DRUG STOP – Love You All The Time


Foto-© Tibor Bozi

Heaven, heaven is a lot of
Heaven is a lot of, a lot of pain

And you don‘t make me laugh
And you don‘t make me cry
And you don‘t make me feel anything
It makes me wonder why

Heaven, heaven is a lot of
Heaven is a lot of, a lot of pain

It feels like being trapped in a cage
You‘re stuck with not way out
Running all the time against the wall
All that‘s left is scream and shout

(Drug Stop – Heaven)

Man weiß sofort, da kann nicht mehr viel schiefgehen, wenn sich eine Band Drug Stop nennt. In leichter, aber entscheidender Abwandlung von Truck Stop – jener berühmt-berüchtigten Deutsch-Country&Western-Truppe „aus Seevetal-Maschen südlich von Hamburg“, wie es bei Wikipedia heißt, mit notorischen Schlagern wie Ich möcht‘ so gern Dave Dudley hör’n oder Take It Easy, Altes Haus. Statt an einem Lkw-Rastplatz halten die fünf Münchner um den genialen Indie-Rock-Spaßvogel Markus Naegele offenkundig lieber an einer Tankstelle für bewusstseinserweiternde Substanzen an – was man der Musik des Drug-Stop-Debütalbums manchmal auf ganz wunderbare Weise anhört.

Markus Naegele? Ja, genau der, von Fuck Yeah und Don Marco & die kleine Freiheit. Außerdem, wie man kürzlich dem „Börsenblatt“ der Buchbranche entnehmen konnte, seit Oktober 2025 „im Lektorat des Kunstmann Verlags. Seit 1998 arbeitet er als Lektor, gründete das Heyne-Imprint Heyne Hardcore und leitete zuletzt das Programm bei btb.“ Aber klar, für uns hauptsächlich interessant ist der auch schon fast 60-jährige Naegele als Frontmann verdienter Indie-Combos, der mit seinem aktuellen Projekt zu englischen Texten zurückgekehrt ist und im schönen München eine neue Band um sich geschart hat.

Mit dem 8-Track-Album Love You All The Time liefern Drug Stop eine beeindruckende Duftmarke ab, die nach Naegeles eigener Definition unter anderem Einflüsse von Velvet Underground, NEU, Wilco, The Clash, Primal Scream, Rolling Stones und Afghan Whigs enthält. Da schämt sich ein Musiker mal nicht seiner ohnehin unüberhörbaren Inspirationen – im Gegenteil, er benennt sie offensiv. Und warum auch nicht, sind all diese Namen doch keineswegs ehrenrührig. Zusammengefasst: Ein typischer Drug-Stop-Joint besteht aus „90s-Indie-Slacker-Rock mit krautigen und psychedelischen Elementen, streift durch Bläser-Einschübe, free-jazzige Gefilde und scheut auch vor gewagten Gospelchören, Feedback-Experimenten oder Country-Moves nicht zurück“.

Und da Markus Naegele nicht nur ein toller Musiker, sondern schon rein berufsbedingt ein Meister des Wortes ist, lassen wir ihn zur Beschreibung des zentralen und ausuferndsten Albumstücks Heaven gleich nochmal übernehmen (dieser Reviewer könnte es nämlich nicht besser):

„Was gab es da nicht schon alles für große und kleine, fulminante und desaströse Songs, die gen Himmel blickten: Talking Heads, Psychedelic Furs, Depeche Mode, Bryan Adams. Bei The Smiths wusste der Himmel Bescheid, dass Morrissey unglücklich war. Bei Belinda Carlisle war der Himmel ein Ort auf Erden. Bob Dylan klopfte ein paar Mal an der Himmelspforte, und bei Meat Loaf konnte der Himmel noch eine Runde warten. Nun also Drug Stop, bei denen der Himmel voller Schmerzen ist. Und das ganze 7 Minuten und 40 Sekunden lang. Als erste Single, als erstes Lebenszeichen einer neuen Band. Haben die nicht alle Tassen im Schrank? Wissen die nicht, dass in Zeiten von TikTok und Spotify mehr als zweieinhalb Minuten nicht geht? Da hört doch keiner zu, die Hook muss in 30 Sekunden da sein. Give the people what they want. Doch in München gibt man sich störrisch. Die Band lässt den Hörer nach dem gesungenen Entree erst mal warmlaufen, der Groove setzt ein, die Adler drehen im Video dazu ein paar Runden, in Manchester hätte man dazu früher komische Bucket Hats aufgesetzt und getanzt. Die Refrain-Melodie wird wiederholt, und dann noch mal, und dann kommen Bläser und Chöre hinzu – und das Ganze hebt ab gen Himmel.“

Ein nicht nur langer, sondern ein großer Song. Und auch der Rest macht enorm Spaß: der launige Opener 57 Years etwa, mit dem Bekenntnis des Sängers, bereits 80.000 Biere getrunken zu haben; oder das vom Saxofon mitgeprägte psychedelische Gitarrenpop-Titelstück; oder der in Krautrock-meets-Neil-Young-Gefilde driftende Rocker Maybe I’m The Only One For Me. Nach dem schon erwähnten Heaven wird die Platte etwas konventioneller, mit Erase Me und dem Closer Garbage gar richtig ruhig – aber zum Glück nie betulich oder berechenbar. Ihr Ziel („acht Smash-Hits für alle Lebenslagen und Gemütszustände: heiter und wolkig, euphorisch und niedergeschlagen“) erreichen Drug Stop also locker. Super Scheibe – so darf das Musikjahr 2026 gern weitergehen.

Drug Stop – Love You All The Time
VÖ: 16. Januar 2026, Rheinschallplatten
https://bio.music-hub.com/drugstop
www.facebook.com/p/DRUG-STOP-BAND-61558822049292

YouTube Video

Werner Herpell

Mehr erfahren →