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Veröffentlicht am 16.06.2022 | von Ella Jungheinrich

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MELT FESTIVAL 2022 – Nachbericht

Foto-© Paula Hornickel

Wie jedes Jahr lockte das Melt-Festival in Ferropolis am vergangenen Wochenende ein internationales Publikum aus Indie- und Techno-Liebhaber:innen an. Für die diesjährige Runde wurden aber beabsichtigt deutlich weniger Tickets verkauft (im offiziellen Melt-Newsletter ist von 18.000 Gästen die Rede), um eine entspanntere, weniger überlaufene Atmosphäre zu ermöglichen. Wir waren vor Ort beim Melt 2022.

Los geht’s mit unserem Festival-Report: Mit viel Vorfreude auf das musikalische Erlebnis starteten wir am letzten Wochenende in Richtung Ferropolis um vier Tage das Melt mitfeiern zu können. „Am einfachsten kommt Ihr mit der Deutsche Bahn nach Ferropolis“, steht auf der Melt Website unter den Infos zur Anreise. Klingt gut in der Theorie. In der Praxis saßen wir mit einem wortwörtlichen Haufen weiterer Festivalbesucher:innen für zwei bis drei Stunden in Dessau am Bahnhof, da die Shuttle-Busse nicht auf eine so große Menge an Bahnfahrer:innen vorbereitet waren. Nach der Anlaufpanne und geduldigem Warten kamen wir am Donnerstagabend auf dem Campingplatz an. Dort war die Stimmung bereits vorfreudig aufgeladen.

Auf dem Campingplatz und dem Gelände fiel schnell auf, dass nicht wenige Besucher:innen auch dieses Jahr wieder einen weiten Anreiseweg auf sich genommen haben, um beim Melt dabei zu sein. Israel, die Niederlande und Australien waren vertreten und ganz vorn dran Besucher aus UK natürlich. Es war ein Wettstreit wer sich mehr rausgeputzt hat, die Festivalbesucher:innen mit ihren immer wieder spannenden Outfits oder das Festivalgelände, mit Lichtinstallationen an den alten Braunkohlebaggern, Glitzer, Waldoasen und der Rollerdisco. Egal wer gewinnt, beide Ergebnisse bleiben uns positiv in Erinnerung.

Aber jetzt zu unseren Erlebnissen der vier Tage in puncto Musik:

Donnerstag:

Arlo Parks verpassten wir durch die Verspätung am Shuttle. Alle, die es aber rechtzeitig zu ihrem Auftritt geschafft haben, schwärmten von ihrem authentisch sanftem Charakter und der Performance ihrer Indie-Pop Musik. Da als nächstes am Gremmin Beach Little Simz spielte, hatten wir keine Zeit dem verpassten Auftritt hinterherzutrauern. Little Simz oder SIMBI war als einer der Headliner gelistet und lieferte, wie erwartet, ein großartiges Konzert mit groovigen Beats ab. Man konnte spüren, dass viele angereiste Fans in der Menge waren, die genau wussten, wer hier spielt. Die nur zufällig reingestolperten Festivalbesucher:innen wurden ebenfalls mitgerissen. Es folgte ein Schlagabtausch am Gremmin Beach von Little Simz‘ Groove zur atmosphärischen House-Musik vom französischem Duo The Blaze. Bei der Musik von letzteren lohnte es sich die Augen nicht zu schließen beim verträumten Tanzen, um deren mühevollen Visuals nicht zu verpassen. Für uns ging es danach mit einem kurzen Abstecher zum Ende des Auftritts von UK Bass-Artist Sega Bodega und der Big Wheel Stage wieder in Richtung Campingplatz. Bei vier Tagen muss man die eigene Energie gut einteilen, weswegen wir vorsorglich und schweren Herzens auf das Gabber-Set von Gabber Eleganza auf der Paper Stage verzichteten und stattdessen schlafen gingen.

Freitag:

Am Freitag weckte uns die Sonne im Zelt eher als uns lieb war. Zumindest war nun ausreichend Zeit, um im Gremminer See abzutauchen und anschließend auf dem Club Floor am Campingplatz tanzend in der Sonne zu trocknen, bevor das Freitagsline-Up startete. Ein gelungener Nachmittag bis dahin.

