Musiknews

Veröffentlicht am 15.06.2022 | von Anne Beier

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TEMPELHOF SOUNDS – erfolgreiche erste Runde

Foto-© Sebastian Madej

Es ist fast schon ein Akt der Rebellion, während des Pandemieschlafs einer gesamten Branche ein neues Musikfestival aufzusetzen. Das Team von FKP Scorpio, Loft Concerts und DreamHaus hat es dennoch gewagt – und gewonnen. Am Wochenende feierten rund 30.000 tägliche Gäste beim Tempelhof Sounds die Headliner Florence + The Machine, The Strokes und Muse plus 45 weitere Acts und lösten während des Sets von Florence Welch sogar ein kleines Erdbeben für die Nachbarschaft aus. Konzipiert war das Wochenende als dreitägiges City-Festival mit Gitarrenfokus für eine breite Altersspanne – um nicht zu sagen, für die Leute, die an viele Namen auf dem Programm nostalgische Erinnerungen hegen.

Das hat geklappt. Es traten mit The Libertines, Maxïmo Park, Two Door Cinema Club und Interpol einige Bands auf, deren Alben die “goldene Zeit des Indie“ in den 2000ern geprägt haben. Und so konnte man beobachten, dass alternde Frontmänner offenbar ein Faible für Hüte haben und einige noch richtig loslegen: allen voran Paul Smith von Maxïmo Park, Julian Casablancas von The Strokes und John Engelbert von Johnossi. Der Auftritt von Pete Doherty und seinen Libertines bleibt jedoch vor allem wegen eines großartigen Carl Barât in Erinnerung, während Muse einfach ein bisschen zu viel Pathos und Pyrotechnik für das Jahr 2022 mitgebracht hatten. Florence + The Machine wirkten im Gegensatz dazu am Freitagabend so aktuell wie nie.

Allerdings hat das Booking nicht nur rückwärts geschaut. Mit Fountaines D. C., Courtney Barnett, Sophie Hunger, Kat Frankie, Wolf Alice, Middle Kids und den Parcels gab es auch viele etablierte Künstler:innen zu hören und zu sehen, die zu 100% im Heute verwurzelt sind. Vor allem in den frühen Festivalstunden konnte man außerdem neue Bands entdecken, die absolut abgeräumt haben. Vor der Kulisse des ehemaligen Berliner Flughafens unter der Sonne My Ugly Clementine, den absolut großartigen Black Honey, einem ekstatischen Barns Courtney, der souligen Bow Anderson oder den lauten Pillow Queens aus Irland zuzuhören, gehörte zu den schönsten Momenten des Wochenendes. Eben gerade, weil die Menge so angetan und gleichzeitig friedlich-respektvoll war, dass man sogar vor der Bühne entspannt tanzen konnte.

Das lag vielleicht auch an einem cleveren Design des Geländes. Die drei Bühnen lagen so nah beieinander, dass man in 2 Minuten die Location wechseln oder sich einfach nur umdrehen konnte. Im Wechsel wurden die große Supersonic-Stage oder die beiden kleinen Bühnen bespielt. Zwischen den lauten Gitarren hat der Ablaufplan mit Acts wie Freya Ridings, Mighty Oaks, Alt-J und dem eindrucksvollen Set von Big Thief immer wieder für ruhige Momente der kollektiven Besinnung gesorgt.

Überhaupt lief das Wochenende fast schon erschreckend entspannt. Weder am Einlass noch an den Bars oder Toiletten gab es außer zu den absoluten Stoßzeiten lange Schlangen. Der Betonboden strahlte zwar ordentlich Hitze ab, verwandelte sich im Gegenzug aber auch nicht in eine Schlammwiese. Die Toiletten waren zu fast allen Zeitpunkten sauber, es gab Trinkwasserstationen, wirklich schöne Essenstrucks und kein Jahrmarktfeeling. Die Preise waren eher teuer – ein Bier kostete 6 €, Essen gab es für ca. 7-13 €. Das Personal war superfreundlich und gut gelaunt. Das traumhafte Wetter weckte jedoch den Wunsch nach mehr Schattenplätzen. Die Flächen unter den Sonnenschirmen waren durchgehend belagert. Wer hier nicht an Kopfbedeckung und Sonnencreme gedacht hat, war leider aufgeschmissen.

Wir freuen uns, dass die Rückkehr des Tempelhof Sounds für 2023 bereits bestätigt ist. Das Tempelhofer Feld hat sich als ideale Location für so eine Großveranstaltung beweisen können, nachdem die dort stattfindenden Ausgaben des Berlin Festivals und des Lollapaloozas eher gemischte Gefühle hinterlassen hatten. Auch das Nachhaltigkeitskonzept und der Fokus auf ein Booking mit einem absolut nennenswerten Frauenanteil sind gelungen. Für die nächste Ausgabe wünschen wir uns lediglich, Diversität multidimensionaler zu betrachten – die Bühnen war sehr weiß und sehr hetero. Trotzdem: Das Experiment war erfolgreich. Wir sehen uns im nächsten Jahr.

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