HOLLOW HORSE – 5


Foto-© Alan McCormack

Everything works out
Exactly as it should
There is nothing she would change
Even if she could

She taught me that to lose
Is just another way to win
It’s simply how you chose
To look at things

It’s how you look at things
How you look at things

(Hollow Horse – How You Look At Things)

Diese wundersame Happy-End-Geschichte beginnt mit einer harten Rückblende – ins Glasgow der 70er/80er Jahre. Die schottische Metropole hatte noch nicht viel von dem Glanz, der 1990 mit einer Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt über sie kam. „Die beiden Fluchtwege für aufstrebende Teenager aus der Arbeiterklasse waren immer entweder Fußball oder Musik“, sagt Kenny Little, Frontmann der seit jenen düsteren Eighties aktiven Sophisticated-Pop-Band Hollow Horse im Bedroomdisco-Interview. „Und deshalb hat Glasgow eine so lebendige Musikszene mit unzähligen großartigen Bands, die eine solche Vielfalt an großartiger Musik produzieren.“

Little ist viel zu bescheiden, um hinzuzufügen, dass sein Langzeitprojekt mit vielen Live-Auftritten und exzellenten Albumproduktionen (das Debüt Five Year Diary erschien 2003) selbst zu diesen großartigen Bands aus der heimlichen Indiepop-Hauptstadt des UK zählt. Nur blieben Hollow Horse leider, im Gegensatz zu anderen, teilweise stilistisch verwandten und tatsächlich berühmt gewordenen Glasgow-Acts (von Aztec Camera bis Travis), trotz ihrer unstrittigen Klasse stets unter dem Radar. Aber vielleicht gibt es im Pop ja doch noch Gerechtigkeit.

Denn mit ihrem fünften Album, kurz und treffend 5 betitelt, machen sich Kenny Little und Hollow Horse nun auf den Weg zum – nun ja, vielleicht noch nicht Weltruhm (so gerecht ist Pop dann doch nicht), aber immerhin zu einer längst überfälligen breiten Beachtung als eine der besten Bands von der Insel. Diese auf dem kleinen deutschen Liebhaber-Label Platiruma veröffentlichte Platte dürfte alle glücklich machen, die anspruchsvollen, edlen Pop mit Wurzeln in den Sixties bis Nineties lieben. Mit den Koordinaten Burt Bacharach, Lennon/McCartney, Brian Wilson, Prefab Sprout, XTC, Trashcan Sinatras und The Pearlfishers ist die Musik von Hollow Horse ganz gut beschrieben – ohne dass die Songs je nachahmend oder gar abgekupfert klingen.

Solche (ehrenvollen) Vergleiche „kommen nicht daher, dass wir von ihnen beeinflusst sind oder sie in irgendeiner Weise kopieren wollen, sondern weil ich im gleichen Alter wie diese Songwriter bin und in meiner Jugend die gleichen Platten gehört habe wie sie und daher die gleichen frühen Einflüsse habe wie sie“, betont Kenny Little. „Je länger man das Handwerk studiert, desto länger man es ausübt, desto mehr entwickelt man meiner Meinung nach langsam seine eigene Stimme, seine eigene Arbeitsweise, seinen eigenen Stil. Zumindest hoffe ich, dass ich das erreicht habe. Dennoch empfinde ich es als großes Kompliment, mit so talentierten Songwritern und Bands verglichen zu werden.“

Wer nun 5 hört, diese fabelhaft produzierte Platte einer im Kern fünfköpfigen, um etwa zehn befreundete Musiker erweiterten Band, der kommt aus dem Staunen über so viel souveräne Meisterschaft bei Songwriting, Vocals und Arrangements nicht mehr heraus. Dies ist eine Art Konzeptalbum mit einem ambitionierten Spannungsbogen, der vom Intro Unter Starters Orders… bis zum Outro The Final Furlong in rund 40 Minuten einen lebhaften Tag auf der Rennbahn abbildet (die 14 Musiker firmieren denn auch als Jockeys mit witzigen Alias-Namen).

Innerhalb dieses erzählerischen Rahmens befinden sich elf mal muskulöse, mal melancholische Pop-Rock-Songs und Balladen, denen es an nichts fehlt. Man hört und genießt prächtige Jangle-Gitarren (How You Look At Things/Through The Lens Of Time), dynamische Bläsersätze (Burning The Paper), sehnsüchtige Trompeten-Soli (Steal The Starlight, Who Misses Out The Most), perfekte Harmony-Gesänge (I Generate Joy) und tolle Duett-Vocals von Kenny Little und Suzanne Enterkin Kelly (I Died For You Once, You Are The Universe). Zum Ende hin wird 5 immer größer, feierlicher, „klassischer“. Das von Enterkin Kelly allein gesungene For Every Fall There Is A Rise, aber auch All My Friends und Twice As Good And Half As Bad erinnern tatsächlich an Großtaten von Burt Bacharach oder Paddy McAloon.

Die festen Bandmitglieder Ian Stevenson (Schlagzeug), Kevin Devlin (Bass) und Brian McNeill (Keyboards) erzeugen einen brillanten, durchaus üppigen, jedoch zum Glück nie überladenen Sound. McNeill hat „alle fünf unserer Alben produziert“, sagt Kenny Little. „Ehre, wem Ehre gebührt: Es ist Brians Talent als Toningenieur und Produzent zu verdanken, dass unsere Alben so ausgefeilt und klar produziert sind. Es gibt nur eine Handvoll Menschen, denen man im Leben begegnet, die wie eine Naturgewalt den Lauf des Lebens auf wirklich positive Weise verändern. Brian war einer davon.“
Auch für Hollow Horse (laut Label „Glasgows vergessene Legenden“) sollte sich der „Lauf des Lebens“ mit dem Start-Ziel-Sieg dieser herausragenden Platte nun positiv verändern. Verdient hätte diese Band es allemal, nach so manchen Enttäuschungen über rund 40 Jahre.

„Natürlich habe ich Zweifel – meine Güte, ich habe oft das Gefühl, nicht gut genug zu sein, dass die Songs nicht gut genug sind. Solche negativen Gedanken, das kann eine Qual sein. Warum mache ich mir dann die Mühe? Ich mache es, weil ich dazu getrieben werde“, sagt Kenny Little im Interview. Er sei aber auch hartnäckig, „jemand mit einem Traum, der sich einfach weigert, aufzugeben. (…) Und ich hoffe jetzt, dass deine deutschen Leser neugierig auf diesen Mann, seine Reise und seinen Traum werden und sich selbst ein Bild von seiner Arbeit machen.“ Was hiermit dringend empfohlen sei.

Hollow Horse – 5
VÖ: 01. August 2025, Platiruma
https://hollowhorse1.bandcamp.com
www.facebook.com/HollowHorse

YouTube Video

Werner Herpell

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