Bedroomdisco Top Alben – November

Foto-© Shervin Lainez

Puh, da sind wir gerade erst in den letzten Wochen von einer Highlight-Veröffentlichung zur nächsten gehechelt, gibt es im November gleich noch mal einen Alben-Marathon zu absolvieren. Unsere Top-Alben des Monats, bevor wieder die arg besinnliche Weihnachts-Playlisten-Zeit ablöst:

1. Phoenix – Alpha Zulu (VÖ: 04.11.22)

Die Franzosen von Phoenix entwickeln ihren ursprünglich als melodischen Indie-Pop daherkommenden Euphorie-Mix in den vergangenen Jahren immer weiter, experimentieren mit Sounds, Samples und Genre-Ausbrechern, um in 2022 ein neues Update zu geben. Während der Titeltrack und die erste Single Alpha Zulu als vielleicht etwas zu überdrehter Mix daherkam, besinnen sich Thomas Mars (Gesang), Christian Mazzalai (Gitarre), Laurent “Branco” Brancowitz (Gitarre, Keyboard) und Deck d’Arcy (Bass, Keyboard) auf ihrem neuen Album dann aber doch wieder auf eingängige Melodien – und sich als Band und Gemeinschaft. Umso mehr, da sie mit dem 2019 verstorbenen Produzenten Philippe Zdar einen langjährigen, wie prägenden Verbündeten verloren haben. „Wir hatten viele Momente, in denen wir seine Ideen spüren konnten. ‚Jeté!‘, das ist ein Wort, das er sagen würde, wenn man etwas sehr schnell verwirft“, erinnert sich die Band. Zum Glück haben sie nicht zuviel verworfen, denn auf Alpha Zulu klingen sie mehr denn je nach Phoenix, irgendwie futuristisch, mit großer Pop-Affinität und doch auch irgendwie mit ihrem ganz eigenen Trademark-Sound.

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2. First Aid Kit – Palomino (VÖ: 04.11.22)

Die schwedischen Indie-Pop-Schwestern First Aid Kit lachen der düsteren Fratze der Pandemie mit ihrem wohl poppigsten Album ins Gesicht. „Es ist die erste Platte, die wir in Schweden aufgenommen haben, seit wir vor 12 Jahren unser Debütalbum The Big Black & The Blue produzierten. Wir haben mit dem schwedischen Produzenten Daniel Bengtson in seinem schönen Studio Rymden in Stockholm zusammengearbeitet. Es war so eine lustige Erfahrung. Wir haben uns wirklich viel Zeit genommen, wir wollten nichts überstürzen. Die Songs wurden größtenteils während der Pandemie geschrieben. In solch dunklen Zeiten fühlte sich Musik wie eine Flucht vor all den schrecklichen Dingen an, die auf der Welt vor sich gingen. „Wir wollten, dass sich dieses Album optimistischer und fröhlicher anfühlt als unser vorheriges Album Ruins, das ein Break-up-Album war. Es ist wahrscheinlich unsere bisher am poppigsten klingende Platte. Wir haben uns überall inspirieren lassen – alte Acts wie Fleetwood Mac, Carole King, Tom Petty, T Rex, Elton John, aber auch Angel Olsen, Whitney und Big Thief. Der Titel ist eine Anspielung auf die Freiheit und das Lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Älter werden und sich in der eigenen Haut wohler fühlen. Davon reiten auf einem Palomino!“ Dem gilt es nichts hinzuzufügen – außer, dass das extrem gut klingt und tut!

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3. Christine and the Queens – Redcar les adorables étoiles (prologue) (VÖ: 11.11.22)

