
Foto-© Jono White
I see the visions on the screen
But it plays, it only plays for me
(Alice Merton – Visions)
Alice Merton eröffnet ihr neues Album Visions mit einer spürbar rohen Kraft. Schon in den ersten Momenten ist klar, dass sie etwas zu sagen hat und niemandem etwas beweisen muss – entschlossen und direkt, dabei offen für Feinheit und Zwischentöne. Genau diese Energie zieht sich durch das gesamte Album wie eine Strömung: kraftvoll, ruhig und ständig in Bewegung.
Ihre Art zu erzählen ist persönlich und poetisch, ohne sich zu verlieren. Jeder Song steht für sich, trägt eigenes Gewicht und doch sind alle miteinander verbunden, kreisen um denselben emotionalen Kern. Visions entfaltet sich wie ein breites Spektrum von Gefühlen und weigert sich, sich auf eine einzige Stimmung festzulegen.
Nach ihrer EP Heron (2024) zeigt Alice Merton mit ihrem dritten Studioalbum ein Verständnis von Stärke, das nichts Starres hat. Visions begreift Kraft als etwas Wandelbares – als die Fähigkeit, unterschiedliche Energien in Selbstvertrauen und innere Klarheit zu überführen. Hoffnung, Widerstandsfähigkeit und Entschlossenheit ziehen sich durch die Songs, ohne jemals plakativ oder erklärend zu wirken.
Mit Landline verlangsamt Merton das Tempo nach der Intensität von Songs wie Ignorance Is Bliss und Cruel Intentions bewusst. Der gemeinsam mit Dan Smith (Bastille) geschriebene und von Jennifer Decilveo produzierte Song markiert einen ruhigen Moment innerhalb der Album-Dramaturgie. Er richtet den Blick nach innen und beschäftigt sich mit der Frage, wie Nähe und Verbindung in einem digitalen Zeitalter bestehen bleiben können, in dem Kontakt oft vermittelt und verzögert ist.
Der Song entspringt einem sehr persönlichen Impuls. Merton erzählt davon, sich ein Festnetztelefon gekauft zu haben – nicht aus bloßer Nostalgie, sondern aus Sehnsucht nach der Ungewissheit, die damit einst verbunden war: das Warten, das Nichtwissen, wer am anderen Ende sein könnte und die stille Hoffnung, dass der Anruf einem selbst gilt. Landline macht eine Vision aus der Vergangenheit im Hier und Jetzt lebendig ohne sie zu verklären.
Ein großer Teil von Visions entstand in den Floki Studios in Island, wo sieben der dreizehn Songs geschrieben wurden. Die Abgeschiedenheit und Weite der Landschaft spiegeln sich im Album als Atmosphäre wider. Es entsteht ein Gefühl von Distanz und Klarheit, das den Eindruck verstärkt, einer Künstlerin zuzuhören, die ihrem kreativen Instinkt mit Vertrauen folgt.
Statt einer losen Sammlung einzelner Songs wirkt Visions wie ein zusammenhängendes emotionales Statement. Stärke definiert sich hier über Offenheit, Beweglichkeit und innere Balance. Alice Merton formt Energie zu etwas Beständigem und Selbstsicherem und schafft ein Album, das gleichzeitig weit gefächert und intim bleibt, klar in seiner Haltung und bereit Verletzlichkeit zuzulassen.

Alice Merton – Visions
VÖ: 16. Janaur 2026, Paper Plane
www.alicemerton.com
www.facebook.com/alicemerton
Alice Merton Tour:
01.03.26 Berlin, Kesselhaus
02.03.26 Köln, Kantine
03.03.26 Bielefeld, Lokschuppen
04.03.26 Frankfurt, Zoom
08.03.26 Stuttgart, Im Wizemann
09.03.26 München, Technikum
22.03.26 Hamburg, Fabrik