Später am Freitag eröffnete Eli Preiss die 30KV Stage mit ihrem Mix aus von 90’s inspiriertem R&B, und Trap gefolgt von UK-Rapper:in Dua Saleh. Die bei Dua Saleh noch überraschend leere Fläche vor der Bühne füllte sich rapide vor dem Auftritt des Goth-Pop-Techno Duos Ascendant Vierge aus Frankreich. Immer mehr Besucher:innen strömten zur 30KV Stage in großer Vorfreude in Ekstase zu tanzen. Die Stagetime und Bühnenwahl fanden wir etwas unpassend. Ascendant Vierge hätte mit Leichtigkeit eine der größeren Bühnen zu einer späteren Zeit als 19:45 füllen können. Auch wenn wir von der Soundqualität etwas enttäuscht waren, das Duo hat genügend Fans zum Tanzen gebracht, inklusive eines kleinen Moshpits.

Al kleines Mankos der 30KV Stage als Plattform für Newcommer:innen fiel auf, dass der von Hauswänden und Containern umringte Bereich nicht immer mit der Akustik glänzte. Schall und Übersteuerung trugen zu nicht Lupenreiner Soundqualität bei. Unterm Strich war der Bereich für die meistens Acts nach 19:30 Uhr etwas klein und schmal geraten, wodurch die Sicht auf die Bühne nicht optimal war. Dafür glänzte der Bereich mit Street Art Dekoration mit Liebe zum Detail.

Die schwierigste Entscheidung am Freitagabend kam im Line-up auf als jeweils Tom Misch und Yves Tumor & seine Band sowie Fred Again… und Boy Harsher parallel spielten. Wir teilten uns auf und beide Seiten waren von ihrer Wahl begeistert. Yves Tumer erfand sich selbst neu als Glam-Rocker und ließ sich vermutlich hier und da für seine Bühnenperformance von Bands wie KISS inspirieren. Wem Yves Tumor zu experimentell war, konnte sich zu Tom Misch‘s entspannten und groovy Beats gesellen, die deutlich weniger experimentell waren.

Folgend brachte Fred Again… sein Publikum einerseits zum Tanzen, andererseits zum Schwelgen zwischen Melancholie und Glücksmomenten. Etwas dunkler hallte die Musik bei Boy Harsher mit deren ähnlich verträumten und tanzbaren Klangwelten aus Synthpop und Dark Wave Klangwelten.

Der Liquid Jungle ging dieses Jahr in die erste Runde als zusätzliche Bühne im Wald und bot Raum für Live-Jazz-Musik und organisches DJing. In puncto Live-Jazz Musik ist uns besonders ZFEX aka Zeitgeist Freedom Energy Exchange geblieben, die zusammen mit Sängerin GOTOPO unsere Hüften zum Schwingen brachten. Gleich darauf im Programm, ein großer Umschwung zum Rapper ALBI X und seine Crew, der die Menge mit seinen Rhythmen mindestens genauso wild in Schwung brachte, wie davor. Selten haben wir eine so energetische Performance gesehen wie bei ALBI X am Freitag.

Samstag:

Der Samstag startete auf dem Festivalgelände mit einer Performance von Viko63 & Penglord, die eher aus Playback als Live-Auftritt bestand. Zum Tanzen hat es für das Publikum definitiv gereicht, wobei einen ironischen Touch haftete das Ganze doch etwas an. Der Samstag fühlte sich für Indie-Liebhaber:innen wie ein Tag zum Durchatmen an, da das Line-up nicht viel Anlass gab zwischen den Bühnen hin und her zu hetzten. Verstärkt wurde dieser Eindruck als PinkPantheress krankheitsbedingt kurzfristig ihren Auftritt absagen musste. Bis es wieder Zeit für das DJ-Line-up war, standen noch Trap-Rapper Symba und Cloudrapper Young Lean auf dem Plan.