Frankreich die zweite: Christine and the Queens ist zurück, mit neuem Album und mit einem neuen Namen: Redcar. Da würde man nun einen großen Knall erwarten. Tatsächlich wurden sowohl das Album als auch die dazu angekündigte Tour im Geiste der großen Rock-Oper in einem monatelangem Prozess erarbeitet und mit dem US-amerikanischen Hip-Hop-Produzenten Mike Dean aufgenommen, der schon mit Beyoncé, Lana Del Rey und Jay-Z zusammenarbeitete. Der Sound des Albums schwebt irgendwo zwischen Bowie, Björk und Kate Bush: Mal ausschweifender Elektro-Pop, dann wieder ganz zurückgenommen. Dann erinnert man sich an das Erbe des französischen Chansons, das unter der „artsy“-Decke immer wieder durchscheint. Ganz im Sinne der Rock-Oper erzählt das Album eine Geschichte, und obwohl der Bass auch diejenigen mitträgt, die kein Wort Französisch verstehen, lohnt es sich, genau hinzuhören. Ob nun Christine and the Queens, Chris oder Redcar: Auf Redcar Les Adorables Étoiles beweist der Künstler wieder den außerordentlichen Facettenreichtum, für den bereits das Debüt 2014 gefeiert wurde und macht sich nebenbei weiter an die Zerstörung des Systems, das Geschlechtsidentitäten als etwas Fixes begreift. Der Zusatz „prologue“ im Titel legt nahe, dass er damit noch lange nicht fertig ist.

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4. Weyes Blood – And In The Darkness, Hearts Aglow (VÖ: 18.11.22)

Natalie Mering, alias Weyes Blood, hat sich in den letzten Jahren einen Namen mit ihren Alben gemacht, versprechen die Songs der US-Amerikanerin doch immer wieder abwegiges, wie pompöses. So auch der zweite Teil ihrer Trilogie, die an den Vorgänger Titanic Rising anschließt. Während dieses eine Beobachtung des bevorstehenden Untergangs war, geht es in And In The Darkness, Hearts Aglow darum, mittendrin zu sein: eine Suche nach einer Fluchtmöglichkeit, die uns von Algorithmen und ideologischem Chaos befreit (Spoiler-Alarm: das nächste Album wird von Hoffnung handeln). „We’re in a fully functional shit show“, sagt Mering. „My heart is a glow stick that’s been cracked, lighting up my chest in an explosion of earnestness.“ Wer hier chaotische Zustände erwartet, irrt sich, denn die atemberaubenden zehn neuen Songs wirken als würde Weyes Blood hier das passende Gegenstück zu Father John Mistys Prachtwerk God’s Favorite Customer liefern.

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5. Gold Panda – The Work (VÖ: 11.11.22)

Der britische Sound-Tüftler Derwin Dicker, alias Gold Panda, besitzt seit jeher ein Talent dafür Emotionen mit seine Electronica-Entwurfen zu verknüpfen. Sechs Jahre hat er sich Zeit gelassen, um sich selbst und seine musikalische Praxis zu reflektieren, anzupassen und zu verbessern. “The work is something that’s used in my therapy a lot, and I hear it a lot in self-care and books about mental health – the work on yourself basically. Which I’ve done with therapy, running, pilates and an osteopath”, lacht er. „More succinctly though, he suggests that the last few years have primarily been about“self care and trying to put the work in on myself to see where I’m going wrong and why I might be depressed. When my first daughter was born I found that transition really hard from not being the only person to look after -just taking caring of myself, not having time to do anything and managing my time, so I had to work on that too: there are loads of things the work can be about.” Hier beschwört er die emotionale Qualität herauf, die seine bisherige Karriere definiert hat, während es sich gleichzeitig mutiger, selbstbewusster und verspielter anfühlt. „I get more comfortable with the music I make as Gold Panda now,” sagt er. “I always wanted to do the ‚cool music‘, but I can only make the music I make, I suppose. I think that’s why I find making club music hard – I don’t spend enough time in them. I don’t know where I fit in, and maybe that’s good.”

