VILLAGERS – That Golden Time


Foto-© Andrew Whitton

Remember, dear, that golden time
Before you thought you had to choose
Between the shrinking violet truth
And a growing list of IOUs

Before the keeper of the gate
Revoked your ticket to the land
Where eloquence was still in date
And everything was cash-in-hand

Before the dulling of the mind
Encased in algorithm blues
Hollowed out the heavy stuff
Replaced it with a careful ruse

(Villagers – That Golden Time)

Conor O’Brien hat in seiner mittlerweile auch schon 15-jährigen Zeit als Mastermind der Indie-Band Villagers noch nie eine Platte vorgelegt, die sich so anhörte wie der Vorgänger. Aber das Kontrastprogramm, das er seinen Fans jetzt zumutet, ist dann doch besonders krass: Auf sein experimentell wucherndes, psychedelisch schillerndes und fast schon überladen opulentes Fever Dreams (der Titel traf den Nagel auf den Kopf) folgt ein zartes That Golden Time – das “vermutlich verletzlichste Album, das ich bisher gemacht habe”, wie der Ire sagt. Wenn Fever Dreams so großartig wie anstrengend war, dann ist That Golden Time so großartig wie anrührend. Und letztlich eine weitere Steigerung in einem ohnehin fantastischen Gesamtkatalog. Die Villagers-Bilanz bleibt also makellos.

Mehr als die sechs vorherigen Studioalben dieses stets spannenden Folkpop-Projekts ist das aktuelle de facto ein Solowerk. Die aus alten Dubliner Freunden bestehende Villagers-Band der Anfangsjahre ist Geschichte – Conor O’Brien macht jetzt alles Wesentliche selbst. “Well, I played everything on it except for the very ending. Then I got in violin players, a viola player, a cello player, a soprano vocalist, a bouzouki player, a pedal steel guitar player. All the instruments I couldn’t play myself came in at the very end of the process”, sagt der 41-jährige Multiinstrumentalist im Bedroomdisco-Interview in Berlin. “With this (album) it was like even when I was bringing these songs to the mastering engineer at the end, the file name was still “Demos”. So You’re hearing the demos of these songs, very built up demos.”

Zwar ist der Sound auch diesmal nicht wirklich spartanisch angelegt, aber doch wesentlich luftiger als auf früheren Alben, nähert sich damit dem tollen Debüt Becoming A Jackal (2010) und – mit seinen dezenten elektronischen Texturen – der vielleicht besten Villagers-Platte Awayland (2013) an. “I sort of feel a link with the beginnings of Villagers, with the Becoming A Jackal album”, meint auch O’Brien. “There’s something about trying to get under the cover of things, under the cover of superficial things. (…) This new album is going back to make kind of a psycho drama. like a psychological thriller almost.” Dass dieser Sänger einer von der leisen Sorte ist, seine Texte eher haucht oder wispert als kraftstrotzend dramatisch äußert, verstärkt die Wirkung noch.

Neben den wunderhübschen, aber vergleichsweise unauffälligen Vorab-Songs That Golden Time und You Lucky One strahlen der Opener Truly Alone (nur Stimme, pochende Piano-Akkorde und elektronische Effekte), die an Nick Drake erinnernde Folk-Ballade First Responder und der unfassbar intensive Doppelpack No Drama/Behind That Curtain besonders hell. “When You look at dating apps – people always write: No drama”, sagt O’Brien im Interview. “I thought that was such a funny phrase. Because life is drama. (…) And I thought it might be funny to write my most melodramatic song and call it No Drama.” Den darauf folgenden, traumhaft schönen Track Behind That Curtain, der nach fünf Minuten Richtung Electro und Jazz abbiegt, hält auch O’Brien für einen Schlüsselsong des Albums.

Insgesamt ist That Golden Time – wenn man es kritisch sehen will – ein weniger wagemutiges, ein gefälligeres Album als Fever Dreams geworden. Diese Lieder sind wirklich ausnahmslos bezaubernd melodieselig. Zeitweise hört man sogar Conor O’Briens Verehrung für die Soundtracks von Ennio Morricone heraus, etwa im zutiefst melancholischen, streicherverzierten No Drama oder im Closer Money On The Mind mit dem Auftritt der Sopranistin Katy Kelly. “Yeah, Morricone – I cry a lot when I hear his music, even some of the lesser known films have some of his best soundtracks”, sagt O’Brien. “My first love of music, when I was a child, was film soundtrack music. That’s what really got me into music.”

Wie es mit den Villagers nach dieser Fast-Solo-Platte nun weitergeht? Erst einmal tritt Conor O’Brien mit einigen vertrauten Musikern live auf (zum Glück auch in Deutschland), danach kehrt er zu einem bereits angefangenen neuen Album zurück, dessen Songs wieder “really different” klingen sollen. Die “Dorfbewohner” bleiben also, dem biederen Namen zum Trotz, eines der interessantesten, weil unberechenbarsten Projekte im Indiepop. Zufriedenheit mit dem Erreichten verbietet sich für O’Brien denn auch: “I think that’s always the death nail of creativity if You’re satisfied. I don’t really like to feel satisfied – I prefer kind of keep moving and changing.”

Villagers – That Golden Time
VÖ: 10. Mai 2024, Domino
www.wearevillagers.com
www.facebook.com/Villagers

Villagers Tour (Support: Hamish Hawk):
30.05.24 Hamburg, Christianskirche
01.06.24 Berlin, Passionskirche
02.06.24 Köln, Luxor

YouTube video

Werner Herpell

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