Die (Roller)Disco stellte an jedem Tag einen Treffpunkt zum Feiern. Die Endorphine flogen aber selten mehr auf der Stage als beim Set von DJ Heartstring. Der Platz in der Rollerdisco reichte schnell nicht mehr aus und die Tanzfläche wurde rund um die Area erweitert. Im Kontrast dazu verlor Peggy Gou große Teile ihrer Crowd mit dem langsamen Start in ihrem Set aus minimalistischem House. Wer aber lang genug blieb, konnte doch noch hören wie Peggy Gou’s Set innovativer und schneller wurde …wurde uns gesagt. Wir waren schon auf dem Weg zum Zelt. Nach einem so energetischen Set wie bei DJ Heartstring holte uns Peggy Gou, entgegen unseren Erwartungen, nicht mehr ab an diesem Abend.

Sonntag:

Der Sonntag sah aus wie ein Feuerwerk oder ein krönender Abschluss für Indie-Fans. Schade, dass für so viele der Sonntag schon als Abreisetag galt. Der Zeltplatz leerte sich zwar, aber die Stages blieben paradoxerweise gewohnt voll. Unsere Neuentdeckungen auf der 30KV Stage am Sonntag waren Sad Night Dynamite und Priya Ragu. Sad Night Dynamite zählt eigentlich eher als eine persönliche Neuentdeckung. Denn die beiden Briten spielen bereits auf dem Glastonbury Festival. Ein Geheimtipp ist das also längst nicht mehr. Das Duo aus dem kleinen Ort Somerset erweckt mit ihrer Musik das Gefühl etwas Innovatives und Neues zu kreieren, während sie trotzdem Pop-Elemente als Grundgerüst ihrer Dub-Hip Hop Kreation nutzen. Priya Ragu mixt Elektro-R&B mit Tamil Folk. Gemeinsam mit ihrer Band herrscht eine harmonische Stimmung auf der Bühne während Priya Ragu ihre Musik spielt, eine Mischung aus kontemporären and traditionellen Elementen.

Zurück zur Mainstage am Gremmin Beach spielt BIIG PIIG. Die Sonne scheint. Einige Tanzen, andere Sitzen im Sand und hören entspannt den spanischen oder englischen Songs von BIIG PIIG zu. Es scheint, als würden alle den Moment genießen. Goldlink löst BIIG PIIG ab. Es kommt zu einem Moshpit. Sand fliegt durch die Luft als Goldlink zu dem Playback seiner Songs rappt. Die Bühnenshow wirkt trotzdem minimalistisch bis lieblos. Auf der großen Mainstage ist nur ein DJ mit seinem Pult und der Rapper Goldlink und viel schwarze Wand, die sonst mit den Visuals der Künstler:innen gefüllt wird.

Nach all der guten Stimmung fällt es fast schon schwer sich auf Tirzahs Auftritt einzulassen. Gefühlvoll mit gehauchter Stimme performt sie ihre Songs. Es dauert aber mindestens zwei Songs, bis man sich der Stimmung und ihrem Tempo anpasst. Das wirft die Frage auf, ob die Stagetime passend für Tirzah gewählt war.

Direkt im Anschluss kommt wieder ein großer Wechsel im Tempo als Partiboi69 auf der Big Wheel Stage auflegt. Das Ende vom Melt 2022 rückt langsam, aber immer deutlicher näher. Das ist einerseits sehr schade, andererseits werden sich unsere Atemwege freuen weniger Staub einzuatmen. Durch das neue Bühnenkonzept sind die Hauptbühnen nicht mehr zwingend auf Asphaltgrund. Da dieses Jahr zusätzlich das Wetter mitspielte und die Sonne schien, glichen Raves oder gelegentliche Moshpits einem Sandsturm auf manchen Bühnen.

Bei Jamie xx lässt sich der Gedanke an die baldige Heimreise vergessen. Für einen Runden Abschluss stand die Wahl zwischen den wummernden Bässen bei Ellen Alien auf der Big Wheel Stage oder einem Disco House Set mit Honey Dijon auf der Ping Pong Stage. Wir konnten uns nicht entscheiden und statteten beiden Acts einen Besuch ab. Müde und mit einem Lächeln im Gesicht stapften wir zum letzten Mal den Weg am Gremminer See entlang zum Campingplatz.

