Interviews

Veröffentlicht am 13.05.2022 | von Anna Fliege

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MODERAT – Interview

Foto-© Birgit Kaulfuss

Moderat sind zurück, nature is healing. Nach einem halben Jahrzent Pause kehrt das Berliner Patchwork-Trio aus Sebastian Szary, Gernot Bronsert (Modeselektor) und Sascha Ring (Apparat) zurück und veröffentlicht das vierte Moderat-Album MORE D4TA. Mit Sascha sind wir zum Zoom-Interview verabredet, um darüber zu reden, wie blöd diese ständigen Online-Meetings mittlerweile sind.

Wie gehts dir, Sascha?
Generell sehr gut, es ist ja immer so aufregend, die Zeit, nachdem eine Platte fertig ist und man muss dann von einem hektischen Moment in den nächsten. Wir sind voll damit beschäftigt, die Liveshow zu proben, weil das ja auch ein großer Teil von der Band Moderat ist. Und wir natürlich nach 5 Jahren komplett vergessen haben, wie das geht.

Dann muss man jetzt erstmal wieder zusammenbauen, technisch und auch inhaltlich. Das haben wir jetzt alles geschafft und es ist ein guter Moment, jetzt kurz mal alle in den Urlaub zu schicken und wenn wir wieder zurückkommen, können wir das final proben. Ich habe meinen Frieden mit der größten Baustelle geschlossen. Das ist für mich eine ganz gute Erkenntnis.

Ist ja auch immer schöner Stress, wenn man weiß, dass man sich den selbst eingebrockt hat.
Während der Plattenproduktion ist es halt immer ein bisschen was anderes, weil da geht es wirklich komplett hoch und runter, ganz ambivalente Gefühle. An so einem Tiefpunkt hat sich Szary irgendwann mal bei mir geöffnet und meinte, dass er jetzt echt langsam zu fertig ist und das es anstrengend ist. Dann meinte ich naja bald fängt ja die Liveshow an und da ist alles nur schön, so ganz simplifiziert.

Wenn man jetzt nicht so wie ich früher jedes Mal extra nach dem Haar in der Suppe sucht, ist es eigentlich die Belohnung für alles: Wenn man rumfahren darf, man kriegt Feedback…eigentlich arbeitet man auf diesen Moment hin und den haben wir jetzt fast erreicht. Insofern, yeah!

Ich muss mich als riesiger Moderat-Fan outen und sagen: Schön, dass ihr wieder da seid! Was ich mich seit euerm ersten Comeback-Lebenszeichen gefragt habe: War es eigentlich 2017 irgendwie klar, dass es irgendwann weitergeht oder habt ihr euch das offen gelassen?
Nee, es war immer klar, auf jeden Fall, wir haben ja auch nicht gesagt wir trennen uns so. Wir haben schon ein bisschen auf das Wording geachtet und gesagt: Wir machen jetzt eine Pause, sind jetzt erstmal weg, wissen aber nicht, wann es wieder losgeht – und das entsprach wirklich hundert Prozent der Wahrheit, weil ich das persönlich immer ein bisschen pathetisch finde, wenn Bands sich trennen, ganz groß mit Tara und dann sind sie vier Jahre später wieder da

Andersherum ist es super frustrierend, wenn Artists es Pause nennen und dann hört man nie wieder was von denen.
Das ist natürlich auch frustrierend, wenn man hängen gelassen wird, ne?

Deshalb waren meine Erwartungen ziemlich niedrig, damit ich mich nicht am Ende selbst enttäusche. Umso schöne war es dann, als ihr eure Rückkehr angekündigt habt.
Wir haben uns auch wirklich 2 Jahre lang überhaupt nicht gesehen. Das war so mehr oder weniger die Produktionszeit für unsere Solo-Alben. Dann habe ich die beiden irgendwann mal wieder bei ihrer Berlin-Show getroffen und da haben wir so langsam angefangen, ein bisschen zu planen und haben uns dann zusammengerauft.

Das ist dann nach so einer relativ langen Zeit schon irgendwie ein Prozess. Wir hatten tatsächlich geplant, dass wir Ende 2019 mit dieser Platte anfangen und dann kam obendrauf diese Pandemie. Die, so zynisch das klingt, ziemlich gut in unseren Terminkalender gepasst hat. Dann ging das ganz gut in unserer Studio Blase.

YouTube video

 

Das höre ich immer häufiger von Künstler*innen, dass die Pandemie ihnen endlich mal Raum dafür geschaffen hat, sich wirklich Zeit zu nehmen.
Das ist der Konsens dieses ersten Jahres. Da haben die meisten, die sich das leisten könnten – das ist ja immer eine sehr privilegierte Position, endlich mal Ruhe gehabt. Raus aus dem Hamsterrad. Aber irgendwann fangen natürlich die Zukunftssorgen an, wenn du merkst, dass der Wahnsinn nicht mehr aufhört. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen unterhalten hab und übermäßig viele meinten: „Woah, endlich raus hier, ich toure die ganze Zeit!“. Alleine schafft man das ja nicht.