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Newcomer:

1. HAWA – HADJA BANGOURA (VÖ: 04.11.22)

Man hört viele Klischees über die Generation Z, aber die 21-jährige, in Berlin geborene HAWA, die sich selbst als „alte Seele“ bezeichnet, scheint den meisten Schubladen, in die man sie stecken will, zu entfliehen. Von ihrer Erziehung in Guinea, über ihren Eintritt in das musikalische Universum durch die New Yorker Philharmoniker, bis hin zu ihrer Liebe zu Tracy Chapman – ihre Geschichte als Künstlerin ist eine, die man nicht allzu oft sieht. Für HAWA hingegen ist es einfach ihr Leben. Ihr Debütalbum ist knackig kurz, ganz nach ihrem Glauben an das „Sweet and Simple“-Prinzip – dafür aber umso vielseitiger. Denn hier bewegt sich eine spannende Newcomer-Künstlerin mühelos zwischen Rap, R&B, Afrobeat und darüber hinaus. Gleichzeitig reflektiert sie über die toxischen Eigenschaften von sich selbst und anderen, die in einem pandemiebedingten Moment der Stille an die Oberfläche kamen, und über ihr allgemeines Gefühl der Sehnsucht. Und sie hat ein Ziel – sie möchte, dass die Leute eines von ihrer Musik mitnehmen: „HAWA ist gut und weiß genau, was sie tut. Ich will nur den Respekt dieser Branche.“ Unseren hat sie schon mal!

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2. The Haunted Youth – Dawn Of The Freak (VÖ: 04.11.22)

In Belgien geht es teils sehr schnell, wenn es darum geht, aus dem Nichts mit einem ordentlichen Hype versehen ins Rampenlicht gehievt zu werden. Und so erging es auch den Newcomern von The Haunted Youth, die sich in ihrer Heimat schon nach wenigen Singles zu Indie-Lieblingen mauserten. Und wahrhaftig zeugt das Debütalbum der Band um Joachim Liebens, dass hinter all der verhallten Sepiahaftigkeit des jungen Quintetts ein außergewöhnliches Gespür für Melodie und Effekt, sowie emotionale Resonanz steckt. Songs von der gefühlten Ambiguität eines Teen Rebel oder Coming Home tragen die bittere Süße unerfüllter Liebe in sich, aber auch die Vorfreude auf alles, was noch kommen mag. Damit stehen sie in einer reichen Tradition, die sich von MGMT und DIIV bis Slowdive und The Cure erstreckt. Wer sich mit diesem Soundspektrum identifizieren kann, wird bei The Haunted Youth ziemlich sicher ins Schwärmen geraten.

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3. Anna Mieke – Theatre (VÖ: 18.11.22)

Gestatten: Anna Mieke! Die irische Sängerin und Multi-Instrumentalistin aus Wicklow ist das neuste Signing von Nettwerk (SYML, Vök, Stu Larson, Ocie Elliott) und zeigt gleich mit ihrem Zweitwerk, welches Talent in ihr schlummert. Zwischen Folk- und Traumwelten entwirft sie ausartende, wie abwegige Melodien, die Abgründe wie Gedankenreisen auftun – mal wunderschön, mal auch ein wenig schrullig, aber auf jeden Fall spannend alles andere als eintönig.

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Wiederkehrer: Kenny Beats – Louie (31.08.22)

“I always said that I wouldn’t do a solo album because I didn’t have anything to say. Finally, I did”, sagt Kenny Beats über sein am 31. August digital und auf CD/ Vinyl am 27. Januar 23 auf XL Recordings erscheinendes Debüt-Album Louie – und weiter: “Something dark turned into something beautiful. This album encapsulated the feeling of that one month”. Doch zurück zum Anfang, zurück nach Bath, England, wohin Kenny nach einer Trennung floh, um sich inmitten der Hochphase der Pandemie in die Produktion des neuen IDLES Albums zu stürzen und neuen Halt in einer unbekannten Umgebung und in der Kunst zu finden. Bevor er allerdings dazu kam seine Lieblings-Rock-Band zu produzieren, erreichte ihn ein weiterer Tiefschlag, in Form der Nachricht, dass bei seinem Vater Bauchspeicheldrüsen-Krebs diagnostiziert wurde. Doch wer hier trübselige Trauermusik erwartet, hat sich getäuscht – viel mehr setzt Kenny Beats seinem Vater, dessen Radio-Leidenschaft und seinen Mixtape-Anfängen ein musikalisches Denkmal, das so vielschichtig, emotional und einfach nur zeitlos klingt, dass es nur so eine Freude ist und an die Hochphase der Avalanches erinnert…

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Dominik

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!

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