Neben den musikalischen Events wurde ein kleines Örtchen namens Fair(ropolis) errichtet. Dort gab es am Wochenende ein buntes Angebot von Yoga-Sessions bis kulturellen Austausch. Für unseren Abreisetag am Montag war dann die Food-Sharing Station der Tafel wichtig, wo übergebliebenes Essen gespendet werden konnte. Genauso praktisch wie sinnvoll.

Unterm Strich: unser Fazit zum Melt 2022

Das Melt versuchte in der diesjährigen Runde besonders seinen Schwerpunkt auf Diversität zu setzten. Zusätzlich legte das Festival-Booking großen Wert darauf, Newcommer:innen eine Plattform zu bieten, sei es im Bereich Radio oder Artist spezifisch aus Berlin. Besonders fiel auf, dass auch junge Künstler:innen im Line-up zur Prime Time platziert wurden, wie das bei Symba, PinkPantheress oder Arlo Parks geschah. Alle drei sind erst 22 oder 23 Jahre alt. Im Punkt Gender nimmt das Melt erfrischende Vorbildrolle ein, besonders im Vergleich zu den Schwesterfestivals Hurricane / Southside oder Rock am Ring / Rock im Park. Das Booking schaffte es ein einseitiges männerdominiertes Line-up bei den DJ-Auftritten und Indie Bands zu vermeiden. Beim Melt wurde ein Raum geschaffen in den sich jede(r) Künstler:in möglichst frei entfalten konnte, unabhängig deren Gender, sexueller Orientierung oder anderen Kategorien. Eine Drag Show schaffte es wieder ins Line-up und die Pornceptual Stage bot weitere Möglichkeiten sich auszutauschen oder an gesellschaftskritischen Non-Music Acts teilzuhaben.

Die niedriger geplante Besucher:innenzahl entspannte das Beisammensein und Tanzen auf dem Festivalgelände spürbar. Hinzu kamen das neue Bühnenkonzept und das diversere und umfangreichere Booking des Line-ups. Die Faktoren trugen zusätzlich zu dem Verstreuen der Menge bei.

Trotz Lob für die Diversität des Line-ups, war dieses an manchen Stellen unglücklich geplant. Natürlich können bei 250 Artists nicht alle Künstler:innen am Freitag oder Samstag zur Prime Time spielen, trotzdem war es verwunderlich, dass Headliner wie Little Simz und Arlo Parks bereits am Donnerstag auftraten. Das diente dann als steiler Start für alle, die eher anreisen konnten, war aber schade für alle, die im Shuttle-Bus-Anreise-Stau saßen oder erst am Freitag ihren Weg nach Ferropolis fanden.

Als ein Highlight entpuppte sich unerwarteterweise die (Roller)Disco Stage, auf der am frühen Abend mutige freiwillige ihre Dance Moves auf Rädern präsentieren konnten oder sich zumindest vorsichtig rantasteten. Aber als zu späterer Stunde DJ’s dort auflegten stürmten die Massen Richtung (Roller)Disco Stage, bis der Ort zu einem „Geht immer“ Fühl-gut-Ort wurde.

Das Melt mit seinem selbstgewählten Motto #Anewworld will anscheinend eine Brücke schlagen zwischen den großen Indie-Festival und einem kleinen authentischen Techno Festival im Wäldchen. Wir finden das ist gelungen. Neben einigen Lieblingskünstler:innen, die es vorher bereits in unsere Spotify Playlist geschafft hatten, haben wir auch haufenweise neue Musik entdeckt. Besonderes Lob geht an dieser Stelle nochmal an den Liquid Jungle Stage. Die neue Waldbühne mit gemütlichen Sitzgelegenheiten und Seeblick schaffte in Kombination mit dem Live-Jazz Konzept eine ganz besondere Atmosphäre.

Das Melt erfand sich neu im Jahr 2022. Genau in dem Maße, dass die Spannung nicht verloren ging, aber die Veränderungen waren nicht so tiefgreifend, dass das Melt Festival nicht wiederzuerkennen wäre. Für das nächste Jahr wünschen wir uns einen besseren Shuttle Service und tanzfreundlichere, weniger staubige Bühnen. Ansonsten sind wir auch 2023 wieder dabei, wenn das Melt die Grenzen zwischen Genre, Musik und Menschen verfließen lässt.

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