Man kann es irgendwann gar nicht mehr genießen, wenn man so von einem High zum anderen lebt. Jetzt geht der Stress wieder los und ich erwische mich hin und wieder dabei, melancholisch an diese Anfangszeit zurückzudenken.
Als ich mir mal vor 7 Jahren ziemlich fies mein Bein gebrochen habe und dann monatelang nur noch im Schneckentempo durch Berlin laufen konnte, habe ich mir geschworen, dass ich das mitnehmen will in die Zeit nach dieser Verletzung, weil es so toll ist, wenn man entschleunigt wird. Naja, ist dann verheilt und zack, hetzt man sich wieder total ab, trinkt jeden Tag Club Mate und ist dann noch hektischer, damit man noch mehr noch schneller schafft. Da ist man sofort wieder drin im Hamsterrad.

Fühlt sich das für Moderat grad denn an wie ein Neustart nach Pause und Pandemie?
Auf eine angenehme Art und Weise kommt einem das alles sehr vertraut vor. Man geht natürlich, also wahrscheinlich jeder von uns dreien, mit unterschiedlichen Erwartungen rein. Aber ich persönlich sehe dann so eine 5 Jahre Pause als Zäsur und danach kann man sich ja nochmal neu erfinden. Das ist nicht passiert, aber auch deswegen, weil man schnell gemerkt hat, dass man diese drei Typen in einem Raum reinsteckt und dabei sofort Moderat rauskommt. Ist ja auch schön. Hört sich vielleicht ein bisschen konservativ an.

Aber bei Moderat geht es von Anfang an darum, diese Energie zwischen drei Typen, die das eigentlich mal angefangen haben, damit sie zusammen abhängen können, sofort wieder funktioniert. Das ist etwas Tolles, das wir mehr oder weniger einfach laufen lassen haben. Wir haben natürlich versucht, um die Ecke zu denken, aber diese Neu-Erfindungs-Hirngespinste haben sich relativ schnell aufgelöst.

Ich habe gelesen, dass du dich von der Gemälde Galerie hier in Berlin hast inspirieren lassen.
Ich habe erst relativ spät entdeckt, dass Berlin so einen Fundus an altehrwürdigen Meistern hat. Ich war aber auch vor der Pandemie nie lang in Berlin. Aber dann fragt man sich auf einmal, wo die Inspiration jetzt eigentlich herkommen soll, wenn man nicht mehr reisen kann und in São Paulo über die Straße läuft.

Also habe ich versucht, meine Stadt neu zu entdecken, die Gemälde Galerie ist ein Beispiel davon. Da hängen ziemlich viele Früh-Renaissance-Bilder. Die finde ich wahnsinnig interessant, weil da so viel Symbolik drinsteckt, so viel Kleinteiliges, so viele Sub-Geschichten, viele auch wahnsinnig grausam oder kritisch.

Muss ja alles religiös sein, weil meistens die Kirche das in den Auftrag gegeben hat, aber da verschiedene Künstler irgendwie versucht haben, sich trotzdem irgendwie irgendwo unterschwellig mit einzubringen und das ist ziemlich interessant. Hieronymus Bosch ist ein ganz gutes Beispiel, da sieht man 30 verschiedene Dinge auf einmal, das ist wahnsinnig komplex.

Tendenziell ist interessant, wenn man in einer Galerie rumläuft und sich angeguckt, wie sich verschiedene Dinge über Generationen und Epochen immer wiederholen, die großen Themen sowieso. Natürlich gibt es immer Liebe, Hass und Krieg. Aber auch im Kleinen. Sachen, bei denen man dachte: jetzt bricht alles zusammen. Dann gehst du halt dahin und siehst, dass das alles in irgendeiner Form schonmal passiert ist und wie verschiedene Künstler das dokumentiert und sich einen Kopf darüber gemacht haben. Natürlich ist das nicht immer wahnsinnig beruhigend, sich sowas anzugucken. Aber trotzdem hilft es, im Großen und Ganzen einzuordnen, was uns passiert.

Was hat dich in der Pandemie so gar nicht inspiriert?
Natürlich diese wahnsinnige Endlosschleife. Die Nachrichten, die immer wieder dieselben waren, mehr oder weniger. Die Vielfalt ist scheinbar verloren gegangen. Als würde es nur noch Popmusik geben und alle brauchen Hits, die ganze Zeit. Die Frequenz, mit der immer wieder Neuigkeiten rausgehauen werden, ist auch ein bisschen das Thema von MORE D4TA. Alles wurde nochmal digitaler, schon allein zwangsweise dadurch, dass man sich ja nicht persönlich treffen durfte, aber auch so eine Entwicklung, die wahrscheinlich dadurch nochmal kurz einen kleinen Sprung gemacht hat. Ein Overkill in vielerlei Hinsicht, wir konsumieren digital wahnsinnig viel und man guckt noch viel mehr in Bildschirme rein.

Moderat live:
17.05.22 Leipzig, Werk 2
18.05.22 Leipzig, Werk 2
19.05.22 Köln, Carlswerk Victoria
20.05.22 Köln, Carlswerk Victoria
03.09.22 Berlin, Parkbühne Wuhlheide
29.10.22 Offenbach am Main, Stadthalle Offenbach
12.11.22 Stuttgart, Wagenhalle
13.11.22 Hamburg, Zeltphilharmonie

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