ohr hat.

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Über den Autor

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!



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